Kaffee mit…

Thomas Stocker, Klimaforscher

Studenten lernen in Gruppen, andere nehmen sich Zeit für einen ruhigen Kaffee. Durch die Fensterfront der Grossen Schanze, eines Selbstbedienungsrestaurants auf der Terrasse vor der Universität Bern, präsentiert sich das Alpenpanorama. Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik, hat sich einen Caffè Macchiato bestellt und redet entspannt – obwohl sich der 59-Jährige einiges gefallen lassen muss.

Leugner des Klimawandels verunglimpfen im Internet seine Forschungsergebnisse. Für die «Weltwoche» sagte er ein Interview ab – wegen der seiner Meinung nach polemischen und faktenfernen Berichterstattung des Magazins.

Chefredaktor Roger Köppel wirft ihm Anfang April dann im Editorial vor, dass er mit der Absage «den Verdacht, dass führende Klimaforscher nicht mehr Wissenschaft und Aufklärung, sondern Politik betreiben», verstärke. Stocker will nicht von einer Kampagne gegen sich sprechen. Aber das Internet habe Blasen geschaffen. «Dort bestätigen sich die Leute nur noch gegenseitig in ihren Auffassungen – das zeigt auch das Beispiel der Impfgegner.» Die Manipulation von Menschen sei so einfach wie nie. Er selbst will im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auf den sozialen Medien den Leugnern des Klimawandels nicht entgegenhalten: «Es kostet viel Zeit, auf Twitter präsent zu sein – man muss seinen Followern dort immer neue, attraktive Inhalte liefern. Die Zeit würde mir für andere Dinge fehlen.»

Stocker sieht auch Positives in der Klimadebatte: «Viele merken, dass es mit einem Business as usual nicht mehr weitergeht. Die Jungen erwachen und bringen sich in den Diskurs ein, wie ich es in den letzten Jahren nicht erlebt habe.» Das würden sie «gewaltfrei, super informiert, gut vernetzt und international organisiert» tun – «ich finde das phänomenal».

Bis 2015 war der Professor Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe Wissenschaftliche Grundlagen des Weltklimarats IPCC. Das Gremium von Wissenschaftlern wurde von der Uno gegründet, um Entscheidungsträger über den Stand der Forschung zum Klimawandel zu informieren. Manche Blogs hätten polemisch gehetzt, sagt Stocker: «Dem IPCC wurde gar vorgeworfen, die Zerstörung der Weltordnung im Sinn zu haben.» Damals habe er sich eng an die verabschiedeten Aussagen des IPCC gehalten, die in einem strengen Prozess erarbeitet wurden. Mit politischen Aussagen und «Katastrophenvokabular» habe er sich zurückgehalten.

Auf dem falschen Fuss sei der IPCC erwischt worden, als er mit der «Klimapause» konfrontiert wurde; zwischen 1998 und 2012 war die globale Temperatur überraschend wenig gestiegen. Die Gegner des Pariser Abkommens hätten das als Munition missbraucht. Dabei hätten viele Beobachtungen nicht zur Verfügung gestanden. Etwa wie sich die Ozeane in der Tiefe erwärmt hatten. Wie die Daten heute zeigten, seien vierzehn Jahre zu kurz, um den Klimawandel verlässlich zu diagnostizieren.

Er erinnert sich, wie er die Zusammenfassung des IPCC-Berichts für den Gipfel in Paris mit führenden Forschern in einer Retraite im Emmental erstellt hatte: «Wir arbeiteten von morgens sieben Uhr bis Mitternacht – dann schickten wir den Entwurf an unsere Kollegen in aller Welt und arbeiteten das Feedback am nächsten Morgen in das Dokument.»

Im Dokument – von den Ländern schliesslich im Konsens verabschiedet – fehlten anfangs Darstellungen mit Bezug auf Ziele zur Begrenzung der Erwärmung. Stocker veranlasste solch eine Grafik: «Wir haben den Zusammenhang zwischen den seit 1750 kumulierten CO2-Emissionen und dem Temperaturanstieg im 21. Jahrhundert gezeigt. Jeder kann so ablesen, wie viel wir emittieren dürfen, um ein gewisses Temperaturziel zu erreichen.» Dank der klaren Darstellung seien wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in politische Entscheidungen geflossen. Bei den kumulierten Emissionen sind 790 Mrd. Tonnen Kohlenstoff das Limit, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Nur noch etwas über 200 Mrd. Tonnen sind übrig – das Budget, das man nun einhalten muss.

«Seit dem Kyoto-Protokoll haben wir nur gewartet», resümiert Stocker. Ist denn das Ziel, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, noch realistisch? Der Klimaforscher betont, dass es immer schwieriger wird: «Unsere Forschung zeigt, dass das 2-Grad-Ziel jetzt so ambitioniert ist, wie es das 1,5-Grad-Ziel vor zehn Jahren war.» Dabei sei die Erwärmung um 2 Grad «keine Klippe und jenseits stürzt man ab». Aber der Effekt von mehr Erwärmung sei nicht linear. «Jedes halbe Grad mehr hat drastischere Folgen.» So seien die Artenvielfalt und die Korallenriffe bei 2 Grad Erwärmung massiv mehr bedroht als bei 1,5 Grad.

Wäre es für die Schweiz nicht günstiger, den Klimaschutz in den Entwicklungsländern voranzutreiben, statt zu Hause CO2-Emissionen zu reduzieren? Stocker ist skeptisch: «Die Industrieländer tragen die historische Verantwortung für den Grossteil der bisherigen Emissionen. Deswegen müssen die Industrieländer beim Klimaschutz vorangehen, Technologie entwickeln und die Infrastruktur von morgen bereitstellen.» Es sei unklug, nur Franken ins Ausland zu schieben, «wo man nicht genau weiss, was damit passiert». Investitionen in heimischen Klimaschutz hiessen Forschung, Innovation und Jobs – «besonders für unsere KMU ist das eine Riesenchance. Davon profitieren wir für Jahre.»

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