Kaffee mit…

Rudolf Obrecht, VR-Präsident der F.G. Pfister Holding AG

Der Schock war gross für Mitarbeitende, aber auch für die Kundschaft. Genau vor einem Jahr wurden die 18 Pfister-Filialen sowie die Möbelhäuser Hubacher, Egger und Svoboda mit insgesamt 1800 Angestellten an den österreichischen Möbelgiganten XXXLutz verkauft. Ein Verkauf des traditionsreichen Möbelgeschäfts, das 1882 gegründet wurde und im Besitz einer Stiftung war, schien vielen eine Ungeheuerlichkeit. Verantwortlich und federführend bei diesem Verkauf war Rudolf Obrecht, Verwaltungsratspräsident und Delegierter der F.G.Pfister Holding AG.

Zum Kaffee hat der 59-Jährige in die Bar 45 geladen. Schwarzer Marmor am Boden, Granit an den Wänden, es sieht so aus wie in einer edlen Bar in Milano. Und vor allem der Cappuccino ist so gut wie in Italien. In der Sitzgruppe in der Ecke mit Blick auf die zwölf Meter lange Theke und die Rundbogenfenster fühlt sich der Manager wohl. Nur das UBS-Logo mit den drei gekreuzten Schlüsseln verdeckt etwas die Aussicht auf die Zürcher Bahnhofstrasse.

«Vor einem Jahr stand ich unter Druck», lacht Obrecht. Angesichts des Unrechts? «Gar nicht, der Verkauf war mehr als richtig.» Die Maske hat er während des Gesprächs ausgezogen. «Ich bekomme das Coronavirus nicht. Das sage ich mir immer wieder.» Ist das eine Art Selbsthypnose? «Nein, nein, diese Vorstellung ist wie ein Placebo und löst einen Willen aus, und der Wille löst Taten aus. Der Wille ist nur die Logik der Vorstellung», philosophiert er. Doch schon bald ist er wieder auf dem Boden der Realität angelangt. Dank des Verkaufs seien Arbeitsplätze gesichert und die Marktfähigkeit erhalten worden. Die Stiftung könne durch den Erlös neue Arbeitsplätze in der Schweiz schaffen. «Wir standen vor der Wahl: Ist uns die Selbstständigkeit der Unternehmensgruppe oder das Wohl der Mitarbeiter im Sinne der Arbeitsplatzsicherheit wichtiger?» Die Stiftung hätte sich dann für das langfristige Wohl der Mitarbeitenden entschieden. Zudem könne jeder, der bei den verkauften Einrichtungshäusern arbeitet, bei Notlagen von der Unterstützung der F.G.Pfister Vorsorgestiftung profitieren, sogar wenn er erst nach dem Verkauf angestellt wurde.

Wurde der Stiftungszweck – die Erhaltung des Unternehmens – zweckentfremdet? «Nein, ein Verkauf der Pfister AG war jederzeit möglich.» Aber vielleicht kam der Verkauf im falschen Moment? Denn in diesen Coronazeiten gehört die Möbelbranche eher zu den Gewinnern. Diesen Sommer wurden mehr Möbel für Garten und Balkone verkauft als sonst, mehr Büros daheim eingerichtet und auch die Einrichtung zu Hause wird immer wichtiger. «Volumenmässig haben die Wohneinrichtungen nicht zugelegt», sagt Obrecht. Zudem verkaufe Pfister keine Büromöbel. «Nach einem Aufschwung kommt immer wieder eine Delle. Eine Sitzgruppe oder ein Bett halten mehrere Jahre», erklärt er. Dank der Einkaufsmacht mit XXXLutz und der breiten Online-Plattform gehe es heute Pfister besser als vor einem Jahr. Zudem bleibe die Marke Pfister bestehen.

Obrecht ist nun auch Verwaltungsratspräsident der XXXLutz Schweiz, zu der auch Mömax gehört. Er argumentiert gerne, weshalb es sich lohnt, eine Tochter der XXXLutz-Gruppe zu sein. Bei Zahlen kneift er. Umsatzzahlen – geschweige denn Gewinnzahlen – will er keine nennen. Auf gut 500 Mio. Fr. wird der Verkaufserlös von Pfister und der anderen Möbelhäuser geschätzt. Mit dem Erlös soll künftig in Schweizer Unternehmen und Arbeitsplätze investiert werden, verspricht Obrecht. Jüngst hat sich die Pfister Holding an Zesa.ch beteiligt, ein Unternehmen, das ergonomische Möbel produziert und verkauft und fünfzig Mitarbeitende beschäftigt. Paradox: Man verkauft ein Möbelimperium und kauft dann wieder ein kleines Möbelunternehmen. «Das war reiner Zufall», beschwichtigt Obrecht. Doch diese Beteiligung war nur der Anfang. Er sieht einen grossen Bedarf vonseiten der kleinen und mittelgrossen Unternehmen, die ein Nachfolgeproblem haben. An solchen Schweizer Unternehmen ist die Stiftung interessiert, um die Kontinuität des Betriebs sicherzustellen.

Möbel und Mode sind die Leidenschaft des ausgebildeten Textilkaufmanns. Das zeigt sich auch am schicken «Poschettli», das er trägt. Eigentlich sollte er einst die Herrenkleiderfabrik Obrecht in Balsthal übernehmen, «das älteste Herrenfabrikationsgeschäft der Schweiz», wie er stolz ­erklärt. 150 Personen hat es in seinen besten Zeiten beschäftigt. Doch daraus wurde nichts. Als das Unternehmen in den Achtzigerjahren verkauft wurde, stieg Obrecht bei Lantal Textiles ein, das Sitzbezüge im Transportbereich herstellt. Später holte ihn ein Headhunter zu Möbel Pfister, wo er Zentrumsleiter von Möbel Pfister in Suhr wurde. Seinem Geburtsort ­Balsthal blieb er treu. Noch heute wohnt er dort, nur 400 Meter entfernt von seinem Elternhaus. Die Geschäftsführung seiner eigenen Managementtrainingsfirma hat er abgegeben. In diesem kleinen solothurnischen Dorf hat er auch sein Büro.

Nach der Arbeit geht der schlanke Manager fast täglich ins Fitnessstudio. «Muskelaufbau ist im Alter wichtig», erklärt er. Dazu joggt er oder fährt Velo. Zwei Töchter und einen Sohn haben seine Frau und er im Solothurnischen grossgezogen. Nun ist er Grossvater geworden. «Enkel sind das Dessert im Leben.»

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