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Kein Rekord der Schweizer Leistungsbilanz mehr

Der Positivsaldo in der Aussenbilanz der Schweiz ist im vergangenen Jahr markant zurückgegangen. Deviseninterventionen der SNB prägen die Statistik.

Kritiker der Schweizer Mindestkurspolitik argumentierten lange, dass es sich angesichts des rekordhohen Leistungsbilanzüberschusses nicht gezieme, den Wechselkurs künstlich tief zu halten. Die am Montag veröffentlichte erste Hochrechnung der Schweizer Zahlungsbilanz legt offen, dass die Kritik nur teilweise gerechtfertigt war: Der Leistungsbilanzüberschuss schmolz 2014 um 23 Mrd. auf 45 Mrd. Fr. Von Rekord kann keine Rede mehr sein. In den vergangenen vierzehn Jahren fiel der Saldo nur fünf Mal noch tiefer aus. Gemessen am Bruttoinlandprodukt beträgt er 7% (2013: 11%).

Verantwortlich für den Rückgang sind die Kapitaleinkommen (vgl. Box (BOX 25.21 -1.14%) rechts). Ihr Überschuss verringerte sich markant, wie die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 5'600.00 -1.41%)) mitteilt, weil  bei den Direktinvestitionen höhere Ausgaben verzeichnet wurden. Zwar stiegen die Gewinne der Auslandtöchter. Sie glichen den Ausgabenanstieg aber nur teilweise aus.

Kapital fliesst ab

Auch der Überschuss in der Kapitalbilanz der Schweiz – dem zweiten Teil der Zahlungsbilanz – schrumpfte letztes Jahr beträchtlich. Er halbierte sich fast und betrug im Jahresdurchschnitt 47 Mrd. Fr. Wie die Komponenten der Kapitalbilanz sich im Quartalsverlauf entwickelten, ist im unteren Teil der Grafik dargestellt, wobei Minuswerte den Export von Kapital aus der Schweiz abbilden und Pluswerte Kapitalimporte.

Im vierten Quartal strömte per saldo Kapital in die Schweiz. Das ist aber nur der Nationalbank zu verdanken, die im Dezember am Devisenmarkt intervenierte und Fremdwährungen aufkaufte, um den Euromindestkurs von 1.20 Fr. zu verteidigen. Die Währungsreserven nahmen daraufhin um 26 Mrd. Fr. zu.

Alle anderen Positionen der Kapitalbilanz signalisieren Kapitalabflüsse aus der Schweiz. Inländer verkauften gegen Ende des Jahres massiv ausländische Anleihen, und auf der anderen Seite verkauften ausländische Anleger Schweizer Aktien. Die Portfolioinvestitionen weisen daraufhin im Schlussquartal einen signifikanten Negativsaldo von 10 Mrd. Fr. auf.

Weil Schweizer Unternehmen das Beteiligungskapital ihrer Tochtergesellschaften im Ausland verringerten, sank auch der Saldo der Direktinvestitionen ins Minus. Banken bauten ihre Aktiven im Interbankengeschäft gegenüber dem Ausland ab, was sich im Negativwert bei den «übrigen Investitionen»  niederschlägt.

Kundengelder fallen heraus

Die Nationalbank hat nach einjähriger Pause, in der sie die statistische Erfassung  überarbeitete, mit diesem Ausweis die Publikation der Zahlungsbilanz wieder aufgenommen. Das neue Erscheinungsbild entspricht dem weltweit verwendeten Standard. Unter anderem verschwindet die typisch schweizerische Bezeichnung «Ertragsbilanz» und wird durch den international üblichen Begriff «Leistungsbilanz» ersetzt. Kapitalexporte heissen von nun an «Nettozugang von Aktiven».

Die Aufstellung werde dank der Reform detaillierter, verspricht die SNB. Leider aber nicht in allen Bereichen. So ist es künftig nicht mehr  möglich, aus der Kapitalbilanz den Zu- und Abgang von Kundengeldern aus dem Ausland resp. Treuhandanlagen abzulesen. Die Daten werden – einer nur schwer verständlichen  international üblichen Logik wegen – nicht mehr erfasst. Auch in den von der SNB separat erhobenen Bankenstatistiken fehlen entsprechende Angaben. In der Schweizer Aussenwirtschaftsstatistik entsteht eine Lücke, ausgerechnet an einer Stelle, die Wirtschaftsforscher und Devisenanalysten regelmässig konsultierten, um die Wechselkursentwicklung besser erklären zu können.

Die statistische Umstellung hat zu einer Neudefinition des Schweizer Auslandvermögens geführt. Neu werden u. a. konzerninterne Kredite der Versicherungen erfasst. Das Nettoauslandvermögen betrug demnach vergangenes Jahr beachtliche 816 Mrd. Fr.