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Kapitalfrage plagt die Credit Suisse

Die Nationalbank habe sich verrechnet, wenn sie die Kapitalkraft der Bank bemängle, sagt die Credit Suisse. Die Anleger sind irritiert.

Die Diskussion über die Kapitalausstattung der Credit Suisse (CSGN 10.43 -0.33%) (CS) ist längst noch nicht ausgestanden. Übers Wochenende war die Reihe an Konzernchef Brady Dougan, der wegen der miserablen Performance der CS-Aktien auch persönlich unter Druck ist. Die «Sonntagszeitung» gab ihm Gelegenheit, seine Sicht in einem Interview darzulegen. Er nutzte die Plattform weidlich: «Ich bin enttäuscht über die Nationalbank», sagte Dougan und machte seinem Ärger über den Rüffel der Schweizerischen Nationalbank (SNB (SNBN 5200 -0.38%)) von letzter Woche Luft. Durch das Hickhack über die Medien zwischen SNB und CS dürfte die Irritation im Anlegerpublikum allerdings eher noch zunehmen.

Eine Frage der Definition

So schrecklich kompliziert, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist die Lage zum Glück nicht. Im Kern geht es beim Streit über die Kapitalkraft der zweitgrössten Schweizer Bank um unterschiedliche Definitionen von verlusttragendem Kapital: Die SNB habe in ihrer kritischen Analyse von letzter Woche wichtige Kapitalinstrumente vergessen, meint Dougan: Die rund 6 Mrd. Fr. Pflichtwandelanleihen, die die CS vertraglich bereits begeben habe, die aber «technisch erst 2013 ausgegeben» würden, müsse man mitzählen.

Tatsächlich hat die CS schon im Februar 2011 mit den zwei Aktionären Quatar Holding und Olayan Group (beide sind übrigens auch im Verwaltungsrat der Bank vertreten) eine Vereinbarung erzielt: Die beiden nahöstlichen Grossinvestoren sagten zu, nächstes Jahr – genau gesagt «frühestens im Oktober 2013» – für 6 Mrd. Fr. Tier 1 Buffer Capital Notes zu übernehmen. Diese Anleihen, kurz Coco (Contigent Convertible Bonds) genannt, sollen als bedingtes Wandlungskapital dienen, um der Too-big-to-fail-Regulierung der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma gerecht zu werden. Zählt man die 6 Mrd. mit, beträgt die Kapitalquote der CS gemäss den ab 2019 geltenden Regeln von Basel III (voll implementiert) 7,9%. «Damit wäre die CS», schlussfolgert Dougan im Interview, «besser mit Kapital ausgestattet als die UBS (UBSG 11.215 -1.1%).» Zum Vergleich: Die Erzrivalin UBS kann derzeit mit einer Basel-III-Quote harten Kernkapitals von 7,5% glänzen. Das ist im internationalen Vergleich ein solider Wert.

Je härter, desto besser

Aber was soll im Fall CS nun gelten, nur das effektiv in den Büchern befindliche Eigenkapital oder auch die zusätzlichen Mittel, die erst ab dem nächsten Herbst verfügbar sein werden? Vorsichtig, wie die Nationalbank ist, hat sie in ihrem Finanzstabilitätsbericht die deutlich tiefere Basel-III-Kapitalquote von 5,9% für Credit Suisse genannt. Sie beschränkt sich in ihrer Betrachtung strikt auf das Geld, das schon heute zur Verfügung steht, um mögliche Verluste zu tragen. Im Kleingedruckten erklärt die SNB auch ganz genau ihre Berechnungsmethode: Als verlusttragendes Kapital gilt für die Währungs- und Stabilitätshüter zum einen das harte Kernkapital (hauptsächlich Stammkapital und einbehaltene Gewinne), zum anderen bedingte Wandelanleihen, sofern sie über einen hohen Trigger verfügen, das heisst: rasch von Fremd- in Eigenkapital gewandelt werden, sobald die Eigenmittelausstattung einer Bank dürftig werden sollte.

Die Ironie der Geschichte ist, dass die meisten Analysten und der Aktienmarkt fast nur noch auf die Ausstattung mit hartem Kernkapital (Common Equity Tier 1, CET 1) schauen. Zwar behält die Credit Suisse hartnäckig für sich, wie ihre Kapitalquote nach Basel III für diesen strengsten aller Kapitalbegriffe lautet. Kritische Analysten geben sich damit aber nicht zufrieden. So veranschlagt Barclays-Analyst Jeremy Sigee die Quote der CS per Ende März 2012 auf 5,3%. Das ist nicht nur weniger als die 7,5% von UBS, sondern auch im europäischen Vergleich ein bescheidener Wert.

Vielleicht ist so zu erklären, dass die CS-Aktien am Montag bis zur Mittagszeit in einem für Finanzwerte freundlichen Umfeld (Stichwort Wahlausgang in Griechenland) kaum zulegten. Mit seinem Votum vom Sonntag hat CS-Chef Dougan jedenfalls an der Börse so gut wie nichts bewirkt.