Meinungen

Keine Verteilung ohne Erzeugung

Die Quelle des Wohlstands – Produktivitätserhöhung durch technischen Fortschritt – mit einer Steuer zu bestrafen, ist falsch. Wichtiger ist es, die neue Technik den Menschen dienlich zu machen. Ein Kommentar von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan
««Die Gewöhnung an das Unverdiente enthebt die Menschen in eine irreale, unsoziale Parallelwelt.»»

Die Dynamik des digitalen Wandels lässt auch bei immer mehr Unternehmern eine alarmistische Stimmung aufkommen. Elon Musk prophezeit den Siegeszug der künstlichen Intelligenz und sorgt sich nun nicht nur um das Ersetzen von Arbeitsplätzen, sondern sogar um das Ersetzen der Menschheit. Bill Gates fordert eine Robotersteuer, um den Menschen zumindest Einkommen aus Umverteilung zu erhalten. Marc Andreessen sympathisiert mit einem Grundeinkommen. Die Verblüffung ist gross, solche Ansätze ausgerechnet aus dem Zentrum des vermeintlichen Kapitalismus zu vernehmen.

Die Sorgen sind völlig berechtigt. Doch kann Umverteilung von der zunehmend digitalen Wertschöpfung zu immer wertschöpfungsferneren Menschen diese Entwicklungen auffangen und uns vor dystopischen Verhältnissen bewahren? In einer Zeit, in der Geld aus unermesslichen digitalen Beträgen besteht, scheint es die einfachste Sache der Welt zu sein, Einkommen zuzuteilen: Es handelt sich um eine schlichte Buchungszeile.

Diese Perspektive übersieht jedoch die reale Bedeutung von Einkommen: Beträge sind irrelevant, entscheidend ist der Zugriff auf reale Güter und Dienstleistungen, also die Kaufkraft. Für diese Kaufkraft müssen auf der anderen Seite der Verteilung stets Produzenten von Gütern und Dienstleistungen stehen, die diese abgeben. Märkte beruhen auf gegenseitigem Nutzen und damit freiwilligem Tausch. Reicht der Gegenwert nicht, so kann die Lücke nur durch Freigiebigkeit oder Zwang gefüllt werden. Dieser Zwang wird oft unter der Fassade einer «Pflicht» maskiert.

Unter dem «Schleier des Geldes»

Genau dies zeigt sich beim Vordenker der Idee des Grundeinkommens, der diesen Ansatz besser zu verstehen hilft. Der österreichische Philosoph Josef Popper-Lynkeus formulierte die notwendige Gegenseite des Grundeinkommens als Anspruch auf reale Güter: eine «Nährpflicht». Gemeint war damit in Analogie zur «Wehrpflicht» der staatlich administrierte Zwang für jeden Staatsbürger, eine gewisse Zeit seines Lebens als Zwangsarbeiter die Lebensmittel zu schaffen, die dann an alle als Grundversorgung verteilt würden. Der Gedanke ist wesentlich ehrlicher, weil er aus einer Zeit stammt, in der der «Schleier des Geldes» noch nicht so blasenhaft die Umverteilungsprozesse überzog.

Gewiss könnte man heutige Umverteilung durch Pauschalen ersetzen, was dem Gedanken einer «Grundsicherung» entspricht, oder als einkommensabhängige «Negativsteuer». Doch eine Umverteilung der Umverteilung bedeutet Verlierer, sodass politisch realistisch nur eine Ergänzung ist – also noch höhere Umverteilung. Die Problematik eines solchen automatischen Anspruchs zeigt sich gerade in Wien: Dort sind bereits gut die Hälfte aller Bezieher einer «Mindestsicherung» Zuwanderer, und die Zahl solcher «Gesicherten» würde sich im Zuge der Massenmigration momentan alle drei Jahre verdoppeln. Durch steigende Steuereinnahmen ist dieses Wachstum längst nicht gedeckt. Sollten im Hochsteuerland tatsächlich die steuerlichen Daumenschrauben noch weiter angezogen werden, könnte es recht bald nichts mehr zu verteilen geben. Schon heute setzt Unternehmertum in Österreich eine masochistische Veranlagung voraus.

Viel problematischer noch ist, was dieses Grundeinkommen bei den Empfängern bedeutet. Die österreichischen Soziologen Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld hatten in einer berühmten Studie bereits 1933 gezeigt, dass das Hauptproblem der Arbeitslosigkeit nicht mangelndes Einkommen ist, sondern mangelnde Struktur und mangelnder Lebenssinn. Menschen in den besten Jahren werden als Empfänger unverdienter Beträge abgespeist, während ihnen sinnvolle Aufgaben verschlossen bleiben. Die schädliche Auswirkung auf ihre Lebenseinstellung wird weit unterschätzt. Gewiss erlaubt die materielle Absicherung, eigenen Interessen nachzugehen und selbst sinnvolle Aufgaben zu finden. Doch der Nexus des Marktes richtet Menschen auf das Dienen am Mitmenschen aus und liefert einen disziplinierenden Massstab für das Schaffen. Die Gewöhnung an das Unverdiente hingegen enthebt die Menschen in eine irreale, unsoziale und sinnleere Parallelwelt.

Wenn der digitale Wandel wachsenden Wohlstand zu schaffen vermag, wären dann nicht genügend Mittel da, um die Grundversorgung für alle zu gewährleisten? Hier liegt ein Missverständnis vor: Der Grund, warum Hungersnöte in unseren Breiten selten sind, ist nicht Zuteilung eines Minimums, sondern die Vergünstigung durch die unglaubliche Produktivitätsexplosion seit dem 19. Jahrhundert. Die Quelle des Wohlstands, nämlich Produktivitätserhöhung dank technischem Fortschritt, mit einer Steuer bestrafen zu wollen, ist grundverkehrt.

Sollten sich die Erwartungen – ob Hoffnungen oder Ängste – erfüllen, so entsteht automatisch eine Art Grundeinkommen: Dramatische Vergünstigung führt dazu, dass für lebenswichtige Güter immer weniger Arbeitseinkommen nötig ist. Schweizer Armut ist schon heute im historischen und sogar im geografischen Vergleich unglaublicher Reichtum – und das ist keineswegs zynisch gemeint.

Geldverteilung setzt Geldwert voraus, und der Wert heutigen Geldes liegt an einer Verschuldungsdynamik, die Ungleichheit vergrössert und damit scheinbar Umverteilung nötig macht. Gerade bei Zukunftsforderungen sollte man dieses System nicht einfach weiter extrapolieren. Letztlich läuft es auf Güterverteilung hinaus, und diese setzt Güterproduktion voraus. Doch was sind die Güter des digitalen Wandels? Die Produktionsmittel sind Programme und Baupläne, also Daten. Wenn die Entwicklung so weiterläuft, wird auch die analoge Produktion an digitale Anweisungen angeschlossen werden. Wenn nur noch Automaten arbeiten, dann geht der grösste wirtschaftliche Wert auf die Anweisungen über. In der Science Fiction liefert der Replikator beliebige materielle Güter, sobald die jeweiligen Baupläne eingespeist sind.

Digitales «Grundeinkommen»

Ein Grundeinkommen, das direkt von den Urhebern zu den potenziell Leidtragenden dieses Wandels liefe, bestünde also letztlich aus Datentransfers. Wert haben diese nur im Kontext der richtigen Schnittstellen und Einsatzmöglichkeiten. Ein freiwilliges «Grundeinkommen» dieser Art gibt es schon: Auch die Ärmsten haben heute schon kostenlosen Zugang zu Medien und Foren sowie zu Applikationen, die vor kurzem noch utopische Fantasie waren. Gewiss, es gibt – wie bei jedem freiwilligen Tausch – eine Gegenseite: Die digital Grundversorgten liefern im Gegenzug Daten und Aufmerksamkeit. Die einseitige Zwangszuteilung von Digitalem hingegen, ganz «kostenlos», würde so schieflaufen wie jede Kapitalverteilung: Sie verzehrt mehr, als nach der Zuteilung bleibt. Gerade bei Daten ist dies offensichtlich: Nur im korrekten und konkreten Einsatz sind sie wertvoll, sonst bleiben sie unverständliche Muster.

Eine Robotersteuer brächte auch die üblichen Interventionsprobleme mit sich: Wer definiert die zu besteuernden «Roboter»? Ist es ein Zufall, dass der Softwareproduzent bloss die Hardware für seine Steuerpläne anführt? Was, wenn Musks neuestes Unternehmen Erfolg hat und die Trennung zwischen Mensch und Maschine schwindet?

Eine Dampfmaschinensteuer hätte vielleicht ein paar Kutschern noch eine sinnleere Existenz als Zuteilungsempfänger finanzieren können. Viel wesentlicher als die Kreativität, sich neue Steuern auszudenken, war die Kreativität, Wege zu finden, die neue Technik den Menschen dienlich zu machen. An das unglaubliche «Grundeinkommen» des gehobenen Grundwohlstands durch die technische Produktivitätsexplosion haben wir uns schon so gewöhnt, dass wir es bereits übersehen.

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