Kaffee mit…

Sophie Brunner, Gründerin Urbankissed

«Hallo, wie geht’s?» Dieses Mal ist die Begrüssung wahrlich keine Floskel. Im nahen Umfeld von Sophie Brunner ist soeben jemand positiv auf Covid-19 getestet worden. Zur Sicherheit verlegen wir das Gespräch deshalb in den virtuellen Raum. Das Wichtigste: Die betroffene Person und auch meine Gesprächspartnerin sind wohlauf. Die Idee wäre gewesen, die frisch wiedereröffneten Gastroterrassen für ein persönliches Treffen zu nutzen. Stattdessen nehmen wir vor dem Bildschirm Platz und winken uns zu. Der Kaffee kommt vom italienischen Barista namens Bialetti. Für das Geschäft von Sophie Brunner (25) war die Pandemie indes ein Glücksfall. ­«Urbankissed, mein Online-Marktplatz für nachhaltig und fair produzierte Mode, brummt.» Der Umsatz im ersten Quartal 2021 war 645% höher als im Vorjahr. 75 000 Nutzer besuchen monatlich die Seite, dreimal so viele wie vor einem Jahr.

Nach der Matura arbeitete Brunner während rund zwei Jahren bei Credit Suisse, zuletzt als Assistentin eines Kundenberaters. Das Fehlen von Kreativität und der mangelnde Optimismus in der Branche zogen sie weg von der Bank und in die Modewelt. «Ich hatte schon früher eine Leidenschaft für Mode. Einen wichtigen Impuls gab der Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik in Bangladesch. Das hat mich schockiert und meinen Tatendrang definitiv geweckt.» Umso mehr, als sie merkte, dass es keinen Marktplatz für bezahlbare, bewusst hergestellte Kleidung gab. 2017 gründete sie zu Hause in Unterägeri die Plattform mit ihrem eigenen Geld und erarbeitete sich das gesamte Know-how selbst. «Freizeit habe ich seit drei Jahren keine, aber dafür konnte ich meine Leidenschaft zum Beruf machen.»

Unterstützung aus der Familie erhält sie bis jetzt nur in moralischer Form. «Mein Vater ist auch Unternehmer. Er hat mich in meinen Plänen immer bestärkt.» Gleichzeitig mit der Gründung absolvierte Brunner zwischen Mailand und London ein Studium in Fashion Business. Richtig anstrengend wurde es, als Corona kam. «Die Unsicherheit bei den Marken war gross, zudem schossen die Versandkosten in die Höhe. Alles mit der Bachelor-Arbeit unter einen Hut zu bringen, war schon hart.»

Es ist nicht nur das ausgebrochene E-Commerce-Fieber, das Shopper zu Urbankissed führt. Das Bewusstsein für sorgfältig hergestellte Mode nimmt rasant zu. Auch H&M, Zara oder Zalando setzen vermehrt auf grüne Themen. Doch nachhaltige Mode ist vielerorts ein Etikettenschwindel. Die Textilindustrie steht weltweit an zweiter Stelle, was die Umweltverschmutzung betrifft, übertroffen nur von der Ölindustrie. «Die Herausforderungen für die grossen Marken sind riesig, da sie bereits viel Schlechtes bewirkt haben. Nun bloss eine Kollektion aus nachhaltigen Stoffen zu lancieren, reicht bei weitem nicht. Das Problem der schlechten Arbeitsbedingungen bleibt bestehen. Wir stehen erst am Anfang einer nachhaltigen Modewelt.»

Bei Urbankissed ist das Modell des Dropshipping zentral. Das heisst, die Marken schicken die Produkte direkt zu den Kunden. Das heisst, Urbankissed braucht kein eigenes Lager und keine eigene Logistik. «Dadurch ist das finanzielle Risiko viel kleiner, und wir können uns auf andere Sachen konzentrieren.» Dazu gehören in erster Linie das Aufnehmen neuer und das konstante Überprüfen bestehender Marken. Um nachhaltig und ethisch produzierte Marken zu garantieren, hat Brunner einen mehrstufigen Selektionsprozess entwickelt. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Good On You, der wichtigsten Bewertungs-App für nachhaltige Mode. Schafft eine Marke den Sprung ins Portfolio, wird sie im ­eigens geschaffenen Slow & Ethical Index bewertet. «Die meisten Brands lehnen wir ab, weil es zu viele Fragezeichen gibt, etwa was die Herstellung betrifft.» Allgemein sind die Lieferketten sehr kurz, was die Kontrolle vereinfacht. Ein Drittel der Marken produziert selbst.

Der Andrang ist gross: Im März wurde die Marke von hundert Brands geknackt, derzeit gibt es eine Warteliste. Sie bieten eine breite Palette an Produkten an: von Kleidern über Schuhe bis zu Schmuck. Es dominieren Anbieter aus Westeuropa, aber auch afrikanische und asiatische sind vertreten. Aus der Schweiz sind derzeit neun Marken aufgeschaltet. Zwischen 15 und 20% ­jedes Einkaufs kann Urbankissed behalten.

Derzeit ist das Team noch klein. Brunner hat eine Teilzeitmitarbeiterin. Sie zahlt sich einen bescheidenen Lohn aus, die Gewinnschwelle wird in einem oder zwei Jahren angepeilt. Der nächste strategische Schritt ist eine Kapitalerhöhung, um in Marketing und die Benutzerfreundlichkeit der Plattform zu investieren. Gleichzeitig wird personelle Verstärkung gesucht. «Investoren sehen es gerne, wenn das Team etwas grösser ist.» Ein Verkauf des Unternehmens ist noch kein Thema.

Der Spagat zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum ist nicht immer einfach. Brunner sagt: «Die Wirtschaft lebt vom Konsum. Viele unserer Marken sind sehr klein, und es lohnt sich, sie zu unterstützen. Ich will die Leute dazu animieren, weniger, dafür hochwertiger einzukaufen.» Nicht zufällig seien die Produkte auf ihrer Seite teurer als der Durchschnitt. Auch Gratisversand und -retouren bietet Urbankissed vornehmlich nicht an, weil das zu unüberlegtem Konsum führen würde. Brunner selbst hat seit zwei Jahren keine H&M-Filiale mehr betreten.

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