Kaffee mit…

Stephan Mumenthaler, Direktor scienceindustries

«Die Covid-Zertifikate funktionieren doch erstaunlich gut», sagt Stephan Mumenthaler, nachdem er seines der Serviceangestellten im Café Odeon beim Zürcher Bellevue gezeigt hat. Der Direktor von scienceindustries, einem Verband der Pharma-, Chemie- und Medtechindustrie, ist fest von den Errungenschaften von Wissenschaft und Technik überzeugt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch, zu dem er einen Cappuccino trinkt. Zuweilen blitzt Begeisterung auf, auch Dankbarkeit und in Bezug auf  die Leistung der Industrien, deren Interessen er vertritt, auch Stolz.

«Man spricht immer von den Impfstoffen, aber da gibt es noch viel mehr», sagt Mumen­thaler. Viele Unternehmen wurden während der Pandemie als systemrelevant eingestuft, nicht nur aus Pharma- und Medtech-, sondern auch Chemieunternehmen. Etwa, weil ihre Produkte für Desinfektionsmittel gebraucht werden. Aber glücklicherweise mussten die teilweise schon vorbereiteten Betriebsschliessungen nicht flächendeckend umgesetzt werden. Dankbar ist Mumenthaler dafür, dass er, seine Frau, die beiden erwachsenen Kinder und die Belegschaft des Verbands bisher unversehrt durch die Krise gekommen sind. Auch er hat während der Lockdowns zahlreiche Videokonferenzen von zuhause aus abgehalten. Für bemerkenswert hält er, wie der Grossteil des Wirtschaftslebens dank den Kommunikationstechnologien fast nahtlos weiterlaufen konnte. «Stellen Sie sich vor, die Pandemie hätte vor zwanzig Jahren stattgefunden», sagt Mumenthaler rhetorisch. Vieles hätte noch nicht funktioniert. «Ich habe auch gestaunt, wie belastbar das System ist.» Die internationalen Lieferketten haben gehalten, es ist kaum zu Engpässen gekommen. «Wenn Lieferungen ausblieben, dann lag es nicht an der Industrie, sondern an Staaten, die Grenzen geschlossen haben.»

Das internationale Geschehen verfolgt Mumenthaler mit Interesse. Er hat einen Teil seiner Kindheit in Italien vebracht und spricht deshalb fliessend Italienisch. Der 53-jährige Basler beherrscht noch drei weitere Fremdsprachen. Der Volkwirtschaftler hat an der Uni Basel über die geografische Struktur des Schweizer Aussenhandels doktoriert. Die Industrien, die er vertritt, haben einen beispiellosen Aufschwung erlebt und stehen heute für mehr als die Hälfte der Schweizer Exporte. Auch wenn der Standort nach wie vor zu den Besten gehört, sorgt sich Mumenthaler um die Erosion seiner Qualitäten. Das gestörte Verhältnis zur EU bereitet ihm Sorge. Nach wie vor sei die nähere Umgebung für die Schweiz zentral.

«Trotz all dem Wachstum macht der Handel mit China immer noch weniger aus als der mit Baden-Württemberg», sagt Mumenthaler.  Statt den technologischen Fortschritt zu würdigen, der all die Innovationen hervorgebracht hat, die es den Schweizer Unternehmen erlauben, im Wettbewerb zu bestehen, konstatiert er generell eine zunehmende Skepsis gegenüber Autoritäten, speziell gegenüber der Wissenschaft.

Als Beispiel nennt Mumenthaler die Initiative gegen Tier- und Menschenversuche, über die Anfang kommendes Jahr abgestimmt wird. «Wenn die angenommen wird, können die Versuche nicht mehr in der Schweiz durchgeführt werden, aber es können auch keine Produkte mehr importiert werden, bei deren Entwicklung Studien an Tieren oder Menschen gemacht werden», sagt Mumenthaler. «Die Coronaimpfstoffe, die wir haben, könnten wir nicht mehr in die Schweiz bringen.»

Die Agrarindustrie leide unter einer Einsprachenflut von Naturschutzverbänden. Die Einführung neuer Produkte, die eigentlich auch für die Natur besser wären als ältere, werde so jahrelang verzögert. Mumenthaler ärgert sich über Fundamentalopposition. Als Beispiel nennt er das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil. Es sei aus dem Verkehr gezogen worden, obschon die zuständige Behörde selber zum Schluss kam, seine Abbauprodukte seien toxikologisch nicht relevant. «Das war ein politischer Entscheid!», sagt Mumenthaler. Scienceindustries fordert, dass Behördenentscheide auf wissenschaftlichen Fakten basieren.

Die Wissenschaftsskepsis könne auch negative Konsequenzen in anderen Bereichen haben, die wohl nicht im Sinne der Zweifler seien. So verhindere die Ablehnung des Datenübertragungsstandards 5G den sparsameren Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Dank Drohnen wäre es heute möglich, den Einsatz von bestimmten Mitteln um den Faktor hundert zu reduzieren. «Wenn wir bei den Basistechnologien klemmen, können wir auch keine darauf aufbauenden Produkte entwickeln», sagt Mumenthaler. «Andere Länder werden uns überholen», befürchtet er.

Von 2014 bis im vergangenen Jahr sass er für die FDP im Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt. Als er noch in Basel bei Novartis Head Economic & Swiss Public Affairs war, konnte er über Mittag an Sitzungen für sein politisches Amt teilnehmen. Seit er Mitte 2018 die Stelle beim Verband in Zürich angetreten hat, ist das nicht mehr möglich. Das politische Amt hat er abgegeben. Er reist nicht nur regelmässig nach Zürich, sondern ist auch viel unterwegs, um sich mit Mitgliedern oder Behördenvertretern zu beraten. Der persönliche Austausch mit vielen Menschen war auch ein Grund, weshalb er diesen Job wollte.

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