Kaffee mit…

Serguei Beloussov, Cybersecurity-Experte

Dunkles Holz und mittelalterliches Gestühl füllen den kleinen Raum im Zunfthaus zur Haue am Limmatquai in Zürich, einer ehemaligen Trinkstube der Zunft zum Kämbel. Das passt so gar nicht zu meinem Gesprächspartner, Serguei Beloussov. Ein gross gewachsener, dunkel gekleideter Mann mit kahlgeschorenem Schädel und stahlblauen Augen. Er könnte problemlos Dienst als Türsteher verrichten. Er trägt eine Fliege, mit Firmenlogos geschmückt. Umgeschnallt eine Hüfttasche aus schwarzem Cordura, die verrät: Kein Türsteher, aber auch kein Konzernmann.

Für Kaffee ist keine Zeit, «Mineral mit» muss genügen. «Ich bin nicht hier, ich bin überall», sagt Beloussov in stark Russisch gefärbtem Englisch. «Mein Zuhause ist immer dabei. Ich reise mit meiner Frau, zwei Rucksäcken und vier Rimowa-Koffern um die Welt», sagt er. Zwischen den Firmenzentralen in Schaffhausen und Singapur, einem Weingut in der Toskana, der Insel Grenada und Florida, wo die Eltern leben, sei er unterwegs.

Für Beloussov ist die Reiserei nicht Selbstzweck, sie dient seinem aktuellen Projekt, der IT-Sicherheitsfirma Acronis. Für sie ist er nach Zürich gekommen, um die Werbetrommel zu rühren. Acronis hat international für Aufsehen gesorgt, weil die Premium-Banker von Goldman Sachs jüngst 147 Mio. $ einschossen. «Wir werden das Geld hauptsächlich für Akquisitionen einsetzen. Für kleinere Anbieter, die unsere IT-Plattform erweitern», sagt Beloussov, der dringend auf die Vorzüge seiner Firma zu sprechen kommen will. In Verkäufermanier führt er aus, wieso er für Acronis keine direkten Konkurrenten sieht: Der Edge- und Endpoint-Sicherheitsmarkt sei zwar rund 30 Mrd. $ gross, einen Plattform-Anbieter wie Acronis gebe es aber nicht, ist er überzeugt. Deshalb sei der Markt so fragmentiert. «Mit vielen im Wettbewerb zu stehen ist einfacher als mit wenigen.»

Das scheint ihm mit Acronis gut zu gelingen. Die Firma wachse 50% im Jahr, sei mit 250 Mio. $ Umsatz und 1500 Mitarbeitern aber noch klein. «Ich suche nicht den Exit. Ich will ein profitables, schnell wachsendes Geschäft betreiben», sagt Beloussov. Profitabel sei man immer gewesen, denn es war nicht immer einfach, an Finanzierungen zu kommen. Eine Publikumsöffnung sei irgendwann wahrscheinlich, aber nicht an sich das Ziel. Und wenn, dann wäre ein US-Börsenplatz passender als die SIX.

Die Welt war nicht immer Beloussovs Zuhause. In St. Petersburg geboren, trat er in die Fussstapfen seiner Eltern und studierte in Moskau Physik, danach hängte er ein Doktorat in Computerwissenschaften an. «Ich bin Geschäftsmann mit profunder wissenschaftlicher Ausbildung», fasst er zusammen. Mit zwanzig Jahren begann er seine Laufbahn als Firmengründer. Seine erste Firma baute PCs zusammen. Dafür zog Beloussov nach Singapur, das war 1993. Darauf folgte ein Geschäft, das mit Konsumelektronik handelte, dann ein Drittes, eine Softwarefirma namens Solomon, die er an Microsoft verkaufen konnte. Das vierte Projekt war schliesslich ein Software-Spezialist namens Parallels, der sich auf Virtualisierungen spezialisiert hat. Aus diesem entstand 2003 Acronis. Seit 2010 betreibt er zudem einen Wagniskapital-Fonds (Runa Capital), der über rund eine halbe Mrd. $ verfügt und über siebzig Startups im Portfolio hält. Später kam ein zweiter Fonds (Qwave) mit 100 Mio. $ hinzu.

Den Überblick über Beloussovs Aktivitäten zu behalten, ist eine Herausforderung. Nicht nur im Geschäftlichen ist er hyperaktiv, auch privat läuft einiges. Beloussov ist Vater von sieben Kindern. Zwei davon leben in Singapur, eines in Pittsburgh, drei in Kalifornien und eines in Grossbritannien. «Täglich sehe ich meine Kinder nicht», sagt er, aber dank dem Reisen regelmässig. «Stress ist gut, so fühlt man sich am Leben.»

Die schönen Dinge des Lebens haben es Beloussov auch angetan, etwa die Gastronomie. Nebst dem Weingut Castello di Bossi, auf dem ein preisgekrönter Brunello di Montalcino gekeltert wird, betreibt er in der Nähe seiner Alma Mater, dem Moskauer Institut für Physik und Technologie, ein Restaurant namens «Theorie». Es soll eine Rendite von 70% abwerfen. «Ich mache nie etwas ohne geschäftliches Interesse», sagt er.

Beloussovs jüngstes Projekt liegt in der Schweiz und steckt noch in den Kinderschuhen. In Schaffhausen will der Tausendsassa eine Universität errichten, die sich den Computerwissenschaften und der Physik widmet. Zwei Professoren und zehn Studenten sind für das Schaffhausen Institute of Technology (SIT) schon rekrutiert. Eines Tages sollen es dreitausend sein, betreut von hundert Professoren, mit Ablegern in Bulgarien, Malta und Asien. «Wenn ich mich in ein paar Jahren aus Acronis zurückziehe, will ich mich auf dieses Projekt konzentrieren», sagt Beloussov, etwas ungläubig, dass man sich nur einer Sache widmen kann.

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