Märkte / Makro

«Keine Bedrohung mehr für die Eurozone»

Chefstratege und Head Research von Julius Bär, Christian Gattiker, sagt im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft», dass der Fall in Zypern keine massiven Auswirkungen auf die Eurozone haben wird.

Mit dem Zugriff auf die Kundeneinlagen bricht die Euro-Zone ein Tabu. Guthaben von unter 100’000 € sollen einmalig mit 6,75% belastet werden, Beträge darüber mit 9,9%. Die Abgabe dürfte dem Staat 5,8 Mrd. € einbringen. Das Parlament sollte ursprünglich heute Nachmittag das dazu notwendige Gesetz durchpeitschen, damit die Abgabe ab Dienstag eingezogen und die Guthaben nicht ausser Landes geschafft werden können. Am Montagmittag wurde bekannt, dass die Parlamentssitzung auf Dienstag vertagt wurde, offenbar will die Regierung mit Brüssel nachverhandeln. Danach sollen Kleinanleger 3% ihrer Ersparnisse an den Staat abgeben, dafür Reichere mit mehr als 500’000 € 15%. Die Banken werden nun mindestens bis Dienstag geschlossen bleiben, um einen Ansturm der Bankkunden zu verhindern. Für Christian Gattiker-Ericsson, Chefstratege und Head Research von Bank Julius Bär, wird sich erst nach dem Entscheid zeigen, ob die Märkte vor holprigen Wochen stehen.

Herr Gattiker, die Ereignisse in Zypern haben den Euro und die Börsen weltweit belastet. Würden Sie sagen, es war eine Überreaktion?
Es kommt darauf an: Wenn das zyprische Parlament morgen die Körte schluckt, dann war es meiner Meinung nach eine Überreaktion und die Märkte werden sich bald wieder beruhigen. Es ist dabei unwichtig, ob noch kosmetische Veränderungen stattfinden und Guthaben unter 100’000 € etwa mit nur 3% und solche darüber entsprechend mehr als bisher angenommen abgeben müssen. Sollte das Parlament aber den Deal zurückweisen, stehen den Märkte wieder turbulentere Wochen bevor, denn es könnte zum Bankrott einiger Institute in Zypern kommen. Die neuen Verhandlungen mit der EU würden sich zudem hinziehen. Selbst dieser Fall stellt aber keine Bedrohung mehr für die Eurozone dar, dazu ist Zypern nun einmal einfach zu winzig, die Erholung würde verzögert, aber nicht aufgehalten. Aber bis die Bankenunion im Sommer kommt, würden die Finanzmärkte wieder nervöser.

Was soll Anleger in der Schweiz tun?
Falls die Bedingungen der EU in dieser oder einer für Kleinanleger abgeschwächten Form durchkommen, muss er nichts tun. Es ist nicht der Moment für grosse Umschichtungen, wenn es nicht zur grossen Eskalation kommt. Überdacht werden sollte aber eventuell die Rolle von Barmittelbeständen. Zum ersten Mal wurde Cash direkt ins Visier genommen. Ein Zypriot, der in Aktien investiert ist, hat zwischen 1 und 2% verloren. Je nach dem, wie hoch seine Bankeinlagen sind, muss er darauf 6,75 bis 9,9% abschreiben.

Wie kommt die EU auf die Idee, die Bankkonten zypriotische Anleger mit einer Sondersteuer zu belegen, während es ja ein europaweiter Einlegerschutz ein Grundpfeiler der neuen Bankenunion werden soll?
Ein Teil des Geldes, das dem Staate fehlt, kann so schneller und einfacher aufgetrieben werden als über das Budget. Zudem können so gleichzeitig die Banken saniert werden.

Ist das nicht ungerecht?
Es ist wichtig zu sehen, dass Zypern ein Spezialfall innerhalb der EU ist, die Bilanzsumme des Bankensektors beläuft sich auf das Achtfache der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes. Es mag ungerecht erscheinen, die Sparer anzuzapfen. Aber nur so besteht die Möglichkeit, ein Substrat zu besteuern, das sich sonst der Besteuerung entzieht. Nicht alle Gelder auf zypriotischen Konten gehören inländischen Kleinanlegern.

Sie sprechen die russischen Gelder an, die Moody’s auf rund 31 Mrd. $ schätzt und selbst gemäss russischer Notenbank nur zum Teil legal in Zypern lagern?
Ja. Man darf nicht vergessen, dass das Geschäftsmodell der zyprischen Banken sehr fragwürdig ist. Zudem sind heuer auch in Deutschland Wahlen, dieser harte Eingriff war auch eine Konzession an die deutschen Steuerzahler, die eine Finanzierung ohne Beteiligung Zyperns nicht goutiert hätten.

Warum die Anleger und nicht die Obligationäre der Banken?
Wie gesagt geht es darum, Anleger zu treffen, die nicht typischerweise in Bankanleihen investiert sind. Ein Haircut würde vor allem zypriotische Banken treffen, da gerade sie Bankanleihen halten. Jeder Euro, den man dort herholen würde, müsste man wieder in die Rekapitalisierung der Banken stecken.

Wie steht es mit der Ansteckungsgefahr für den Rest der Peripherie?
Die Kapitalflucht in Spanien vergangenes Jahr hatte ganz andere Gründe, nämlich die Angst vor dem Kollaps des eigenen Bankensystems. Die Finanzierung der iberischen Institute ist aber bis Ende Jahr sichergestellt. Zudem wird im Verlauf dieses Jahres der Rettungsmechanismus ESM die Verbindung zwischen Bankenfinanzierung und Heimatstaat trennen und die Bankenunion wird einen Schritt weiter sein. Die Angst vor einem Bank Run besteht nicht mehr.

Trotzdem haben beispielsweise auch italienische Banktitel am Montag stark im Minus eröffnet.
Bis die Bankenunion steht, werden die Bankwerte in der Peripherie immer übersensibel auf schlechte Neuigkeiten reagieren.

Es ist doch immerhin ein Präzedenzfall, bisher wurden Spareinlagen nicht angerührt.
Es handelt sich in Zypern um drastische Massnahmen, ja um eine Enteignung. Es ist ein starkes Signal an gewisse Geschäftsgebaren. Aber das Vorgehen hat nichts zu tun mit dem spanischen oder italienischen Bankensektor.