Kaffee mit…

Simon Ehammer, Leichtathlet

Simon Ehammer wandert auf dem Grat: «Trainiere ich zu wenig, bin ich erweiterte Weltspitze, trainiere ich zu viel, dann verletze ich mich, und wenn du nicht Fussball oder Eishockey spielst, verdienst du in der erweiterten Weltspitze so gut wie nichts. Mediale und finanzielle Aufmerksamkeit gibt es nur, wenn du um Medaillen kämpfst.» Zum Glück kämpft der Leichtathlet, der voll auf Sport setzt, um Medaillen und ist bisher nur einmal vom Grat gefallen. Dazu später mehr.

An diesem Donnerstagmorgen hat Ehammer um 9 Uhr Zeit für einen Kaffee. Seine erste Trainingseinheit hat er bereits hinter sich: Krafttraining um halb sieben. Treffpunkt ist die Sportschule Appenzell, in einem schmucklosen Geschäftsgebäude in Teufen zwischen Bahnhof und dem Sportplatz mit Leichtathletikanlage. Ehammer ist der Schweizer Leichtathlet der Stunde. Im französischen Aubière sprang er Ende Januar 8,26 m weit und pulverisierte den bisherigen Schweizer Hallenrekord um 25 cm. «Im Moment war ich über die Leistung sehr überrascht», sagt der 22-Jährige. «In der Halle war ich noch nie über 8 m gesprungen.» Draussen hingegen schon. Überraschend ist die Leistung auch, weil Ehammer fast einen Monat lang keinen Weitsprung trainiert hatte, denn der Appenzeller ist Zehnkämpfer.

«Für mich ist Zehnkampf eine Herzensangelegenheit.» Es sei ein anderes Verhältnis zwischen den Athleten als bei den Spezialisten. «Du stehst zwei Tage gemeinsam auf dem Platz, kämpfst und gibst alles.» Zudem hat er noch einiges vor. Vor zwei Jahren erreichte er 8231 Punkte und verpasste den Schweizer Rekord nur knapp. «Es liegen noch so viele Punkte da, die ich holen kann. Schaffe ich das, stosse ich in Sphären vor, in welchen noch kein Schweizer war. Dann kämpfe ich um Medaillen.» Zudem seien alle Weltrekorde im Zehnkampf im Alter von 28 Jahren gemacht worden.

Zehnkampf ist die Königsdisziplin der Leichtathletik: Drei Sprünge (Hoch, Weit und Stab), drei Würfe (Speer, Diskus und Kugel) sowie vier Läufe; und einer davon ist richtig fies. Während 100 m, 110 m Hürden und 400 m wie die anderen Disziplinen Schnellkraft brauchen, ist beim 1500 m Kondition gefragt. Wenig überraschend macht Ehammer diese Disziplin am wenigsten gerne, nicht nur wegen der 3 ¾ Runden. «Im Wettkampf ist es die letzte Disziplin. Du bist müde, hast neun Disziplinen in den Beinen, bist 12 Stunden auf der Anlage, das summiert sich.» Herausfordernd sei weniger das Körperliche, sondern der Kopf – sich zu motivieren.

Seine Lieblingsdisziplinen sind die Sprünge im Allgemeinen und der Weitsprung im Speziellen. «Ich mag auch Hürden, all die kurzen, knackigen Sachen.» Auch der Vierhunderter sei lustig. «Eine Runde all out. Danach kannst du kotzen, sterben, egal.» Unterdessen mache er auch die Würfe gern, besonders weil er sich stetig verbessern konnte. Stetig besser werden war für das Ausnahmetalent lange die Regel, doch dann kam der Rückschlag: Er verletzte sich 2021, und der Traum von Olympia war dahin.

«Das vergangene Jahr war schwierig. Ich war ein anderer Simon. Ich war unmotiviert, es ging nicht, wie ich wollte, und es tat immer etwas weh.» Gespräche mit der Freundin, der Familie und den Trainern Karl und René Wyler hätten ihm aber geholfen. Es war weniger, dass er Tokio 2020 verpasst hatte, das motivierte ihn sogar – auch mit Blick auf Paris 2024. «Es war mehr die Verletzung, die mich nicht liess, die Leistung zu erbringen», sagt Ehammer, der sich selbst als «sehr, sehr ehrgeizig» bezeichnet.

Nun gilt der Blick aber nach vorne. «Dieser Sommer ist recht intensiv.» Zwischen der WM in Oregon und der EM in München liegen nur drei ­Wochen. Zu wenig Zeit, um zwei Zehnkämpfe mit Ambitionen zu bestreiten. Darum tritt Ehammer an der WM «nur» im Weitsprung an. Eine ­Medaille ist aber auch hier möglich. Mit 8,26 m hätte er in Tokio Bronze geholt. Eine Medaille ist auch das Ziel für dieses Wochenende an der Hallen-WM in Belgrad. Dort tritt Ehammer im Siebenkampf an.

In Teufen ist er nicht nur wegen der Sportschule Appenzellerland, in die er 2013 eintrat und wo er nach abgeschlossener Lehre immer noch betreut wird, sondern auch wegen des Turnvereins (TVT). Hier ist er gross geworden. «Der TVT ist und war wichtig. Während dem Aufbautraining bin ich drei-, viermal die Woche dort.» Es sei auch ein Anker. «Vor Corona ging man am Freitag gerne in die Ilge, hat was gegessen und gejasst.» Ehammer repräsentiert an allen Wettkämpfen, die er macht, den TVT. «Damit will ich zeigen, dass man es auch in einem TV schaffen kann.»

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