Kaffee mit…

Sébastien Buemi, Rennfahrer

Gut möglich, dass es auch heute wieder geblitzt hat. Sébastien Buemi fährt im Privatleben nicht mit Vergnügen Auto, und in die Stadt Zürich zu fahren, ist ihm ein Graus. Er liegt im Clinch mit den Radarkästen, die gefühlt schon bei 50,1 Stundenkilometern blitzten. Muss er von seinem Heimatort Aigle nach Genf fahren, was öfters vorkommt, tut er dies mit dem Zug. Wir treffen uns an der Ecke Langstrasse/Lagerstrasse. Vermutlich nicht der idyllischste Ort in Zürich, um in aller Ruhe im Freien einen Kaffee zu geniessen. Eigentlich wäre die abgasreiche Luft das natürliche Habitat von Sébastien, der seine Karriere als Rennfahrer in der klassischen Formel 1 begann. Unser Kaffeeplausch findet dennoch in den Innenräumen des Hotels 25hours, in einer ruhigen Ecke der hippen Cinchona Bar, statt.

Das Waadtländer Allround-Talent holt sich in diesem Jahr nicht nur den dritten Titel als Langstreckenweltmeister, sondern steigert sich im Verlauf der Saison auch in der Formel E – dem Rennzirkus rund um batteriebetriebene Rennwagen. In der Gesamtweltrangliste landet Sébastien auf dem zweiten Platz. Vor zehn Jahren ist er von der Formel 1 auf den E-Rennzirkus umgestiegen. «Am Anfang vermisst man vor allem das Motorengeräusch. Da hört man nur noch den Wind. Die ersten drei, vier Runden sind ganz komisch», meint Sébastien zum Umstieg von einem klassischen Formel-1-Wagen auf E-Motor. Die Umstellung ist ihm dennoch leichter gefallen, als er anfangs gedacht hätte. «Man hört dafür andere Geräusche eher und nimmt den Wagen anders wahr. Den Zustand der Reifen kann man beispielsweise deutlich besser einschätzen, weil man die Nuancen beim Rutschen hört.»

In der Formel E werden nur Stadtrennen ausgetragen. Man kennt die Strecken viel weniger, denn bisher wechselten die Austragungsorte immer. Das unterscheidet die Rennen auch von der klassischen Formel 1, wo die Fahrer die jeweilige Streckenführung selbst im Schlaf abfahren könnten. Freies Training, Qualifying und Rennen finden in der E-Klasse an einem Tag statt, und somit hat man bei einem allfälligen Schaden am Rennwagen keine Chance mehr, dies rechtzeitig zu reparieren. «Bei einem Stadtparcours hast du überall Mauern. Keine Chance zum Ausweichen. Im Qualifying kann man nicht alles auf eine Karte setzen, sondern muss es vorsichtiger angehen lassen. Aber das macht die Rennen auch sehr interessant. Die Gesamtrangliste wird immer wieder durcheinandergeworfen. Wir hatten neun Gewinner in zwölf Rennen.» Das Heimrennen in Bern war ein Highlight für Sébastien in dieser Saison. Das Auf und Ab der Strassenführung erinnerte an eine Achterbahnfahrt. Obwohl die Strecke fast zu eng war. Dass es nächstes Jahr wieder ein Rennen in der Schweiz geben wird, bezweifelt er, auch wenn sich St. Moritz dafür beworben hat.

In der letzten Saison mussten die Fahrer während des Rennens noch das Auto wechseln, weil die Batterien zu schwach waren. Jetzt kann man knapp eine Stunde mit einer Batterie Vollgas geben, also ein ganzes Rennen lang. An der Batterieleistung wird geforscht und investiert, und es wurden dadurch enorme Fortschritte erzielt. Die Batterie lädt sich heutzutage innerhalb von circa vierzig Minuten komplett auf. Pitstops für den Reifenwechsel braucht es auch nicht. Die Augen des Rennfahrers leuchten, als er den sogenannten Attack Mode während des Rennens erklärt. Dieser Modus verleiht dem Fahrer zusätzliche Leistung und hilft somit beim Überholen oder beim Verteidigen der Position. Dazu fährt der Fahrer durch die «Attack Zone», in der drei Aktivierungsstreifen auf dem Asphalt angebracht sind. Der Wagen erhält dann einen Boost von etwa 40 bis 50 PS zusätzlich. Da diese Spezialzone etwas abseits liegt, muss der Fahrer taktisch klug entscheiden, zu welchem Zeitpunkt er den «Umweg» in Kauf nehmen will. Noch attraktiver werden die Rennen durch den Fan Boost. Die Fans können online oder per App für einen Fahrer abstimmen, und die fünf Piloten mit den meisten Stimmen dürfen in der zweiten Rennhälfte in einem Fünf-Sekunden-Fenster einen zusätzlichen Energieschub einsetzen.

Sébastien besitzt viele Autos, darunter natürlich auch ein E-Auto. Seine Familie hat eine VW-Vertretung und eine Reparaturwerkstätte. Dies wird für ihn eine Einkommensquelle sein, wenn die Rennfahrerkarriere dann einmal vorbei sein sollte. Er ist jetzt dreissig Jahre alt, manche Fahrer bleiben bis vierzig im Rennen. Sein Vater ist immer wieder daran, Immobilien in und um Aigle für ihn zu kaufen. Es sind meist ältere Objekte, die dann nach einer Renovation vermietet werden. Dies ist eine weitere Einkommensquelle, die Sébastien nach Karriereende selbst übernehmen möchte.

Der Zusammenhalt unter den Piloten ist gut, er hat Freunde im Fahrerlager gefunden. Zum letzten Rennen im Stadtteil Brooklyn in New York ist er früher angereist. Dann geht man unter den Fahrern schon auch mal zusammen zum Abendessen aus. Als er noch in Monaco lebte, trainierte Sébastien viel mit anderen Fahrern. Da wurden dann zusammen Velotouren gemacht. Mit zwei kleinen Kindern steht in der knappen Freizeit jetzt aber die Familie an erster Stelle. Allerdings liegt ihm die Geschwindigkeit wohl im Blut: Sehr gerne düst er auch mit seinem Speedboat über den Genfersee. Da gibt’s keine Blitzkästen, und Stau auch nicht.

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