Kaffee mit…

Samuel Bon, CEO Swisscontact

«Unsere Branche besteht nur aus Quereinsteigern» – sagt einer, der einst Theologie und Sozialwissenschaften studiert hat und nun CEO eines Unternehmens mit 100 Mio. Fr. Umsatz und gut 1100 Beschäftigten in 36 Ländern ist. Eines ganz besonderen Unternehmens. Samuel Bon führt seit acht Jahren Swisscontact, eine Organisation, die Projekte der Entwicklungszusammenarbeit umsetzt. Eine ganz besondere Organisation: Sie steht der Schweizer Wirtschaft nahe, und ihre Projekte zielen namentlich darauf ab, in den Zielländern das Unternehmertum zu fördern.

Das tut Swisscontact seit gut sechzig Jahren. Damals entstand das Hilfswerk – im Grunde eine unzutreffende Bezeichnung, denn Swisscontact will nicht helfen, sondern vielmehr investieren und Wissen vermitteln, an Individuen wie an Betriebe. Initianten der Stiftung Swisscontact waren namhafte Persönlichkeiten aus der Schweizer Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Fünfziger- und Sechzigerjahre waren die Zeit des Kalten Kriegs und der Dekolonisierung; den Gründern ging es darum, in diesen Ländern einen Beitrag zum Aufbau zu leisten. Damals baute Swisscontact zum Beispiel in Indien, Indonesien oder Brasilien Polytechnika auf, Gewerbeschulen, die das Schweizer Know-how im dualen Berufsbildungssystem vermittelten.

Heute hat Swisscontact keinen «privilegierten Zugang» zur Schweizer Wirtschaft mehr, wie Samuel Bon beim Kaffee im «Stauffachertor» in Zürich sagt. Die Unternehmenslandschaft hat sich verändert. Konzerne wie Nestlé, Roche oder Credit Suisse, heute noch private Partner von Swisscontact, sind global tätig und haben ein internationales Aktionariat und, vor allem, Management; die Uno-Formel – Unternehmer, Nationalrat, Oberst – ist passé. Zudem betreiben Multis oft eigene Stiftungen. Mit denen arbeitet Swisscontact heute zusammen, zudem mit institutionellen Partnern wie der Deza oder dem Seco – Swisscontact ist einer der grössten Partner des Bundes in der Entwicklungszusammenarbeit. Hinzu kommen thematische Partner wie zum Beispiel das Zentrum für Entwicklung und Zusammenarbeit der ETH, das Fachkräfte für diesen Bereich ausbildet.

Eine zentrale Aufgabe von Swisscontact ist das Akquirieren von Mandaten. 2018 beschaffte sich Swisscontact gut 98 Mio. Fr., zu etwa 70% von öffentlichen Auftraggebern aus der Schweiz. Verwendet wurden 86 Mio. Fr., in Afrika, Asien, Lateinamerika und auf dem Westbalkan. Diese (befristeten) Mandate werden im Wettbewerbsverfahren vergeben. Swisscontact setzt sie um – darin besteht die Kernkompetenz. Es  geht darum, «Bottlenecks» zu beseitigen, sagt Bon: Es fehlt vielen Menschen (und ihren Betrieben) am Zugang zu Bildung, Kredit, Versicherung und Marktinformationen – von Bolivien bis Benin, von Bosnien bis Bangladesch. Solange diese Engpässe bestehen, «spielt der Markt nicht für die Ärmsten».

Hier setzt Swisscontact an. Die Swissness dabei, die landestypischen Stärken, sind die Akzente auf Berufsbildung, Dezentralität, Autonomie der Wirtschaft, zudem auch etwa das Wissen im Bereich von Landwirtschaft, Industrie oder Tourismus. Die Swisscontact-Leute, die das bewerkstelligen, sind nicht selten Agronomen, Ökonomen, Banker oder Techniker. Ein «Bottleneck», zu dessen Beseitigung Swisscontact beigetragen hat, war zum Beispiel der Zusammenschluss von Bauern in Honduras zu einer Genossenschaft, die dann in die Lage gebracht wurde, Süsskartoffeln nach Kanada zu exportieren. Das brauchte, eben, Ausbildung, Marktkenntnisse und Fähigkeiten wie das Erstellen anerkannter Qualitätsnachweise.

Solche Projekte zum Funktionieren zu bringen, braucht viel Zeit. Bon hat unlängst einen Quereinsteiger engagiert – gut fünfzig Jahre jung, bisher Leiter einer Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) in der Schweiz –, der nun in Kenia ein Projekt verantwortet und sich dabei auf acht bis zwölf Jahre einstellen muss. Swisscontact kann nicht einfach schweizerische Lehrgänge eins zu eins in solche Länder übertragen, sondern muss sie lokalen Gegebenheiten anpassen. Bon erzählt, dass eine Polymechanikerlehre in Afrika oft in eine Serie von Modulen aufgeteilt wird, denn die Schüler können in der Regel nicht vier Jahre am Stück eine Lehre besuchen, sondern müssen für ihren Lebensunterhalt Geld verdienen. So kann es sein, dass ihnen in einem Modul etwa das Schweissen beigebracht wird, eine Fertigkeit, die sich vermarkten lässt; darauf folgen weitere Module.

«Die Dynamik des Unternehmertums für die Entwicklungszusammenarbeit nutzbar machen» – so steht es im Geschäftsbericht des Unternehmens Swisscontact: Der CEO bzw. die sechsköpfige Geschäftsleitung führt die Organisation von Zürich aus, wo die zentralen Dienste angesiedelt sind; als Aufsichtsorgan fungiert der Stiftungsrat bzw. sein Ausschuss. Zwei bis drei Monate im Jahr ist Bon, auch das CEO-typisch, unterwegs, von Nicaragua bis Niger, von Nordmazedonien bis Nepal (weshalb er in den Ferien Flughäfen meidet): Bon besucht seine Leute «im Feld», pflegt Kontakte zu Schweizer Botschaften und zu den örtlichen Behörden. Im Lauf der Jahre hat er immer wieder festgestellt: «Die Afrikaner wollen gar nicht abhängig sein» – das gilt für die Leute anderswo genauso. Unterstützung, so, wie Swisscontact sie praktiziert, wird nicht verschenkt. Vielmehr wird gefördert und gefordert; mitunter müssen Schüler einen Beitrag an ihren Lehrgang bezahlen, erklärt Samuel Bon. Es soll ihnen vermittelt werden: «Was nichts kostet, ist auch nichts wert.»

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