Märkte / Emerging Markets

«Kapitalkontrollen sind Teil der Lösung»

Die Türkei und Südafrika stemmen sich mit Leitzinserhöhungen gegen die Abwertungsspirale. Im Gespräch mit FuW zweifelt der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz an der Wirkung solcher Massnahmen.

Die Kapitalflucht aus einigen Schwellenländern zwingt die lokalen Zentralbanken zur antizyklischen Politik. Nach Brasilien, Indonesien und Indien haben nun auch Südafrika und die Türkei die Zinsen erhöht, um die Abwertungsspirale zu durchbrechen und das Vertrauen zurückzugewinnen. Die ersten Marktreaktionen zum Entscheid der Türkei waren positiv: Die Lira wertete sich zum Dollar zuerst 4% auf, nachdem die Zentralbank den Haupt-Repo-Satz von 4,5 auf 10% angehoben hatte. Der Effekt scheint aber bereits zu verpuffen. Die Lira notiert wieder auf dem Niveau vom Dienstag. Trotz der Zinserhöhung der südafrikanischen Zentralbank um 50 Basispunkte auf 5,5% ging auch die Talfahrt des südafrikanischen Rands weiter.

«Finanz und Wirtschaft» sprach mit Columbia-Professor Joseph Stiglitz am Rande einer Veranstaltung in Basel des UBS (UBSG 10.14 1.73%) International Center of Economics in Society über Kapitalströme und wie kleinere Volkswirtschaften sie steuern können. Der Nobelpreisträger Stiglitz war Chefökonom der Weltbank während der Asienkrise und hat sich mit den Auswirkungen und den Anpassungsprozessen eines plötzlichen Kapitalabzugs ausführlich befasst.

Herr Stiglitz, reichen Zinserhöhungen, um eine Abwertung und eine Kapitalflucht wie jüngst in der Türkei zu stoppen?
Zinserhöhungen können funktionieren, ich würde das nicht ausschliessen. Der Erfolgsausweis des Standardrezepts von höheren Zinsen ist jedoch sehr unklar. Denn höhere Zinsen sind für ausländische Investoren zwar attraktiv, sie verlangsamen aber die Wirtschaft, und das schreckt sie eher zurück. Per saldo ist der Effekt nicht eindeutig.

Wie war es während der Asienkrise 1998?
In Thailand hatten Zinserhöhungen, auf die der Internationale Währungsfonds pochte, keinen Effekt. Auch zusammen mit den Rettungsprogrammen konnten sie das Problem nicht wirklich lösen, sondern die Lage höchstens für ein paar Stunden oder Tage beruhigen. Das erfolgreiche Gegenbeispiel ist Malaysia, wo Kapitalverkehrskontrollen eingeführt wurden.

Kapitalverkehrskontrollen sind das einzige Rezept?
Sie sind sicher ein Teil der Lösung. Ich war kürzlich an einem Treffen mit Vertretern der indischen Regierung und der Zentralbank. Es bestand ein breiter Konsens, dass gewisse Kapitalverkehrskontrollen nötig sind, um die schwankungsanfälligen Zu- und Abflüsse im Griff zu haben.

Was können Schwellenländer sonst gegen Leistungsbilanzkrisen tun?
Sie sollten vor allem präventiv agieren, und zwar dann, wenn sie von ausländischem Kapital überschwemmt werden. Abflüsse zu kontrollieren, ist viel schwieriger als die Beschränkung von Zuflüssen. Die Türkei hat während der Boomjahre genau das zuletzt versucht. Die Zentralbank hat eine unorthodoxe Geldpolitik verfolgt, um nicht noch mehr «Hot Money» anzuziehen.

Was meinen Sie mit unorthodoxer Geldpolitik?
Trotz heiss laufender Wirtschaft und Inflationsdruck liess die Zentralbank den Leitzins tief, um das Land nicht noch attraktiver zu machen für ausländische Investoren. Stattdessen erhöhte sie die Mindestreserveanforderung der Banken.

Der Verzicht auf Zinserhöhung wurde von ausländischen Ökonomen oft kritisiert, da Inflation und Überhitzung drohte. Zu Unrecht?
In einer offenen Volkswirtschaft wie der Türkei kann eine eigentlich lockere Geldpolitik tatsächlich eine restriktive Wirkung haben und die Überhitzung verhindern, wenn dadurch der Kapitalzufluss gebremst wird. Eine solche unorthodoxe Politik war in der Phase mit massiven Zuflüssen sinnvoll.

Im Unterschied zur Asienkrise haben heute die betroffenen Länder flexible Wechselkurse und sind meist in eigener Währung verschuldet. Wo liegt also das Problem der Abwertung? Sie gehört doch zu einem gesunden Anpassungsprozess.
Das stimmt. In der Asienkrise waren die betroffenen Länder wegen des Dollar-Peg in fremder Währung verschuldet. Die plötzliche Abwertung nach der Aufgabe des Peg führte so zu einer Schuldenkrise. Heute sind die meisten Länder hauptsächlich in eigener Währung verschuldet. Das Problem ist der Druck auf die Inflationsrate, da sich die Importe durch die Abwertung verteuern. Wenn die Abwertung auf die Inflation schlägt, dann findet keine reale Abwertung statt, die für das Exportwachstum und die Anpassung der Leistungsbilanz nötig wäre. In Asien war der Inflationseffekt kleiner als der Exporteffekt. Für die Türkei hätte ich da mehr bedenken.

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