Kaffee mit…

Viktor Röthlin, Ex-Marathonläufer

Bald wird er die Welt zum vierten Mal umrundet haben. Rennenderweise. Wir treffen Ex-Marathonläufer Viktor Röthlin in seinem Lieblingscafé, der Confiserie Bachmann im Länderpark in Stans – zu einer Tasse Tee, Kaffee mag er nicht. Das Gespräch findet eine Stunde früher als geplant statt: Röthlin muss sich um seine beiden Kinder im Alter von sechs und acht Jahren kümmern, die Tagesmutter ist ausgefallen. Doch auch sonst ist er fix zwei Tage pro Woche zu Hause, seine Ehefrau arbeitet als Kinderärztin. Wie sehr legt er im Haushalt Hand an? «Wir putzen beide nicht gern, aber es muss halt sein», sagt er lachend. Kochen liege ihm eher, nicht nach Kochbuch, sondern mit Zutaten, «die es gerade im Kühlschrank hat». Zu den Lieblingsgerichten gehört Rösti nach Obwaldner Art, aus rohen Kartoffeln. Kann er heute mal über die Stränge hauen mit Essen? Im Gegenteil, sagt er, früher habe er sich das eher leisten können: «Mit 25 Stunden Training pro Woche habe ich alles verbrannt.»

Während der Aktivzeit gehörte es zu seinen Ritualen, am Vorabend eines Marathons eine gehörige Portion Rösti zu essen. 27 dieser Langstreckenrennen hat Viktor Röthlin während seiner Laufkarriere absolviert.  Gut fünfzehn Jahre lang hielt er den Schweizer Rekord, bis er ihm 2016 vom eritreastämmigen Tadesse Abraham entrissen wurde. Bereits 1999 lief er die 42,195 Kilometer in 2h’13’36, neun Jahre später seine Bestzeit von 2h’07’23. Dazu meint er: «Rekorde waren mir nicht so wichtig, früher oder später werden sie unterboten.» Wichtiger seien Medaillen, sie behielten ihren Wert. Die grösste Bedeutung misst er dem zweiten Rang an der Europameisterschaft 2006 in Göteborg zu: «Für mich war er die endgültige Bestätigung, dass sich der Riesenaufwand lohnt. Danach habe ich an Lockerheit und Biss gewonnen.» Am häufigsten wird er auf den Europameistertitel angesprochen, den er vier Jahre später in Barcelona gewann.

Was entscheidet eher, Talent oder Fleiss? Die Antwort kommt prompt: Talent, konkret die Laufökonomie, sei Voraussetzung für den Erfolg, doch nachher entscheide «Fleissarbeit». Auf seiner Webseite ist zu lesen, er habe ziemlich viel Ausdauer. In Jugendzeiten war Markus Ryffel Idol und Inspiration, später bewunderte er Boxweltmeister George Foreman, für die Mentalität und den unbändigen Siegeswillen.

Der Marathon gleiche einem Leben, sagt der 46-jährige Innerschweizer: Am Start sei man voller Energie, unterwegs müsse man sich durchbeissen und Krisen überwinden, und am Ziel fühle man sich wie ein Greis. Für diejenigen, die sich vornehmen, einmal im Leben einen Marathon zu laufen – welcher soll es sein? Auch für Viktor Röthlin ist es eindeutig: der von New York. Es sei der grösste Anlass dieser Art weltweit, während 42 Kilometern werde jeder von einer kreischenden Menge am Strassenrand angefeuert, auch nach Stunden noch. Wer den Lauf unter viereinhalb Stunden schaffe, erscheine zudem am Tag danach mit Namen in der «New York Times» – wenn das keine Motivation ist.

Heute treibt er noch drei Stunden Sport pro Woche, das Laufen «nach dem Lust-und-Laune-Prinzip» oder wenn er wenig Zeit hat. Mittlerweile bevorzugt er Mountainbikefahren und Langlaufen. Trotzdem kann es passieren, dass Wanderern auf dem Chasseral im Jura plötzlich Viktor Röthlin in flottem Tempo entgegenrennt und er sie freundlich grüsst, wie dem Schreibenden im Frühling passiert. Röthlins Ehefrau stammt aus der Region. Kennengelernt haben sie sich im Nationalen Sportzentrum Magglingen, wo er als Physiotherapeut arbeitete. Mit seiner Frau möchte er noch ein Lebensziel verwirklichen, wenn die Kinder in einigen Jahren grösser sind: das Matterhorn besteigen. Im Unterschied zu ihr müsse er seine Kletterfähigkeiten noch verbessern. Auch Reiten ist ihm ein Hobby geworden. Die Obwaldner Gemeinde Kerns schenkte Röthlin 2007 ein Pferd namens Osaka zum Gewinn der Bronzemedaille an der Weltmeisterschaft in der gleichnamigen japanischen Stadt. So gut reiten könne er aber noch nicht, dass er es als Sport bezeichnen würde, meint er.

Die Laufkarriere beendete Viktor Röthlin 2014. Einen Alltag im eigentlichen Sinn kennt er heute nicht. Das Gerüst bildet ausser den beiden ­Tagen als Hausmann ein 50%-Engagement für Ochsner Sport. Für die Sportartikelkette arbeitet er als Running-Experte. Just vor unserem ­Gespräch fand ein virtuelles Treffen mit dem Zürcher Label On statt. Sporthändler sind bereits daran, das Sortiment für die Saison Herbst/­Winter 2021/22 zusammenzustellen.

Schon vor zwölf Jahren hat der ehemalige Spitzensportler ein Kleinunternehmen gegründet. Mit zwei Mitarbeitern zusammen organisiert er Lauf- und Marathonreisen und bietet Coaching/Trainingsplanung, Lauftraining sowie Mitarbeiter-Bewegungstraining für Firmen an. Wie läuft das Geschäft jetzt, in Coronazeiten? Kurse seien eher wenig gefragt, wegen Home Office sei die Nachfrage nach Firmentrainings gesunken, erklärt Röthlin. Die Situation sei schwierig und herausfordernd. Doch bereits jetzt arbeitet er an einer «Covid-19-Version» für den von ihm ins Leben gerufenen «Switzerland Marathon light» rund um den Sarnersee, der auch im nächsten September stattfinden soll. Schliesslich hätten so viele wie noch nie das Joggen entdeckt, «der absolute Wahnsinn».

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