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Kapitalanlagen

Praktikus

Wie vermutlich kaum eine andere Aktie zuvor haben Apple sehr viele Leute vermögend gemacht – wenn sie diese lange genug hielten. Das gilt nicht nur für den am Mittwoch verstorbenen Steve Jobs und seine zwei Mitgründer sowie das Topmanagement des Technologieunternehmens, die alle Milliardäre wurden, sondern auch für unzählige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Apple, in bedeutenderen und selbst in unbedeutenden Funktionen. Es ist bekannt, dass Jobs schon früh seine Leute in Form von Gratisaktien und Optionen am Erfolg des Unternehmens partizipieren liess. Das hat sich für sie bezahlt gemacht. Als Apple 1980 den Börsengang (IPO) machte – nur vier Jahre nach der Gründung –,gab es dreihundert neue Millionäre, die meisten waren Apple-Leute. Solches hatte es zuvor in Amerika nie gegeben.

Apple – 13 000% Kursgewinn

Wenn die dreihundert Millionäre der ersten Stunde der Versuchung widerstanden haben, Kasse zu machen, sind sie heute allesamt Milliardäre. Unglaubliche 13 000% legten die Apple-Valoren seit dem IPO zu, rechneten Analysten aus. Aus dem kalifornischen Kleinstunternehmen mit 200 Mio. $ Marktwert ist ein Technologiegigant mit einer Börsenkapitalisierung von 350 Mrd. $ geworden. Nur Exxon Mobil ist noch wertvoller. Die Gründe für Apples phänomenalen Erfolg sind bekannt, und sie können in den unzähligen Nachrufen auf Steve Jobs nachgelesen werden (mehr dazu auf Seite 33).

Apple ist das Paradebeispiel dafür, welch enorme Wertsteigerungen mit Aktien über die Zeit möglich sind – wenn man viel Geduld hat und sich nicht mit wenig Kursgewinn zufrieden gibt. Keine andere Vermögensklasse verfügt auch nur annähernd über ein derart grosses Gewinnsteigerungspotenzial. Solche Investments sind zudem allen Anlegern zugänglich, auch mit bescheidendem Einsatz. In Ausgabe Nummer 51 vom 29. Juni dieses Jahres habe ich mich unter dem Titel «Die beste Aktie . . . nicht im Dow?» mit Apple befasst. Apple sei die perfekte Langfristanlage, lautete damals meine Beurteilung. Doch zu viele Anleger, die schon früh dabei waren, seien längst nicht mehr in Apple engagiert – weil sie zu früh verkauft und den anvisierten Wiedereinstieg auf tieferem Niveau verpasst haben, oder aber – im vermutlich häufigeren Fall – ihn auf höherem Kursniveau nicht mehr gewagt hatten.Dabei hätte sich das noch lange gelohnt, selbst als die Aktien schon von vielen Analysten als zu teuer beurteilt wurden. Allein seit Anfang 2006 hat sich der Wert nochmals versiebenfacht. Heute notieren Apple mit 377 $ rund 10% unter ihrem 52-Wochen- und Allzeithöchstkurs von 423 $. Ob sich auf diesem Niveau ein (Neu-)Einstieg noch lohnt, kann ich mit Blick auf die Ungewissheit, die nach dem Tod von Steve Jobs über der weiterhin überdurchschnittlich wachstums- und ertragsstarken Gesellschaft lastet, nicht sagen. Auf günstigere Kurse warten könnte sich auszahlen. Wer diese Titel bereits besitzt, sollte an ihnen festhalten.Was generell für das Aktienanlegen gilt, zeigt sich auch in der Kursentwicklung von Apple: Selbst die allerbesten Aktien und Unternehmen sind vor Rückschlägen nicht gefeit. Nicht jede Produkteeinführung erweist sich als Erfolg, nicht immer ist es möglich, die anspruchsvoller werdenden Erwartungen der Analysten und Anleger zu übertreffen. Und so kommen immer wieder Zweifel auf, ob die Aktien nicht doch bereits überbewertet seien, und den Investoren stellt sich die Frage, ob sie aussteigen oder dabei- bleiben sollen. Deshalb gibt es an den Börsen auch für die Besten keinen stetigen Weg nach oben.

Nicht zu früh aussteigen

In der Regel trennten sich die Anleger zu früh von ihren Wachstumsaktien, dies weil sie sich oft zu sehr von kurzfristigen Entwicklungen und Nachrichten beeinflussen lassen. Wer zu früh aussteige, könne nie das langfristig beträchtliche Gewinn- und Kurssteigerungspotenzial dieser Aktien nutzen, sagte der US-Wachstumsaktienspezialist Ron Sauer im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» («Das enorme Potenzial wird unterschätzt», FuW Nr. 79 vom 5. Oktober). Zu den klassischen US-Wachstumsaktien mit überdurchschnittlich langfristiger Performance zählen laut Sauer neben Apple unter anderem Google und Nike.

Allerdings, das zeigt sich immer wieder, sind immer weniger Anlegerinnen und Anleger bereit, sich noch längerfristig in Aktien zu engagieren. Das klassische Buy-and-Hold gilt offenbar für viele nicht mehr als zeitgemäss. Und so geben sie sich mit einem rasch erzielten Kursgewinn von 10% zufrieden, und verpassen so regelmässig ein weitaus höheres Gewinnpotenzial von mehreren hundert Prozent. Gewiss, nur wenige Neuinvestitionen sind Trouvaillen wie Apple und verfügen über ein Kurspotenzial von 13 000%. Doch auch heute gebe es in den USA noch viele neue Apple und Google, die über ähnliche Voraussetzungen verfügen wie vor Jahren Apple und Google, betont Sauer gegenüber «Finanz und Wirtschaft». Man müsse sie nur finden und in sie investieren. Wie halten Sie es mit langfristig Anlegen – haben Sie Geduld und Disziplin, um das hohe Kurssteigerungspotenzial von Wachstumsaktien nutzen zu können? Ihre Antworten auf www.fuw.ch/umfrage.

Börsenverluste realisieren

Hand aufs Herz! Fällt es Ihnen leicht, Börsenverluste zu realisieren, der unangenehmen Realität endlich ins Auge zu schauen? Weshalb nicht? Weil der Papierverlust Realität wird, und es endgültig keine Hoffnung mehr gibt, dass doch noch alles gut werden könnte? Weil Sie eingestehen müssen, Fehler gemacht zu haben? Weil Sie es verpasst haben, rechtzeitig noch mit Gewinn auszusteigen?

Der Vermögensverwalter Alfons Cortés, u. a. Autor der FuW-Kolumne «Der Markttechniker», hat sich unlängst mit diesem spannendenThema befasst. Bestimmt interessiert es Sie, was er dazu zu sagen hat: In der Tat – Anleger mögen es nicht, Verluste zu realisieren. Für die wissenschaftliche Untermauerung dieser These ist Professor Daniel Kahnemann berühmt geworden, schreibt Cortés. Die praktische Auswirkung der Verlustaversion während einer Panik bestehe darin, dass viele Leute die vergangenen Gewinner aus dem Portfolio entfernen und die Verlierer der Vergangenheit halten. Das führt zu einem Preisdruck auf die besten Aktien. Wenn die Panik abnimmt, braucht es mehrere Wochen, um die wahrscheinlichen Gewinner der Zukunft von den wahrscheinlichen Verlierern der Zukunft unterscheiden zu können. Der Markt braucht Zeit, um das neue ökonomische Umfeld einzuschätzen. Viele Marktteilnehmende brauchen Zeit, damit sich ihr Nervenkostüm auf ein Niveau erholen kann, welches gut informierte Entscheide wieder zulässt.

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