Meinungen

Keine Kultur

Das 5-Mrd.-Fr.-Debakel um den kollabierten Hedge-Fund-Kunden Archegos legt ein tiefliegendes Problem der Credit Suisse offen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Valentin Ade.

«Es steht zu bezweifeln, dass sich die fahrlässig bis rücksichtlose Risikokultur der Bank ändert, nur indem man ein paar Köpfe austauscht.»

Credit Suisse (CSGN 9.50 -0.04%) hatte verdammtes Glück. Wäre der Riesenverlust von 5 Mrd. Fr. aus dem Kollaps ihres Hedge-Fund-Kunden Archegos nicht in einer der besten Marktlagen der letzten zehn Jahre angefallen, hätte die Bank eine grosskalibrige Rettungsaktion nötig gehabt. Geschäft wird CS deswegen aber wohl weiter verlieren, ihre Aktie ist so unattraktiv wie selten.

Zumindest CEO Thomas Gottstein darf sich glücklich schätzen. Andere Bankchefs mussten wegen viel weniger den Hut nehmen. Der Bericht zum Archegos-Skandal soll ihn von Mitwisserschaft reinwaschen. Darin heisst es, das Risikosystem der Bank sei auf dem neuesten Stand, quasi der Cadillac der Branche. Der bringt aber nichts, wenn niemand gewillt ist, die Luxuskarosse auch zu steuern.

CS-Subalterne hatten längst vor dem zwielichtigen Archegos-Gründer Bill Hwang gewarnt. Gleiches galt für Lex Greensill und seine kollabierte Fonds-Bude. Doch obere Verantwortliche der Bank übersteuerten die berechtigten Bedenken und warfen den beiden Blendern noch mehr gutes Geld hinterher.

Auf CS-Leitungsebene mussten deswegen Investment-Bank-Chef Brian Chin und Risikochefin Lara Warner die Bank verlassen. Es steht allerdings zu bezweifeln, dass sich die fahrlässig bis rücksichtslose Risikokultur der Bank ändert, nur indem man ein paar Köpfe austauscht. Hier ist jetzt der neue Präsident, António Horta-Osório, gefragt. Er muss bis Jahresende mit einer neuen Strategie den Tarif durchgeben. Ob er es schafft, eine gesündere Kultur in der Bank zu etablieren und ob er dafür nicht doch noch einen neuen CEO braucht, bleibt abzuwarten.

Leser-Kommentare

Aloys K. Osterwalder 31.07.2021 - 11:04
In einem kürzlichen Interview hat CEO Gottstein die Schuld am Debakel der mangelnden Kontrolle zugeschoben. Wer ist nun aber verantwortlich für die Etablierung eines unfassenden Entscheidungs- und Kontrollsystems in einer Unternehmung, wenn nicht das Executive Management und der Verwaltungsrat? Bei CS haben beide Gremien total versagt und müssten wohl auch zur Rechenschaft gezogen werden. Aktionäre und Kunden und auch die… Weiterlesen »