Kaffee mit…

Thomas Boyer, Chef des Krankenversicherers Groupe Mutuel

Lieber möchte Thomas Boyer von Gesundheitsversicherungen als von Krankenkassen sprechen. Der Chef der Groupe Mutuel stört sich jedoch nicht nur an der Bezeichnung des behördlich eng regulierten Zweigs der Pflegeversicherungen, über den jährlich mehr als 30 Mrd. Fr. Behandlungs- und Pflegeaufwendungen abgerechnet werden. Er fordert tauglichere Anreize, um die Ausgaben für ärztliche Behandlungen und für den Medikamentenbezug zu bremsen. Denn die zuletzt inflationäre Entwicklung der Krankenkassenprämien folge lediglich dem expandierenden Konsum von Gesundheitsleistungen.

«Bevölkerung und Ärzteschaft bestimmen zusammen, wie inflationär sich die Gesundheitskosten entwickeln», sagt Boyer, der seit August 2019 an der Spitze des drittgrössten Gesundheitsversicherers mit Hauptsitz in Martigny steht. Der quirlige Romand schloss an der Universität Lausanne in Ökonomie ab, heuerte zunächst beim Beratungsunternehmen McKinsey an und wechselte danach in die Versicherungsbranche. «Dorthin zog es mich, weil ihre Leistungen ganz nah an den engsten Bedürfnissen der Menschen sind und so eine gesamtgesellschaftlich bedeutsame Wirkung ­haben», sagt er im Gespräch. Bei der auf Schadenversicherungen spezialisierten Mobiliar bewährte er sich ab 2013 innerhalb deren Ergänzungsbereichs Einzelleben, wo es um Schutz- und Sparversicherungen für Privathaushalte ging. Dort brachte er eine wandelbare Lebensversicherung als eine Neuerung auf den Markt.

In seiner heutigen beruflichen Aufgabe überdeckt sein welsches Flair nur wenig das pickelharte Analysieren: «Wir alle tragen Mitverantwortung für den ungünstigen Kostentrend, und alle sollten deshalb etwas zur Verbesserung beitragen.» Generika seien im Schnitt die Hälfte günstiger als Originalmedikamente, und doch würden sie erst in einem Viertel aller Fälle eingesetzt, kritisiert er: «Wenn wir selbst direkt nach dem geeigneten Generikum fragen, wenn der Arzt uns bei der Konsultation etwas verschreiben will, hat das grossen Kosteneffekt, und auf Dauer profitieren alle von niedrigeren Gesundheitsausgaben.» 2022 sinken zwar die Krankenkassenprämien auf behördlichen Druck im Schnitt 0,2%, doch längst nicht bei allen Kassen und nicht in allen der gut vierzig separat berechnenden Prämienregionen. Und bald dürften die Prämien erneut steigen.

Seinen Kunden will der Fünfzigjährige gerne Versicherungsmodelle mit integrierten digitalen Leistungsbündeln schmackhaft machen. Auch bei der Groupe Mutuel ist noch vieles Handarbeit: Von Kunden zur Rückerstattung eingesandte Arzt-, Spital- und Apothekenbelege müssen geprüft, zugeordnet, codiert und verbucht werden. Viel verspricht sich der Versicherungsmanager – der schon seit vielen Jahren im weltstädtischen Genf lebt – von der Digitalisierung des Gesundheitswesens, beispielsweise durch Symptom-Checker, mit denen sich verbreitete Krankheitssymptome zu Hause selbst grob analysieren lassen.

Mit solchen Tools werde mit nur wenigen Klicks auf digitalem Weg der Kontakt zu einem Facharzt herstellt, der weitere Klärungen vornehme und Massnahmen vorschlage. So würden sich viele Arztbesuche erübrigen, besonders die Erstkonsultation des Hausarztes für die Überweisung an den Spezialisten. Ein nicht unwesentlicher Teil der Aufwendungen für ambulante Arzthonorare werde so reduziert, mit entsprechend günstiger Wirkung auf die künftigen Prämiensätze, rechnet Boyer schnellstens vor und nimmt noch einen Schluck Kaffee. Der sei ein treuer Begleiter in seinem Alltag: «Ob kurz oder lang, am liebsten mag ich ihn schwarz.»

Sich ins Zeug zu legen, auf dass digitale Helfer die Gesundheitsbranche kosteneffizienter machten, hat auch mit seiner privaten Passion für alles Technische zu tun. Er weiss aber um die Hürden des Telemedizinmodells, trotz des oft dicken Prämienrabatts. Daten zu Krankheiten oder einer ­gesundheitlichen Beeinträchtigung digital speichern und verwenden zu lassen, ist vielen Menschen noch immer suspekt oder unangenehm. Mit der richtigen Kundenansprache, einer eng kontrollierten Verwendung ­digitaler Daten und dem Versprechen eines bequemen sowie raschen ­Zugangs zur passenden Behandlung lasse sich eine breitere Akzeptanz schaffen, hofft der Groupe-Mutuel-Chef. Zu wünschen sei es uns allen: «Viel ist zu tun, aber dann schaffen wir es in unserem Land, die Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben zu trimmen.»

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