Kaffee mit…

Mark Levinson, Filmregisseur

Claude Shannon, der Erfinder der Informationstheorie, sprengt das landläufige Bild eines Wissenschaftlers. Er war Mathematiker, verdiente sein Geld aber lieber mit Aktien als in der Forschung und entwickelte eine mathematische Herangehensweise fürs Glücksspiel. Er hat ebenso den Begriff «Bit» eingeführt, wie einen tragbaren Computer gebaut, mit dem er seine Chancen in Las Vegas beim Roulette verbessern wollte. Obwohl er heute fast vergessen ist, wäre ohne ihn jedoch ein Grossteil der digitalen Revolution des 20. und 21. Jahrhunderts undenkbar. Seine Arbeiten zu den Grundlagen der elektronischen Kommunikation veröffentlichte er in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Als er jedoch in späteren Jahren interviewt wurde, war er eher daran interessiert, Maschinen und Apparate vorzuführen, welche er im Laufe seines Lebens gebaut hatte.

Diese kreative, verspielte Seite gehört ebenso zu Claude Shannon wie seine bahnbrechenden Beiträge zur Wissenschaft, findet Regisseur Mark Levinson, dessen Film «The Bit Player» über Shannon dieses Jahr herausgekommen ist. Der Film beginnt auch mit einer Aufnahme eines trompetenspielenden Mannes, dessen Instrument sich in einen Flammenwerfer verwandelt. Später gibt es noch einen jonglierenden Roboter, einen Computer, der mit römischen Zahlen rechnet, sowie eine Maschine zu sehen, deren einziger Zweck darin besteht, dass ihre mechanische Hand den Einschaltknopf wieder auf «Aus» stellt. «Shannon hatte Glück in seinem Leben. Er war ein Genie und hat früh etwas geleistet, was ihm anschliessend die Freiheit gegeben hat, zu tun, was er wollte», sagt Levinson beim Gespräch auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. Der gebürtige Amerikaner ist zum Zürcher Film Festival ZFF in die Schweiz gereist, wo er als Jurymitglied über den Science Film Award, der vom Verein Eye on Science verliehen wird, mitentscheidet. Kaffee gibt es zum Mitnehmen. Wir sitzen mitten auf dem Platz und geniessen die Herbstsonne.

Es waren aber nicht die verrückten Apparaturen, die Levinson auf Shannon aufmerksam machten. «Ein Freund hat mir von seinen Forschungen erzählt.» Levinson begann zu recherchieren und war erstaunt, dass Shannon derart in Vergessenheit geraten ist. Seine Ideen haben Bereiche wie Kommunikation, Kryptografie, Neurowissenschaften, Linguistik oder Genetik beeinflusst. Sogar zu Finanztransaktionen hielt er Mitte der Sechzigerjahre Vorlesungen am MIT in Massachusetts. Er propagierte ein Verfahren, bei dem nach jeder Transaktion das Kapital in exakt zwei Hälften aufgeteilt wird. Die eine wird fürs Spekulieren, die andere als Reserve genutzt. Was aus seinen Ideen entstanden ist, hat Shannon jedoch nicht mehr richtig miterlebt. Er ist 2001 an den Folgen von Alzheimer verstorben. Shannon war keine kompetitive Person, Wettbewerb war ihm fremd – nicht wie heute die Entrepreneurs im Silicon Valley, meint Levinson. Sein Antrieb war wissenschaftliche Neugierde. Er widmete sich einer Fragestellung, und war sie zu seiner Zufriedenheit gelöst, wandte er sich der nächsten zu. Nicht alles hatte Erfolg. Der Roulette-Computer zum Beispiel habe beim ersten Praxistest in Las Vegas versagt.

Levinson selbst ist als Quereinsteiger zum Filmen gekommen. In Berkeley in den USA studierte er theoretische Teilchenphysik und vertiefte sich währenddessen in die grosse Filmauswahl der Universität. Nach seinem Abschluss antwortete er auf die Stellenausschreibung einer Produktionsfirma, wo er als Cutter lernte, Filme zu schneiden. Später war er für die Nachbearbeitung der Dialoge bei verschiedenen grossen Produktionen verantwortlich, unter anderem bei «Der englische Patient», «Der talentierte Mr. Ripley» von Oscar-Preisträger Anthony Minghella, oder zuletzt bei der Netflix-Produktion «House of Cards».

Die Arbeit im Aufnahmestudio mit all den bekannten Schauspielern sei spannend gewesen, erzählt Levinson. Die Wissenschaft hat ihn aber trotz Hollywood nicht ganz losgelassen. In «Particle Fever», seinem ersten Dokumentarfilm von 2013, begleitete er die Physiker, welche am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf Experimente mit dem Teilchenbeschleuniger LHC durchführten. Finanziert wurde das Projekt von einer Gruppe von Physikern, die an Wallstreet zu Geld gekommen waren – ganz in der Tradition von Claude Shannon. Um Profit sei es der Gruppe bei ihrem Investment aber nicht gegangen. Als er ihnen die erste Rate zurücküberweisen konnte, sei das Erstaunen gross gewesen.

Die richtigen Bilder für die abstrakte Forschung zu finden, war aber nicht einfach. Mit der Zeit habe er begonnen, den Teilchenbeschleuniger fast wie eine eigene Person zu behandeln. Die Dreharbeiten begannen 2008 mit dem ersten Start des LHC. Auf den anfänglichen Erfolg folgte ein Rückschlag. Es gab einen Unfall, der Teilchenbeschleuniger musste abgeschaltet werden, was in der Schweiz damals für grosse Kritik an den Experimenten sorgte. Schlussendlich gelang es den Wissenschaftlern aber doch, das Higgs-Teilchen zu identifizieren. Ein glücklicher  Zufall, erinnert sich Levinson. Planen lässt sich so etwas kaum. «Die Dreharbeiten waren eigentlich schon beendet. Jetzt endet der Film mit einem Ereignis, welches für internationale Schlagzeilen gesorgt hat.»

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