Kaffee mit…

Simon Gerrans, Devisenhändler

Was macht ein Sportler, der nach vierzehnjähriger Karriere den Rücktritt erklärt? Mit dieser Frage musste sich Simon Gerrans vor rund zwölf Monaten herumschlagen. Der 39-jährige Australier war ein hervorragender Radprofi, gewann Klassiker wie Mailand–Sanremo und Lüttich–Bastogne–Lüttich und trug mehrmals das gelbe Trikot des Leaders an der Tour de France – bis er vergangenes Jahr dem Sport den Rücken kehrte.

Wir treffen uns im Caffè Vergnagno inmitten der Londoner City, unweit von seinem Büro, wo er heute dabei ist, zum zweiten Mal in seinem Leben durchzustarten. In wenigen Monaten hat er sich vom Ex-Veloprofi zum Banker bei Goldman Sachs hochgearbeitet – womit er sich selbst etwas überrascht hat. «Ich komme aus einem ländlichen Umfeld, hatte nie was mit der Finanzindustrie am Hut», sagt Gerrans, während er – typisch Aussie – an seinem Flat White nippt. Ich bestelle hingegen einen richtigen Cappuccino, in London noch immer eine der sichersten Kaffee-Varianten. Auch Monate nach seinem Rücktritt sieht man ihm die sportliche Vergangenheit noch an – hagere Figur, kantiges Gesicht. Auch wenn Gerrans beteuert, nur noch gelegentlich am Wochenende mit dem Rennvelo unterwegs zu sein.

Doch wie wird denn nun ein Goldtrikotträger zu einem «Goldmann»?  Das sei reiner Zufall gewesen, sagt Gerrans. Die Frau seines Managers habe in der Personalabteilung von Goldman Sachs gearbeitet und ihm erzählt, dass die Investmentbank immer wieder Sportler einstelle. «Diese Aussichten klangen verlockend», sagt Gerrans heute. Er stürzte sich ins neue Abenteuer, zog mit seiner Frau und den zwei Kindern – das dritte ist gerade erst hinzugekommen – von dem inmitten der Pyrenäen gelegenen Andorra, wo er sich in den Bergen jeweils auf die grossen Radrundfahrten vorbereitete, in die Millionenstadt London. Dank einem von Goldman spezifisch für Athleten vorgesehenen Einführungsprogramm und einem bestandenen Test, den der britische Finanzregulator FCA vorschreibt, hat er den Seitenwechsel nun auch offiziell geschafft. Er arbeitet jetzt am sogenannten E-FX-Desk, einer elektronischen Devisenplattform. Hierbei ist er in engem Kontakt sowohl mit institutionellen wie auch mit privaten Kunden, die Lösungen im Devisenbereich benötigen. Immer wieder trifft er sich mit vermögenden und spannenden Personen. Mit der jetzigen Aufgabe ist er gemäss eigenen Angaben hoch zufrieden. Gerrans arbeitet in einer relativ neuen Abteilung, die moderne Technologien einsetzt, sodass sein Mangel an Erfahrung im Finanzbereich weniger ins Gewicht fällt.

«Ich arbeite nun inmitten von sehr smarten Kollegen, was zugleich äusserst inspirierend ist», sagt er. Er weiss, weshalb er diese Umstände derart betont. Mehrmals ist ihm vor Augen geführt worden, wie ehemalige Radsportprofis den Sprung ins Leben danach nicht geschafft haben. Der deutsche Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich etwa, mit dem Gerrans noch Rennen bestritten hatte, fiel nach dem Rücktritt in ein gesellschaftliches Loch, verlor seine Frau durch Scheidung und die Achtung der Öffentlichkeit.

Es sei nicht einfach, sich auf einen Schlag ein neues Leben aufbauen zu müssen, sagt Gerrans. Als Radprofi habe man einen genau getakteten Tagesablauf, der vom Training und von den Erholungsphasen geprägt sei. Das falle nach dem Rücktritt weg. «Heute gibt mir der Job die Struktur vor. Unsere Arbeitszeiten sind von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends», sagt Gerrans. Am Abend sei er manchmal müder als früher nach harten Trainingstagen, diesmal mehr mental als körperlich.

Noch immer hat Gerrans, der auf einem Landstrich weit ausserhalb von Melbourne aufgewachsen ist, engen Kontakt zur Radsportszene. So wird er nächste Woche an der «Rouleur Classic», einer exklusiven Rennvelomesse in London, zusammen mit anderen Ex-Stars auftreten, wo er auch auf den Schweizer Fabian Cancellara trifft. Apropos Cancellara: Gerrans hat durchaus gute Erinnerungen an unser Land, auch wenn er es erst im letzten Profijahr geschafft hat, einen Sieg auf Schweizer Boden zu erringen: an der Tour de Suisse 2018 mit dem BMC-Team beim Mannschaftszeitfahren in Frauenfeld. Daneben hat er jahrelang bei Rundfahrten das Zimmer mit Schweizern geteilt – erst mit dem Zuger Martin Elmiger, der vor zwei Jahren zurücktrat, später mit dem Ostschweizer Michael Albasini, mit dem er jahrelang für das australische Orica-GreenEdge-Team fuhr. «Das waren tolle Zeiten», sagt Gerrans lachend.

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