Kaffee mit…

Sofia, Sans-Papiers

Als Treffpunkt schlägt Sofia* das Restaurant des Coop St. Annahof an der Bahnhofstrasse in Zürich vor. Es gibt da eine Zvieri-Combo, ein Heissgetränk plus Dessert nach Wahl für 4.95 Fr. Es sind viele Gäste da, man kann sich unterhalten, ohne dass andere mithören. Sofia ist 45, zierlich, elegant gekleidet. Sie kommt aus Süd­amerika, lebt aber seit zehn Jahren in der Schweiz, illegal. Sie ist eine Sans-Papiers. «Normalerweise sind wir unsichtbar», sagt sie. Sichtbar wurden sie Anfang Mai, als in Genf rund 2500 Personen für Gratisessen anstanden, die meisten von ihnen Sans-Papiers. Sie hatten wegen Corona ihr Einkommen verloren. Auch in anderen Städten bemerkten Hilfswerke eine steigende Nachfrage.

Sofia war selbst nicht auf solche Angebote angewiesen, obwohl auch sie einen Grossteil ihres Einkommens verlor: Sie putzt in sechs Haus­halten. Während der Pandemie konnte sie nur noch bei zwei Familien arbeiten. «Bei Leuten, die im Spital arbeiten.» Die hätten viel zu tun ­gehabt. Die anderen wollten aus Angst vor einer Ansteckung nicht, dass sie vorbeikommt. Den Lohn zahlten sie ihr während dieser Zeit nicht fort. Anspruch auf Unterstützungsleistungen hat Sofia nicht. Sie erhielt Hilfe von ihrer Familie. Miete und andere Ausgaben zahlte sie von ihrem Ersparten. Wütend ist sie deswegen aber nicht: «Das sind halt die Regeln.» Sie hat gewusst, worauf sie sich einlässt.

Als sie vor zehn Jahren in die Schweiz kam, wollte sie die Schwester und den Bruder besuchen, die legal hier leben. Sie haben beide Schweizer geheiratet. Dann boten ihr Bekannte ihrer Schwester einen Job als ­Babysitterin an, befristet für sechs Monate. Sie sah es als Chance, um Geld zu sparen, und blieb. Es folgten weitere Jobs als Babysitterin, danach als Putzfrau. Neue Kunden fand sie meist, indem sie von bestehenden weiterempfohlen wurde. Lange putzte sie vor allem Wohnungen von Expats. Doch diese gingen häufig nach zwei, drei Jahren, und sie musste neue Kunden finden. Sie begann deshalb Deutsch zu lernen, um mehr Schweizer Kunden zu gewinnen.

Von ihren Kunden wissen die meisten nicht, dass sie eine Sans-Papiers ist. Wenn sie fragten, auf welches Konto sie ihr den Lohn einzahlen sollen, sagte sie, sie würde es lieber in bar erhalten. Ein Konto hat sie nicht. Ihre Wohnung hat ihr Bruder gemietet und an sie untervermietet. Um die Miete zu zahlen, gibt sie dem Bruder ein Couvert mit dem Geld, das er dann für sie einzahlt. Die Wohnung soll allerdings bald renoviert werden. Sie wird dann etwas Neues suchen müssen. Das bereitet ihr Sorgen.

Ihre grösste Sorge ist aber, in eine Polizeikontrolle zu geraten. In eine heikle Situation ist sie noch nie gekommen, was aber auch an ihrem Verhalten liegt: Sie meidet Orte, an denen die Polizei sehr präsent ist, etwa die Zürcher Langstrasse. Zwei Mal in der Woche besucht sie einen Deutschkurs. Ansonsten geht sie nach der Arbeit meist nach Hause, um keine unnötigen Risiken einzugehen. «Die meisten Sans-Papiers haben kein Sozialleben. Wir arbeiten und kaufen Lebensmittel und gehen dann direkt nach Hause.»

Eine Möglichkeit, ihren Status zu legalisieren, wäre ein Härtefallgesuch. Ein solches kann stellen, wer seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz lebt. «Dafür müsste ich aber alle meine Kunden offenlegen.» Das will sie nicht, da die meisten nicht über ihre Situation Bescheid wissen: «Ich will nicht, dass sie Schwierigkeiten bekommen.» Zudem würden die meisten Ge­suche ohnehin abgelehnt, sagt sie. «Die einzige Möglichkeit ist Heirat, ob aus Liebe oder nicht», sagt sie und lacht. Die Sache sei aber nicht so ­einfach: «Wenn ich eine Verabredung habe und sage, dass ich eine Sans-Papiers bin, bekommen die Männer Angst. Sie sagen, dass sie keine Probleme ­wollen.» Sie habe dafür auch Verständnis: «Viele Sans-Papiers heiraten nur für die Papiere und sind bald weg.»

In ihrer Heimat hat Sofia eine Ausbildung als Chemikerin gemacht und danach vier Jahre im Beruf gearbeitet. Ihr Ziel sei es, genug zu sparen, um einen Master in Biotechnologie zu machen, sagt sie. «Es fehlt noch ein bisschen.» Den Master möchte sie in Brasilien absolvieren. Dort sei die Ausbildung günstiger als in der Schweiz. In Südamerika leben auch noch ihre Mutter und zwei weitere Geschwister. «Wenn ich genug ­gespart habe, kehre ich zurück.»

*Name der Redaktion bekannt

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