Kaffee mit…

Francesca Fellini, Journalistin und Trägerin eines grossen Namens

Wenn man sich mit Federico Fellinis einziger Nachfahrin, seiner Nichte Francesca, auf einen Kaffee trifft, kommt in Rom nur ein Ort in Frage. «Treffen wir uns bei Canova an der Piazza del Popolo», schlägt sie am Telefon vor. Es war sein Lieblingscafé. «Er sass stets draussen, in der ersten Reihe, rechts», zeigt sie einen Tag später vor Ort. Von dort beobachtete er die Leute, die Tauben und die vielen Autos. Denn zu Fellinis Lebzeiten diente die heute autofreie kreisrunde Piazza noch als Parkplatz.

Über ihren Patenonkel sagt Francesca, er sei ein «creatore di sogni» gewesen. Vielleicht war er deshalb in der 11‘000 Kilometer entfernten Traumfabrik des Films so beliebt. Fellini wurde in Hollywood fünfmal mit einem Oscar ausgezeichnet, sechzehnmal wurde er nominiert. Keinem anderen italienischen Regisseur gelang das, und nur wenigen US-Kollegen. Regisseure wie Woody Allen und Martin Scorsese betonen, wie sehr sie durch Fellinis Filme inspiriert wurden und bekennen, dass sie aus ihnen Passagen, Techniken, Kameraperspektiven in ihren eigenen Filmen kopierten. Fellini bereicherte das ohnehin umfangreiche italienische Kulturgut. Seine Filme werden gefeiert, seine Filmsprache wird an Universitäten erforscht und gelehrt. Selbst in die italienische Sprache fand er Eingang. Im Garzanti, dem italienischen Duden, wird «felliniano» als Adjektiv, männlich, aufgeführt. Es beschreibt eine groteske, surreale Situation oder Person, wie sie typisch für Fellinis Filme ist.

Francesca war achtundzwanzig Jahre alt, als ihr berühmter Onkel 1993 verstarb. Sie sahen sich regelmässig. Sowohl in Rimini, wo er geboren wurde, als auch in Rom, wo er lebte und arbeitete. «Mein Onkel verreiste praktisch nie.» Für Preisverleihungen im Ausland, zum Beispiel in Hollywood, sprang seine Ehefrau ein, die Schauspielerin Giulietta Masina. Beide waren fast gleich alt, fünf Jahrzehnte glücklich miteinander verheiratet und beide starben nur wenige Monate nacheinander. «Tante Giulietta liebte es, unter Menschen zu sein und neue Länder kennenzulernen. Sie war in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil ihres Ehemanns.» Als eine der ersten Unicef-Botschafterinnen sei sie viel unterwegs gewesen. Eines der wenigen Male, die Federico Fellini dagegen Italien verliess, sei für eine Reise in die Schweiz gewesen. In Zürich besuchte er seinen langjährigen Freund Daniel Keel. Der Gründer des Diogenes-Verlags überredete ihn, Drehbücher, Zeichnungen und Karikaturen für den deutschsprachigen Raum zu verlegen.

«Letztlich spielte sich Fellinis Welt vor allem auf dem römischen Studiogelände Cinecittà ab», resümiert die heute in Rimini lebende Radiojournalistin. In der riesigen Halle des «Teatro Cinque» baute er sich seine Visionen und Erinnerungen als Kulissen nach. Fast alle Filme wurden dort gedreht. In «Amarcord», dem vielleicht autobiografischsten Film, der in Rimini spielt und dessen Szenen am Meer und im Grand Hotel Filmgeschichte schrieben, wurde nicht eine Minute an den Originalschauplätzen gedreht. Alles ist Bühnendekoration, alles aus Gips und Pappe, für den Moment im Studio errichtet und danach wieder eingerissen. Alles diente nur dem einen Zweck, einen Traum zu erzählen, der surreal ist, aber immer einen wahren Kern enthält.

Fellini bestand auf dieser visuellen Künstlichkeit – in seinen späteren Filmen immer mehr. Zum Glück war das in jungen Jahren noch anders. Denn sonst wäre die berühmteste Sequenz in seinem Lebenswerk nie zustande gekommen: Anita Ekbergs nächtliches Bad im römischen Trevibrunnen in dem 1960 gedrehten Streifen «La Dolce Vita».

Bei den Dreharbeiten herrschte immer ein kreatives Chaos. Techniker, Komparsen, Besucher bis hin zu Kamerateams beispielsweise des japanischen Fernsehens – jeder schien zugegen zu sein. Fellini brauchte das, um zu arbeiten. Das ganze wirkte noch surrealer, wenn die Schauspieler angehalten wurden, statt des Drehbuchtexts nur Zahlen zu zitieren. Das kam häufig vor. Der Dialog wurde später nachsynchronisiert. Seine Nichte bedauert heute, dass er nicht mit ihr über seine Arbeit gesprochen hat. Aber daran war nicht ihr jugendliches Alter schuld. «Mein Onkel sprach nie darüber, es sei denn mit seinen Co-Autoren.» Er habe es gehasst, an Pressekonferenzen seine Filme beschreiben zu müssen. Er tat es trotzdem, formulierte dann besonnen und schmückte jede seiner Aussagen mit besonderen Adjektiven aus, denn er war eloquent. Aber dieser Prozess sei für ihn zu wenig kreativ gewesen – und deshalb uninteressant.

Francesca Fellini selbst steckt mitten in der Postproduktion eines eigenen Kurzfilms über ihren Onkel. Sie hofft, dass sie ihr Werk in Cannes vorstellen kann, nächstes Jahr, wenn die Welt auf ihren berühmten Vorfahren blicken wird. Denn am 20. Januar 2020 hätte Federico Fellini seinen 100. Geburtstag gefeiert. Die Geburtsstadt Rimini wird das Fellini-Jahr besonders feiern. Als Höhepunkt wird dort im Herbst 2020 ein neues Museum, das dem Maestro gewidmet ist, eröffnet. In der mittelalterlichen Burg Castel Sismondo sollen die Besucher Fellinis Werk nicht nur besichtigen, sondern auch erleben können. Interaktive Installationen sind vorgesehen, unter anderem auch die Möglichkeit, mit der Ekberg in die Fontana di Trevi zu springen. Ein Zirkus, ein Traum, eine Scheinwelt – ganz so, wie es Francesca Fellinis Onkel gefallen hätte.

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