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Viktor Giacobbo, Satiriker

«Ich bin ja selber schuld», gibt Viktor Giacobbo zu, «dreissig Jahre lang habe ich mein Gesicht in die Fernsehkameras gehalten und habe Filme gemacht.» Da ist es nur selbstverständlich, dass der Siebzigjährige Satiriker – der vom Komiker Gabriel Vetter als «Puffmutter des Schweizer Humors» bezeichnet wurde – auf der Strasse erkannt wird. Bewahren kann er sich die Privatsphäre trotzdem, er muss aber auf sich achten. «Ich gehe nicht allein in ein Restaurant, wo ich noch nie war. Da kommt als Erstes das Gästebuch.» Auch bei grossen Festen, wie dem Albani-Fest in seiner Heimatstadt Winterthur, trifft man ihn nicht. Bei der Musikfestwoche aber schon. «Konzerte sind etwas anderes.»

Wer wissen will, welche Bücher Giacobbo empfiehlt – derzeit liest er eine neue deutsche Übersetzung von Joseph Conrads «Lord Jim» – und welche Musik er hört, der findet die aktuellen Favoriten auf seiner Homepage. Unter anderem die neusten Alben von jungen Künstlern wie Sam Fender oder Waxahatchee. «Neugier ist das Rezept, um jung zu bleiben», sagt er nach einem Schluck von seinem Cappuccino im Restaurant Fredi in Winterthur. «Viele in meinem Alter werden mit dem Freundschaftskreis alt.» Das findet er schade. «Ich habe zum Teil einen extrem tollen Austausch mit jungen Leuten.» Es gebe auch viele Gleichaltrige, die keine neue Musik mehr hören, keine neue Literatur mehr lesen, sich nichts Neues anschauen – schlicht die Neugier verlieren. «Dann ist man alt.»

Zugegeben, durch seine Arbeit beim Casinotheater Winterthur steht er automatisch im Austausch mit jungen Leuten, beispielsweise durch die Plattform «Rampensau», wo sich jeder als Komiker auf der Bühne versuchen kann. Ein Tipp für aufstrebende Komiker: «Versucht es zuerst in der Familie und dem Kollegenkreis», erklärt Giacobbo. «In all den Institutionen, dem Casinotheater, dem Verlag Kein & Aber sowie bei PanEco bin ich als Ältester immer der, der Social Media am meisten fördert und auch am aktivsten ist.» Gewicht hat er vor allem auf Twitter mit 209’407 Followern. «Da kann ich etwas platzieren, Sachen empfehlen, auf etwas hinweisen oder auch streiten.» Kein Thema ist hingegen Tiktok. Das sei auch ein bisschen eine Altersfrage. «Früher habe ich viele Filmli und Videos gemacht, das muss ich jetzt nicht auch noch machen.» Und sowieso sehe man die besten Sachen von Tiktok auf Insta.

In seiner Karriere hat Giacobbo so ziemlich alles gemacht und erreicht, was in der Schweizer Comedyszene möglich ist. Allseits bekannt sind seine Figuren wie Harry Hasler, Fredi Hinz oder Debbie Mötteli. Auf sie stolz ist er deswegen aber nicht. «Das ist nicht meine Art. Es gibt Figuren, die gut gelungen, angenehm zu spielen oder besser einsatzfähig sind. Das schon.» Er spiele sie aber auch viel weniger als früher. Viele seien Fernsehfiguren und brauchten eine Maske.

Beim Humor habe er sich immer auf seinen Geschmack verlassen. «Ich habe immer die Sachen gemacht, die ich lustig finde. Andere kalkulieren und sagen, oh nein, das gefällt meinem Publikum nicht.» Ihm ist das egal. «Mit den Jahren gibt das ein tolles Stammpublikum.» Man könne Humor und Komik begründen und theoretisieren, am Ende gehe es aber immer darum, was jemand lustig finde. «So findet man es manchmal auch lustig, wenn jemand auf einer Bananenschale gut umfällt.» Das zeigt auch den begrenzten Einfluss der Political Correctness. «Wenn man sich beginnt zu fragen, ob man das lustig finden darf, dann hast du bereits verloren. Dann wirst du innerlich lachen und äusserlich Empörung heucheln. Lachen ist anarchisch.» Man solle aber auch nicht anfangen zu schnöden über einen Humor, den man selber nicht hat, andere aber schon. «Niemand kann sich gegen das eigene Lachen oder das Lustigfinden wehren.»

Auch wenn Giacobbo auf seine Figuren nicht stolz ist, auf etwas anderes ist er es: das Casinotheater Winterthur, das kürzlich das zwanzigjährige Bestehen gefeiert hat. «Zusammen mit den anderen bin ich stolz darauf.» Es habe halt auch alles zusammengepasst. «Es gab das Gebäude, das in einem schlechten Zustand war. Die Stadt als Besitzerin, die nicht wusste, was es damit machen sollte.» Dann kamen Giacobbo & Co. und betreiben seither ein unsubventioniertes Theater. «Als Zentrum für Comedy, Premieren und Kleintheater erhielt es eine überregionale Bedeutung.»

Wer die Zwanzigjahrfeier des Casinotheaters im Frühling verpasst hat, kann sich freuen. Im Dezember wird die Jubiläumskomödie «Charity» erneut aufgeführt. Mit dabei sind unter anderem Giacobbo als vornehme Frau Giebler vom Zürichberg, Mike Müller als Gieblers Ehegatte und Patrick Frey als Chef des Casinotheaters. Diesen Herbst soll es dann auch endlich klappen mit einem Dokumentarfilm in Sumatra. Giacobbo sitzt im Stiftungsrat von PanEco, einer Stiftung, die sich für den Schutz von Orangutans einsetzt. Darum dreht er eine «Reporter»-Folge für das SRF. «Da geht es auch darum, eine andere Seite von mir zu zeigen, auch wenn die Leute wissen, dass ich mich für den Tierschutz einsetze.»

Es gibt noch andere Anfragen und Pläne, spruchreif sind sie aber noch nicht. «Ich nehme alles vorzu und mache nur noch das, was mir Spass macht.» Obwohl, das habe er auch zuvor fast immer gemacht. «Teils gab es aber Sachen, wo ich das Gefühl hatte, dass ich sie machen müsse, weil sie in diesem oder jenem Lokal stattfanden, oder weil diese oder jene ­Person gefragt hatte.» Darum muss sich die «Puffmutter des Schweizer Humors» heute aber keine Gedanken mehr machen.

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