Meinungen

Kernenergie hilft dem Klima

Das Ziel von netto null CO2-Ausstoss bis 2050 ist ohne Kernkraft nicht erreichbar. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Die wegfallende Kernkraft durch fossile Energieträger zu ersetzen, führt das Klimaziel ad absurdum.»
Der Klimawandel ist als Top-Thema in den vergangenen zwölf Monaten von Corona verdrängt worden. In jüngster Zeit ist er auf der politischen Traktandenliste allerdings wieder nach oben gerutscht. Am 13. Juni kommt das revidierte CO2-Gesetz zur Abstimmung. Es soll der Schweiz den Weg weisen in eine CO2-freie Zukunft. Allerdings reicht das revidierte Gesetz nur bis etwa 2030, danach braucht es eine Nachfolgeregelung.

Dabei besteht aufgrund des Energie­gesetzes die Vorgabe, dass die Dekarbo­nisierung der Schweiz ohne den Rückgriff auf die Kernenergie bewerkstelligt werden soll, neue Kernkraftwerke sind verboten. Ein aktuelles Positionspapier von Swissnuclear, dem Branchenverband der Kernkraftwerkbetreiber, kommt nun zum Schluss, dass das Ziel von «netto null» ohne Kernenergie nicht erreichbar sein wird.Gemäss dem Positionspapier ist die Kernenergie neben der Wasserkraft die – gemessen am CO2-Ausstoss – umweltfreundlichste Art der Stromerzeugung. Vergleichbar gut steht die Windkraft da, alle anderen Produktionsarten weisen einen deutlich höheren CO2-Austoss auf.In der Schweiz entfallen derzeit rund 70% des Endenergieverbrauchs auf fossile Energieträger. Nur rund 25% kommen aus klimafreundlicher Erzeugung – Strom aus Wasser- und Kernkraft. Soll die Schweiz vollständig dekarbonisiert werden, müssen diese 70% durch klimafreundlichen Strom ersetzt werden.Dafür müssen gemäss Swissnuclear mindestens 25 Terawattstunden (TWh) an zusätzlichem klimafreundlichem Strom bereitgestellt werden. Hinzu kommt noch einmal etwa so viel, wenn die Kernenergie wegfällt. Dieses enorme Manko lässt sich über neue erneuerbare Energieträger allein nicht bereitstellen.Zudem liefern Wind und Sonne sogenannten Flatterstrom, der unregelmässig und nicht planbar, weil wetterabhängig anfällt. Das stellt die Versorgung vor allem im Winter vor grosse Probleme – solange keine effiziente Speicherung des Stroms in grossem Stil möglich ist. Derartige Speicher gibt es heute nicht, und sie sind derzeit auch nicht absehbar.

Die aktuelle Politik wird dazu führen, dass dereinst klimafreundlicher Atomstrom durch Strom aus klimafreundlichen erneuerbaren Energieträgern ersetzt wird. Das hat mit Blick auf die Dekarbonisierung keinen Sinn bzw. es erschwert oder verhindert sie gar. Das Papier weist denn auch darauf hin, dass die Dekarbonisierung in den nächsten Jahrzehnten entscheidend sein wird, nicht die Denuklearisierung. Die wegfallende Kernkraft durch fossile Energieträger zu ersetzen, sei es durch hiesige Gaskraftwerke oder durch Import von Kohlestrom, führt das Klimaziel ad absurdum.

Es scheint, dass diese Erkenntnis auch anderswo dämmert. Schon 2018 hielt das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), ein klimapolitisch unverdächtiger Zeuge, fest, dass die Kernenergie eine reife und klimafreundliche Energiequelle sei. Entsprechend müsse sich ihr Anteil erhöhen. Zu einem analogen Schluss kommt auch der Weltenergierat.

Dieser übrigens attestiert der Schweiz in seinem World Energy Trilemma Index den nachhaltigsten Strommix der Welt, und zwar in der heutigen Zusammensetzung von über 90% Strom aus Wasser- und Kernkraft sowie einem kleinen Teil von neuen erneuerbaren Energien.

Zudem ist dieser Tage ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes der EU publik geworden. Es kommt zum Schluss, es gebe keine Anhaltspunkte, dass die Kernenergie die Umwelt stärker schädige als andere Technologien.

Es ist an der Zeit, dass die Schweiz diese Informationen und Erkenntnisse in ihrer Energiepolitik berücksichtigt. Dem steht allerdings das Verbot des Baus neuer Kernkraftwerke entgegen, das im Rahmen der Abstimmung über die Energiewende im Gesetz verankert wurde. Mit Blick auf die Klimaziele sowie eine ­sichere Stromversorgung müsste dieses Verbot hinterfragt werden.