Kaffee mit…

Samira Marti, Nationalrätin

Schon bei der herzlichen Begrüssung durch die Cheffe de Service wird klar: Samira Marti ist keine Unbekannte im Liestaler Mooi. «Dieses Lokal ist auch ein bisschen eine Herzensangelegenheit», sagt sie. Im 2012 wiedereröffneten Café, zu dem auch ein Hotel und ein Kulturzentrum gehören, hat die im Nachbarsdorf Ziefen aufgewachsene Marti zwei Jahre lang gearbeitet.

Es hat massgeblich dazu beigetragen, dass der Baselbieter Kantonshauptort für die jüngere Generation wieder attraktiver geworden ist. Politik beginnt für Marti im Kleinen, und das Ziel formuliert sie gleich selbst: «Es geht mir primär darum, das Leben der Menschen zu verbessern.» Was sich im Wahljahr 2019 wie ein gut einstudierter Werbespruch anhören könnte, nimmt man der jungen SP-Politikerin ab. Die Überzeugung von ihrer Sache wirkt ernst.

Erst einundzwanzig Jahre alt war Samira Marti, als ihr bei den Wahlen 2015 fast 14 000 Baselbieter Stimmende ihr Vertrauen aussprachen. Der vierte Listenplatz war ein ansehnliches Ergebnis, «ich habe einige Politgrössen überholt», schmunzelt sie, aber dass er ins Bundeshaus führen würde, war damals wenig wahrscheinlich.

Mit einem Wähleranteil von gut 20% ist die SP im Kanton Baselland zwar die zweitstärkste Kraft und stellt zwei Nationalräte. «Dass es schliesslich doch klappte, da war schlicht Zufall dabei», glaubt Marti aber. Tatsächlich fügten sich die Ereignisse: Die langjährige Nationalrätin, Susanne Leutenegger Oberholzer, gab im März 2018 ihre Rücktrittsabsicht bekannt. Schon davor war klar, dass Kathrin Schweizer, die den Platz vor Marti belegt hatte und eigentlich nachrutschen sollte, sich als Regierungskandidatin aufstellen würde.

Sonst überlässt die Jungpolitikerin nicht viel dem Zufall: Einen Termin mit ihr zum Kaffee zu finden, war ein Leichtes. E-Mails beantwortet sie nach wenigen Minuten. «Ich bin Perfektionistin und immer organisiert.» Das kommt ihr beim gegenwärtigen Medienrummel entgegen. Die zweitjüngste Nationalrätin aller Zeiten – Parteikollegin Pascale Bruderer war bei ihrem Einzug ins nationale Parlament im April 2002 einige Wochen jünger – stand zuletzt viel im Rampenlicht.

Dabei wirkt sie zwischendurch so abgeklärt, als bewege sie sich bereits Jahre und nicht erst seit der letzten Session in Bern. «Du musst immer deine wichtigsten drei Positionen wiedergeben», habe sie kürzlich einer Kollegin geraten – und lässt dabei die Erfahrung durchblicken, die sie bereits mitbringt.

Sie sei in einem politischen Haushalt gross geworden. Auch wenn ihre Eltern nicht für eine Partei aktiv gewesen seien. «Sie haben uns mitgegeben, dass jeder eine Verantwortung für die Gesellschaft trägt.» Solidarität,  Gerechtigkeit und Gleichstellung – Werte, die sie bei den Jungsozialisten und später bei der SP wiedergefunden habe. Von 2014 bis 2016 war Marti Geschäftsleitungsmitglied.

Ihren ersten politischen Erfolg feierte sie bereits in der Sekundarschule: Erfolgreich setzte sie sich gegen die vom Regierungsrat geplante Schliessung der Schule ein. «Manchmal denke ich, wollen die Menschen die Geschichte wirklich nochmals hören?» Aber sie habe sich daran gewöhnt, die Dinge immer wieder zu erzählen.

Ihren Erfolg führt Marti auch auf ihr breites Netzwerk zurück. «Ich bin hier im Baselbiet verankert, die Leute kennen mich.» Genau das sei oft ein Problem der Frauen. Es fehlten Solidarität und Vorbilder. Auch deshalb setze sie sich für die Frauenquote ein. Zudem glaubt sie, dass Politikerinnen immer noch mehr mit Dossierfestigkeit überzeugen müssen als ihre männlichen Kollegen.

Um sie sich anzueignen, absolviert sie derzeit ein Masterstudium in Wirtschaft an der Universität Zürich. «Im Kern der Ungleichheit, die ich bekämpfen will, geht es um die Volkswirtschaft.»

In Bern hat Marti bereits ihre erste Motion eingereicht: Der Bundesrat soll, wie Schülerstreiks fordern, den Klimanotstand ausrufen. «Der Markt greift bei den fossilen Brennstoffen nicht. Wir werden noch viel zu lange genug Rohstoffe haben. Nur Regulierungen und Verbote werden helfen, den Verbrauch rechtzeitig zu reduzieren.» Dank dem weltweit einflussreichen Finanzplatz biete sich der Schweiz auch global ein Hebel.

Über ihre Wiederwahl kommenden Herbst macht sich die Jungpolitikerin dagegen noch wenig Gedanken. «Das Fundament ist da, und ich genoss 2015 einen Vertrauensvorschuss.» Die Leute hätten sie schliesslich aus einem Grund gewählt. Wenn man die Gäste des Mooi an diesem Freitagmorgen als Massstab nimmt, ist die Zuversicht durchaus berechtigt: Links und rechts wird sie strahlend gegrüsst, als wir das Lokal verlassen.

, Closing Bell / Kaffee mit

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