Kaffee mit…

Simona de Silvestro, Rennfahrerin

Man muss schon ziemlich abgebrüht sein, um nach einem schweren Crash ins Cockpit eines Rennboliden zurückzukehren. Simona de Silvestro brauchte dafür gerade mal zwei Tage. In der Vorbereitung auf das Indy 500 war sie mit Tempo 350 gegen die Begrenzungsmauer geknallt. Das hielt sie nicht davon ab, beim Qualifying anzutreten und sich – trotz schweren Verbrennungen an beiden Händen – tatsächlich für das prestigeträchtige Rennen zu qualifizieren.

«Der Unfall war ein Schock», erzählt die Dreissigjährige beim Treffen im Zürcher Café Metropol. «Vor allem, weil es nicht ein Fahrfehler war, den ich hätte vermeiden können, sondern weil die Hinterradaufhängung brach.» Überraschenderweise war es ihre Mutter, die sie am stärksten dazu motivierte, möglichst rasch weiterzumachen und keine Ängste oder Selbstzweifel aufkommen zu lassen. «Sie hat mir den Schubs gegeben und gesagt, ich solle es nochmals probieren.» Dennoch brauchte es rund ein Jahr, bis sie wieder volles Vertrauen ins Material fand.

De Silvestro, in Thun geboren und in Mont-sur-Rolle aufgewachsen, wurde früh mit dem Rennsportvirus infiziert. «Mein Vater betreibt eine Garage in Nyon. So war ich von klein auf von Autos umgeben.» Karts hatten es ihr besonders angetan. Mit vier Jahren waren ihre Beine allerdings noch zu kurz, weshalb sie vorerst nur auf dem Schoss ihres Vaters mitfahren konnte. Der Wunsch nach einem eigenen Gefährt wurde ihr – nach permanentem Quengeln – schliesslich im Alter von sechs erfüllt.

Als Teenager absolvierte de Silvestro mehrere kompetitive Saisons im Kartsport. 2005 wechselte sie in die italienische Formel Renault. Das Fehlen eines Geldgebers stand der Fortführung der Karriere in Europa allerdings im Weg. «Da wir einen Sponsor in den USA kennenlernten, entschied ich mich dazu, mit siebzehn die Schule abzubrechen und in die USA überzusiedeln.» Damit legte sie die Basis für eine Laufbahn, die sie über Stationen wie die Atlantic Championship, die IndyCar Series und die Formel E in die australische Supercars Championship führen sollte.

Wie haben ihre Eltern auf den Schulabbruch reagiert? Anfangs hätten sie gewisse Bedenken gehabt, gibt de Silvestro zu. «Aber wenn man schon eine solche Chance erhält, sollte man sie auch nutzen. Im Notfall hätte ich die Schule ja nachholen können.» Angst habe ihr Umfeld nicht. «Gerade meine Mutter ist zwar schon noch ab und zu nervös. Aber meine Eltern wissen, dass ich den Rennsport liebe. Sie gönnen es mir, etwas zu tun, was mir sehr viel bedeutet. Zudem existieren überall Risiken. Ich könnte nach dem Interview genauso gut mit dem Velo verunfallen.»

Ob sie nach dem Ende ihrer aktiven Karriere im Rennsport bleiben will, weiss de Silvestro noch nicht. «Eine Maschine am Limit zu bewegen – das ist es, was ich liebe. Das Rennbusiness an sich ist dagegen ein komisches Geschäft. Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier involviert bleiben möchte.» Ihr Fachwissen in den Medien einzusetzen – etwa als Expertin beim Sportfernsehen, wie sie das beim Kanal MySports bereits macht –, könne sie sich aber definitiv vorstellen. Die männliche Dominanz in der Branche bereitet de Silvestro jedenfalls keine Probleme. «Wenn wir den Helm aufsetzen, sind wir alle gleich. Das Einzige, was am Ende zählt, ist das Resultat. Ich finde es cool, dass Männer und Frauen unter gleichen Bedingungen gegeneinander antreten können.»

Gibt es Persönlichkeiten im Sport, die de Silvestro bewundert? «Rafael Nadal finde ich cool, weil er immer vollen Einsatz gibt.» Hat sie denn wie der Spanier gewisse Rituale, die sie vor dem Rennen durchgeht? «Als ich in offenen Autos fuhr, bin ich immer von links eingestiegen. Bei den Supercars kann ich das nicht mehr, weil sich das Lenkrad auf der rechten Seite befindet.» So extrem wie bei anderen Fahrern sei ihr Aberglaube allerdings nicht. «Mein Teamkollege Rick hat mal ein Rennen gewonnen und anschliessend regelmässig die ‹Sieger-Unterhose› weitergetragen. Das würde ich definitiv nicht machen», sagt de Silvestro schmunzelnd.

In ihrer Freizeit lässt es de Silvestro gerne auch mal ruhig angehen. «Wenn ich in der Schweiz bin, fahre ich ab und zu einen Autobianchi von 1962, der bei Tempo neunzig fast kollabiert.» Im australischen Alltag nutze sie einen SUV. «In Down Under muss ich ja lernen zu surfen. Deshalb brauche ich ein Vehikel, in das die Surfbretter reinpassen.» Macht sie denn Fortschritte? «Work in progress», meint de Silvestro und lacht. «Und ehrlich gesagt: Ich habe ein bisschen Angst vor den Haien.»

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