Meinungen

Kein «Comeback» der Dreissigerjahre

Die Lage im Europa der Zwischenkriegszeit war zwar ganz anders und viel schlimmer als heute. Doch der Vergleich kann helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Ein Kommentar von Tobias Straumann.

Tobias Straumann
«Der historische Vergleich wird zur Karikatur, wenn man die Unterschiede übersieht.»

Seit einigen Monaten wird in der Presse wiederholt vor der Rückkehr der dunklen Dreissigerjahre gewarnt. Trump, Orbán, Putin, Erdogan, AfD und Front National – all diese politischen Figuren und Parteien werden als untrügliche Zeichen einer autoritären Wende interpretiert.

Dabei spielt keine Rolle, dass völlig unterschiedliche Länder miteinander vermischt werden. Es geht darum, die Öffentlichkeit aufzurütteln, und dafür darf die Argumentation ruhig etwas unscharf sein.

Vor diesem Hintergrund ist es wohltuend, dass der bekannte britische Historiker Ian Kershaw, der unlängst in Zürich weilte, klar gegen den falschen Vergleich mit den Dreissigerjahren Stellung genommen hat. «Wir leben heute in einem ganz anderen Europa, in einer ganz anderen Welt als damals», schrieb er im Magazin «NZZ Geschichte». «Es kann und es wird keine Rückkehr in die dunklen Jahrzehnte Europas geben.» Kershaw ist wie kein anderer dazu berufen, sich zu dieser Frage zu äussern.

Er hat eine Reihe hervorragender Bücher zur deutschen Geschichte geschrieben und unlängst einen umfassenden Überblick über die europäische Geschichte von 1914 bis 1949 publiziert. Eines der besten Geschichtsbücher, die ich je gelesen habe, ist dasjenige über die «Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41».

In zehn Kapiteln rekonstruiert Kershaw knapp und klar die Entscheidungsabläufe, die hinter den grossen Wendepunkten des Krieges standen, etwa Churchills Entschluss im Frühling 1940, weiter zu kämpfen, oder Hitlers Entscheidung im Herbst 1941, den USA dereinst den Krieg zu erklären.

Der giftige Konflikt-Mix ist passé

Der erste Grund, den Kershaw nennt, ist der wichtigste. Es gebe heute im Vergleich zur Zwischenkriegszeit kaum grössere Krisenherde in Europa. Vor allem drohten keine ethnischen Konflikte, wenn auch aus einem beschämenden Grund: Während des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach habe eine gewaltsame Entflechtung stattgefunden, sodass die europäischen Länder heute viel homogener geworden seien als damals.

Auch der Klassenkampf sei damals viel heftiger gewesen, und die Wirtschaftskrise der Dreissigerjahre lasse sich erst recht nicht mit der jüngsten Finanzkrise vergleichen. Und schliesslich gebe es, abgesehen von der Ukraine, keine ernsthaften Grenzstreitigkeiten mehr. «Die Katastrophen-Matrix – ethnischer, territorialer Konflikt, Klassenkampf und Kapitalismuskrise –, die solch verheerende Konsequenzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte, diese Matrix gibt es in Europa nicht mehr.»

Kershaw nennt noch drei weitere Gründe, die gegen eine Rückkehr der Dreissigerjahre sprechen. Erstens sei Europa heute ein gefestigter demokratischer Kontinent. Die Gewaltenteilung sei allenfalls in Polen und Ungarn gefährdet, doch nicht in ganz Mittel- und Südeuropa, wie in der Zwischenkriegszeit.

Zweitens existiere der damalige Militarismus nicht mehr in dieser aggressiven Form: «Wir leben in Zivilgesellschaften.» Und drittens habe sich das grösste Land Europas fundamental verändert: «Ein prosperierendes, stabiles, demokratisch standfestes Deutschland, das sich auf liberale Werte und internationale Kooperation beruft, ist der Dreh- und Angelpunkt europäischer Solidität.» Kershaws Liste mag vielleicht nicht ganz vollständig sein.

Aber egal, wie viele Faktoren man ins Spiel bringt, der Tenor ist immer derselbe: Die Unterschiede sind viel relevanter als die Gemeinsamkeiten. So ist es vollkommen irreführend, Donald Trump mit einem Diktator der Dreissigerjahre zu vergleichen. Die USA sind die älteste Demokratie der Welt, die viele «Checks and Balances» besitzt.

Die Weimarer Republik war alles andere als eine gefestigte Demokratie. Und die Ukip, die AfD und der Front National sind demokratische Parteien, keine faschistischen Bewegungen, die bewaffnete Sturmtruppen losschicken, um den politischen Gegner zu zerstören. Der historische Vergleich wird zur Karikatur, wenn man die elementaren Unterschiede übersieht.

In einer Hinsicht vermag allerdings auch Kershaws Analyse nicht ganz zu überzeugen. Denn mit keinem Wort geht er auf die politischen Fehlleistungen der damaligen Zeit ein, sondern stellt nur fest, dass die Lage in den Dreissigerjahren viel schlimmer war als heute. Gräbt man hier etwas tiefer, stösst man durchaus auf einen Aspekt, der einem vertraut vorkommt.

Natürlich gilt auch hier die Devise, dass die Zeiten verschieden sind. Aber der Vergleich mit damals hilft durchaus, die Gegenwart in einem neuen Licht zu sehen. Was zum Denken anregt, ist der Friedensprozess nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die Pariser Verhandlungen waren von grossem Idealismus begleitet. Man glaubte, man könne Europa neu gestalten, weil zwei Grossreiche (Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich) untergegangen waren und ein Grossreich (Russland) durch Niederlage, Revolution und Bürgerkrieg sehr geschwächt war.

Endlich bekamen die osteuropäischen Gebiete ihre eigenen Nationalstaaten, und US-Präsident Wilson pries das Selbstbestimmungsrecht der Völker als fortschrittliches Prinzip. Man glaubte auch, das unterlegene Deutschland durch eine kluge Friedenskonstruktion dauerhaft schwächen zu können. Das Gegenteil ist passiert. Der Vertrag von Versailles hat nicht Frieden gebracht, sondern die Saat für den nächsten Krieg gesät.

Besonders verheerend war die Art und Weise, wie damals die Schuldenfrage geregelt wurde. Indem sich die US-Regierung weigerte, die Schulden der europäischen Alliierten substanziell zu reduzieren, hinderte sie diese daran, gegenüber Deutschland grosszügig aufzutreten. Die Hyperinflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre waren (auch) Ergebnisse der unbefriedigenden Reparationsregelung.

Ein zweiter kapitaler Fehler war die Rückkehr zum Goldstandard in der Mitte der Zwanzigerjahre. Das rigide Währungssystem verhinderte eine flexible geldpolitische Reaktion auf die Rezession und die Bankenkrisen der Dreissigerjahre.

Falsche Erwartungen, auch nach 1989

Die Friedensordnung, die nach dem Zerfall der Sowjetunion errichtet wurde, war ebenfalls von grossem Idealismus begleitet. Es herrschte das Gefühl vor, eine neue Zeitrechnung habe begonnen, in der die alten Gravitationsgesetze nicht mehr gültig seien.

Viele europäische Politiker glaubten, die Europäische Gemeinschaft in eine Union verwandeln zu können, die auf Augenhöhe mit den USA und China die weltpolitische Bühne dominieren würde. Das geschwächte Russland wurde marginalisiert. Der Euro wurde eingeführt mit dem Ziel, die politische Union herbeizuzwingen. Diese Erwartungen waren unrealistisch, sie waren Produkt einer kurzfristigen Begeisterung.

Heute leiden wir unter dem Kater nach der Party. Zum Glück sind die Folgen bisher weit weniger schlimm als damals. Aber was etwa Griechenland in den letzten Jahren erlebt hat, lässt sich schon mit der Erfahrung der Weltwirtschaftskrise vergleichen. Ähnlich wie damals zeigt sich heute, dass es ausserordentlich schwierig ist, institutionelle Weichenstellungen an sich verändernde Verhältnisse anzupassen.

In den Zwanzigerjahren sah man durchaus, dass der anfängliche Reparationsvorschlag nicht funktionierte. In zwei Schritten gelang es, durch eine virtuose diplomatische Leistung den Deutschen entgegenzukommen, ohne die innenpolitische Unterstützung zu verlieren; der Dawes-Plan und der Young-Plan erwiesen sich aber als Papiertiger, sobald sie dem Test der Finanzmärkte ausgesetzt waren.

Heute ist das Krisenmanagement zwar erfolgreicher, aber bisher ist es nicht gelungen, die Konstruktionsfehler der Währungsunion zu beheben. Die Weichenstellungen, die vor 25 Jahren in Maastricht vorgenommen wurden, lassen sich nicht leicht korrigieren. Die Weltwirtschaftskrise endete mit der Aufhebung des Goldstandards und der Streichung aller Kriegsschulden. Wie wird die heutige Krise dereinst enden?