Meinungen

Kernenergie als Teil einer sicheren Stromversorgung

Ein neues Positionspapier von Swissnuclear zeigt die wichtige Rolle des Langzeitbetriebs der Schweizer Kernkraftwerke. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Das CO2- und das Energiegesetz leisten keinen ­nennenswerten Beitrag zur Versorgungssicherheit.»

Das Parlament hat in der Sommersession das CO2-Gesetz beschlossen. Aller Voraussicht nach wird das Volk dazu das letzte Wort haben. Das Referendum angekündigt haben zunächst Westschweizer Sektionen des Klimastreiks. Das ist eher erstaunlich, hintertreiben sie damit doch das eigene Anliegen der Klimaneutralität. Ihnen geht das Gesetz zu wenig weit, sie wollen mehr, und das sofort. Wie realistisch diese Haltung ist, kann offenbleiben.

Ein zweites Referendumskomitee hat sich aus Vertretern u. a. der Automobil-, der Transport- oder der Mineralölbranche gebildet. Ihm geht das Gesetz viel zu weit. Das CO2-Gesetz ist von grösster Tragweite und installiert in der Energie- und der ­Klimapolitik eine Planwirtschaft. Es ist wichtig und richtig, dass der Stimmbürger darüber entscheiden kann.

Schwierigere Importe

Zudem ist eine Revision des Energiegesetzes hängig. Dabei sollen besonders die Subventionen für erneuerbare Energie­träger verlängert werden – entgegen frühen Versprechungen, die Subventionen würden auslaufen. Diese Revision und das CO2-Gesetz haben – abgesehen von ihrer interventionistischen Ausrichtung – eine Gemeinsamkeit: Sie leisten beide ­keinen nennenswerten Beitrag zur Sicherung der Stromversorgung.

Das ist darum von Bedeutung, weil die Versorgungssicherheit je länger, desto weniger selbstverständlich ist. Die Schweiz ist im Winter stets auf Stromimporte angewiesen. Dieser Bedarf wird mit der Still­legung des Kernkraftwerks Mühleberg im vergangenen Dezember noch zunehmen. Überdies ist mit einer steigenden Stromnachfrage zu rechnen. Als Stichwort mögen die Förderung der E-Mobilität, der Ersatz von Ölheizungen oder die fortschreitende Digitalisierung genügen.

Umgekehrt nehmen die Möglichkeiten für Importe aus Deutschland und Frankreich ab. Deutschland will aus der Kernkraft wie auch der Kohle (Kohle 59.45 0%) aussteigen und dürfte damit bald selbst zum Stromimporteur werden. Frankreich hat begonnen, ältere Kernkraftwerke vom Netz zu nehmen   

In dieser ungemütlichen Situation hat der Branchenverband der Schweizer Kernkraftwerkbetreiber Swissnuclear ein neues Positionspapier veröffentlicht: «Der Langzeitbetrieb der Schweizer Kernkraftwerke». Der Begriff Langzeitbetrieb orientiert sich an der ursprünglich angenommenen Lebensdauer von Kernkraftwerken von vierzig Jahren. In der Schweiz stehen damit schon heute drei von vier Kraftwerken im Langzeitbetrieb: Die zwei Werke in Beznau sowie dasjenige in Gösgen sind seit über vierzig Jahren in Betrieb. Das von Leibstadt ging 1984 in Betrieb.

Aufgrund der steten Sicherheitsaufrüstung wird heute mit einer Betriebsdauer von sechzig Jahren gerechnet. Darauf ­werden auch die Unterhaltsarbeiten ausgerichtet. Solange die Werke sicher sind, können sie betrieben werden. In der Schweiz gibt es keine Begrenzung der Laufzeit der Kernkraftwerke. Über die Sicherheit der Werke wacht und entscheidet das Eidgenössische Nuklearsicherheits­inspektorat (Ensi). Ein Blick in die USA zeigt, dass die längere Betriebsdauer Normalität ist: Gemäss dem Papier haben in den USA bislang neunzig Kraftwerke eine Betriebsbewilligung von sechzig Jahren erhalten, vier gar von achtzig Jahren.

Die Kernenergie ist sehr klimafreundlich. Gemäss dem Positionspapier stösst nur die Grosswasserkraft weniger Treibhausgase aus. Sie kommt je Kilowattstunde auf 5 bis 15 Gramm CO2-Äquivalente. Die Kernenergie (10 bis 20 Gramm) liegt etwa gleichauf mit der Windenergie (8 bis 27 Gramm). Alle übrigen Energieträger sind für wesentlich höhere Treibhausgasemissionen verantwortlich. Zudem weisen die Kernenergie und die Grosswasserkraft auch die niedrigsten Produktionskosten pro Kilowattstunde auf.

Damit wird die Kernaussage des Papiers untermauert: Die Klimaziele der Schweiz können nur erreicht werden, wenn die Kernkraftwerke weiter betrieben werden können. Zusammen mit der Wasserkraft bilden sie weiter das Rückgrat der Stromversorgung der Schweiz.

Das Problem der Versorgungslücke im Winter ist damit jedoch noch nicht gelöst. Wegen des Verbots das Baus neuer Kernkraftwerke – seit der Abstimmung über die Energiestrategie 2017 in Artikel 12a des Kernenergiegesetzes verankert – können die Kapazitäten nicht erweitert werden. Ein faktischer Ausbaustopp besteht auch im Bereich der Grosswasserkraft, Kapazitätssteigerungen gibt es auch da vorerst nicht. Und Sonne und Wind können das Problem im Winter nicht lösen. Angesichts der schwieriger werdenden Importe führt das eher früher als später zum Bau von Gaskraftwerken zur Sicherung  der Stromversorgung – womit die Klimaziele gänzlich unerreichbar werden.

So ist es ein Spiel mit dem Feuer, wenn linke und grüne Kreise der Kernkraft in der Schweiz mit politischen Vorstössen das Leben schwermachen wollen. Dabei sollen die Nachrüstung oder auch die Entsorgung erschwert oder verteuert werden, bis sich der Weiterbetrieb nicht mehr rechnet. Darum wurde letztlich auch Mühleberg stillgelegt. Eine Alternative zur Sicher­stellung der Stromversorgung wird nicht aufgezeigt. Zur Erinnerung: Auch ohne Mühleberg kommt rund ein Drittel der Schweizer Stromerzeugung aus Kernkraftwerken, die Importe aus französischen Kernkraftwerken nicht eingerechnet.

Kein Auslaufmodell

Das Papier zeigt, dass die Kernkraft kein Auslaufmodell ist, wie Links-Grün gern behauptet. Selbst das International Panel on Climate Change (IPCC) geht davon aus, dass das Ziel von «netto null» CO2-Ausstoss ohne Kernkraft nicht erreicht ­werden kann. In seinen Szenarien zur Begrenzung der globalen Erwärmung steigt der Anteil der Kernenergie.

International lässt sich denn auch ein Ausbau der Kernenergie beobachten. Derzeit sind global 54 Kernkraftwerke im Bau. Allein zwölf davon in China und sieben in Indien. Projektiert sind 119 Anlagen, gut die Hälfte davon in China (42) und Indien (20). Diese Länder gehören global zu den grössten Emittenten von CO2. Sie haben offenbar erkannt, dass eine spürbare Reduktion ihrer Emissionen nur über einen Ausbau der Kernenergie zu erreichen ist.

Angesichts dieser Entwicklungen wäre die Schweizer Politik gut beraten, den Kernkraftwerken den Betrieb nicht zusätzlich zu erschweren. Links-Grün müsste endlich zur Kenntnis nehmen, dass seine klimapolitischen Ziele ohne die Kernenergie nicht zu erreichen sind.