Meinungen

Keine Erlösung vom ewigen Boom

Statt der lang erwarteten Zinswende könnten dem Immobilienmarkt lange Jahre steigender Preise bevorstehen. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiter Tommaso Manzin.

«Die Einwanderung bleibt hoch, das Zinsniveau niedrig. Nichts geschieht. Nur die Preise steigen, von Höchst zu Höchst.»

Wir haben uns daran gewöhnt: Bei jeder Zuckung der Renditen wird eine Zinswende ausgerufen. Das fast schon adventliche Warten auf die Normalisierung und das Ausrufen ihres Kommens trägt bisweilen Züge von Erlösungshysterie: Nur höhere Zinsen könnten uns vor der Immobilienblase retten, nicht jedoch Selbstregulierung oder der antizyklische Kapitalpuffer.

Doch das Hoffen hat sich – UBS (UBSG 14.82 +1.93%) trifft mit dem Vergleich im jüngsten Immobilienfokus den Nagel auf den Kopf – als Warten auf Godot entpuppt. Die Eigenheimpreise steigen zwar weniger als auch schon, in Hotspots haben sie gar teilweise leicht korrigiert, doch dafür greift die Überhitzung in andere Regionen über. Die Einwanderung bleibt hoch, das Zinsniveau niedrig. Nichts geschieht. Nur die Preise steigen, von Höchst zu Höchst. Und beim nächsten Mal werden wir wieder schreiben: Achtung Immobilienblase! Wie bei Beckett, nächster Akt, gleiche Szenen.

Was, wenn das noch jahrelang so geht? Superkompensation, nennt sich dieses Szenario. Das wäre keine Premiere: In Norwegen steigen die Preise seit über 20 Jahren, ganz ohne Platzen einer Blase. Wunderbar.

Ist das also die neue Verheissung: Statt endlich höhere Zinsen unendlich steigende Preise? Für Erdung sorgt eine US-Studie: Langfristig gibt es kaum Wertsteigerung bei Eigenheimen, die Korrektur ist einfach umso grösser, je länger sich ihre Preise von der Inflation entkoppeln. Und hier liegt die kleine Variante von Becketts Klassiker: Anders als die beiden Landstreicher, die dort auf einen Mann warten, von dem sie nicht einmal wissen, ob es ihn gibt, wissen wir von der Zinswende zwar nicht, wann sie kommt, jedoch dass sie kommt. Sollte zudem die Einwanderungsinitiative angenommen werden, der Wohnungsbau jedoch nicht darauf reagieren, könnte die Superkompensation bald zur Superblase mutieren.