Meinungen

Keine global wachsende Ungleichheit

Die Hilfsorganisation Oxfam orientiert sich an fixen Ideen statt an der Realität. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Hunderte von Millionen Menschen konnten der Armut in Richtung Mittelstand entkommen.»

Es ist reichlich unverfroren: Vor ziemlich genau einem Jahr stand die britische Entwicklungsorganisation Oxfam, die sich gerne als moralische Instanz in Sachen Entwicklungshilfe aufplustert, selbst am Pranger. Zahlreiche sexuelle Übergriffe von Oxfam-Mitarbeitern mussten zähneknirschend eingestanden werden. Dennoch erhebt die Organisation, als wäre nichts geschehen, schon wieder moralisierend den Mahnfinger.

In ihrer pünktlich vor dem Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos publizierten neuesten Armutsstudie kolportiert sie die bekannte Leier: Die Reichen der Welt werden unverschämt reicher und die Armen immer ärmer. Damit soll die moralische Verwerflichkeit des marktwirtschaftlichen Systems enthüllt werden. Nur: Die Studie kümmert sich weniger um die Realitäten als um vorgefasste Meinungen – auch das könnte als moralisch verwerflich bezeichnet werden.

Es ist wohl dem Zufall geschuldet, dass die Denkfabrik Avenir Suisse am gleichen Tag ihren diesjährigen Think Tank Summit startete, der genau dem Thema der «Ungleichheit und Gleichheit aus ökonomischer Sicht» gewidmet war. Im Rahmen der Veranstaltung präsentierte der am Graduate Center der City University of New York lehrende Branko Milanovic – einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet – seine Erkenntnisse zur globalen Entwicklung der Einkommensverteilung.

Demnach stieg die Ungleichheit global bis etwa Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts mehr oder weniger stetig. Danach folgte eine Phase der Stabilität. Seit dem Ende des Jahrhunderts nahm und nimmt die Ungleichheit dagegen deutlich ab. Dafür verantwortlich ist gemäss Milanovic in erster Linie der Aufstieg Asiens. Hunderte von Millionen Menschen konnten die Armut in Richtung Mittelstand verlassen. Damit ist nicht gesagt, dass die Armut verschwunden ist, doch sie ist geringer geworden. Am grössten bleibt das Problem in Afrika.

Interessant ist zudem der Hinweis von Milanovic, dass in den reichen Industrieländern der Mittelstand schrumpft. Allerdings nicht in Richtung Verarmung – im Gegenteil: Mehr Menschen steigen auf als ab. Die von Oxfam behauptete dramatische Öffnung der globalen Einkommensschere ist mehr fixe Idee als Realität.

Auch in der Schweiz wird immer wieder behauptet, die Einkommensschere öffne sich – nicht von Oxfam, aber von der politischen Linken. Die Einkommensverteilung in der Schweiz ist allerdings relativ ausgeglichen und über die Zeit hinweg stabil. Der Einkommensanteil des obersten Einkommensprozents schwankt seit Jahrzehnten um rund 10%.

Zudem ist der Gini-Koeffizient, eine Masszahl für die Einkommensverteilung, seit 20 Jahren stabil. Gemessen an den verfügbaren Einkommen, also nach Steuern und Umverteilungsmassnahmen, bewegt er sich stets um 0,3. Ein Wert von Null würde bedeuten, dass alle Menschen im Land ein gleich hohes Einkommen hätten. Damit ist die Verteilung in der Schweiz etwas ausgeglichener als in der EU.

Diese erstaunliche Stabilität führten Lukas Schmid und Christian Frey, Forschende an der Universität Luzern, am Avenir-Suisse-Anlass u. a. auf den ausgeprägten Föderalismus und die direkte Demokratie in der Schweiz zurück; beides hätte Massnahmen in Richtung einer ausgeglichenen Verteilung zur Folge. Dazu gehören zweifellos die dezentrale Entscheidfindung sowie der Steuerwettbewerb.

Die Einkommensverteilung in Industrie- wie auch in Entwicklungsländern ist ohne Zweifel ein sehr wichtiges Thema. Eine absolute Gleichverteilung, also ein Gini-Koeffizient von Null, ist Illusion und auch gar nicht anzustreben. Wo der Markt wirkt, gibt es immer Ungleichheiten – das ist gut so. Das Streben nach absoluter Gleichheit provoziert falsche, kontraproduktive Politik. Werden die Ungleichheiten umgekehrt zu gross, kann dies zu einer Polarisierung der Gesellschaft führen und letztlich auch die Demokratie schädigen. Gerade weil diese Diskussion so wichtig ist, ist sie aufgrund von Fakten zu führen und nicht aufgrund von ideologischen Zielvorstellungen. Das gilt ganz speziell für selbsternannte Moralapostel.

Leser-Kommentare

Markus Saurer 23.01.2019 - 14:14

Ausgezeichneter Kommentar. Wenn Milanovic aber feststellt, dass in den reichen Industrieländern der Mittelstand schrumpft, allerdings nicht in Richtung Verarmung, weil mehr Menschen auf- als absteigen, dann muss in seinen Daten der Kanton Bern von besseren Beispielen kompensiert worden sein. Betreffend das verfügbare Einkommen nach Steuern, dürfte in unserem Kanton bald einmal jeder und jede arm sein… jedenfalls gefühlt 😉