Kaffee mit…

Simon Enzler, Komiker

Schleichend, aber stetig – so wurde Simon Enzler zum erfolgreichen Komiker und zum bekanntesten Appenzeller schlechthin. Mit dem für die Region typischen Dialekt bespielt er seit über drei Dekaden grosse und kleine Bühnen. Eingesammelt hat er dabei diverse Preise wie 2007 den Salzburger Stier sowie im Jahr darauf den Prix Walo.

Den Kaffee serviert der 46-Jährige an diesem Montagmorgen am grossen Esstisch zu Hause. Seine Frau ist im Büro, die Buben in der Schule. Seine Werkstube ist gegenüber der gedeckten Terrasse räumlich vom Wohnbereich getrennt. Hier in Unterschlatt – zwischen Appenzell und Haslen – ist es so idyllisch, wie man sich das Appenzellerland ausmalt: in der Ferne der Alpstein, in der Nähe ein Bach, dazwischen hügelig grün, und omnipräsent der Klang von Kuhglocken.

Mit einem Tonträger beginnt auch die Geschichte des Komikers: Als Elfjähriger erhält er vom Götti zu Weihnachten eine Kassette. Auf der einen Seite «Emil träumt». Auf der anderen «Abbey Road» von den Beatles. «Ich habe die Kassette von vorne bis hinten durchgehört.» In der Schule bespricht er im Deutsch dann kein Buch, sondern trägt Nummern von Emil vor. Eigene Nummern folgen mit einem Kollegen an der Fasnachtsunterhaltung. Und der Wirtschaftslehrer verschafft ihm an einem Anlass des Kantonsspitals St. Gallen die erste Gage: eine Fünfzigernote. Nach der Matur macht er an der Kunsthochschule in Zürich den gestalterischen Vorkurs und studiert an der Uni Religionswissenschaft und Philosophie. 2002 bricht er das Studium erfolgreich ab und setzt voll auf Comedy.

«Mich fasziniert es, wenn jemand mit einer Geschichte die Leute zum Lachen bringt.» Nur Humor ist Enzler aber zu wenig. «Ich versuche, eine kritische Sichtweise einzunehmen.» Darum mag er Humor, der nur scheinbar auf den ersten Blick ersichtlich ist – er schätzt das Doppelbödige, das Abgründige, aber auch das Böse. «Die ganz guten Komiker hauen nicht Pointen im Akkord raus, auch wenn sie noch so genial, wichtig und kritisch sind. Die besten nehmen sich Zeit, sodass ein Gedanke entstehen kann.» Wie Josef Hader, den Enzler zu den ganz Grossen zählt. «Hader hat eine eigene, abgründige Art. Sie oszilliert zwischen Tragik und Komik. Immer ist ein Sargdeckel am Klappern.» Er mag auch Lorenz Kaiser, Gerhard Polt, Rolf Miller. «Ich habe eine Riesenfreude, anderen zuzuschauen, auch weil ich weiss, was es bedeutet, da oben zu stehen.»

Am Anfang der Karriere legte Enzler Wert auf den «korrekten» Appenzellerdialekt. Das lag auch an den Figuren, die er spielte. Damit stiess er auf Anklang: «D’Lüüt händ natürlich ä Freud gha, gad d’Appezöller. Bis si denn gmerkt händ, dass I öperamol au s’Gegeteil säg vo dem, wo seu gehn ghöred», sagt er und lacht verschmitzt. Heute sprechen die Figuren wie Enzler selbst. Die «Chölche» heisst dann auch mal «Cherchä» (Kirche).

Enzlers Figuren sind oft krude Typen. «Sie meinen es zwar gut, meistens geht es aber in die Hose.» Sympathieträger sind sie kaum. Letzthin habe ihm jemand geschrieben, dass es für ihn nicht lustig sei, denn er kenne solche Leute. «Das tut mir leid, ich auch», ergänzt er. Politisch korrekt sind die Figuren nicht immer. Das gehört dazu. «Wenn man wegen der Angst, abgestraft zu werden, Konzessionen eingeht, dann wird es mit ­Sicherheit nicht lustig. Guter Humor hat eine Fallhöhe.»

Enzlers Meinung ist in seinen Figuren nicht immer ersichtlich. «Die Leute, die mich nicht kennen, meinen manchmal, dass ich die Person auf der Bühne bin. Dabei sind sie Fiktion.» Es gebe aber wichtige Aussagen, mit denen er seine Meinung durchblicken lasse. «Ich habe unheimlich Freude, Sachen aufplatzen zu lassen.» Für ihn ist es wichtig, dass er ­Themen behandelt, die ihn angehen. «Wir sind seit zwei Jahren in einer Pandemie, und jetzt haben wir einen Krieg in Europa, das lässt mich nicht unbeeindruckt.» Unter anderem werden auch diese Themen in sein neues Programm einfliessen, mit dem er ab Oktober auf Tournee geht. Zuvor tritt er sporadisch noch mit seinem aktuellen Programm «wahrhalsig» auf.

Auf Tour passt er den Dialekt an, aber «saublöd». Er übersetzt Worte, die eh schon klar seien. Vordergründig spiele er den Intellektuellen, der es dann verschlimmbessere. Seine Lieblingswörter im Appenzellerdialekt sind weder die grossen bekannten wie «Flickflaudere» (Schmetterling) oder «Wedägentä» (Muskelkater) noch die französischen Importe wie «Khelöhretli» (Uhr: Quelle heure est-il?) oder «Pötäterli» (Feuerzeug: peut-être – «manchmal funktioniert es, manchmal nicht»), sondern «chlini ­exotische Wööter, wo nüd jedä kennt»: «näbis» (etwas), «näse» (bald), «all» (immer) und «nome» (nicht mehr) beispielsweise.

Obwohl Enzler mit den Klischees der Region spielt, ist er nicht unkritisch. Wenn in Appenzell ein neues Geschäft eröffnet oder ein Produkt lanciert werde, könne es nicht «appezöllerisch gnueg see», sagt er. «Es mues all no irgenden Dialektuusdruck debai see. Fö mi isch das Appenzellness-Ding do scho lang inflationär.» Das sehe man auch im Tourismus. Er sei darauf ausgelegt, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel aus den Besuchern herauszuholen. Das mache es nicht unbedingt lebenswerter. An ­gewissen Tagen fühle sich das Dorf an wie Disneyland. Aber nicht nur das. «S’Bild, wo d’Appezöller gehn vo sech selb vochaufed, si globid langsam sölber dra. Ond da stört mi all meh.»

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