Meinungen

Kernenergie zehn Jahre nach Fukushima

Die Schweiz hat nach der Katastrophe von Fukushima beschlossen, aus der Kernenergie auszusteigen. So sind die Klimaziele aber nicht erreichbar. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Das Verbot neuer Kernkraft­werke könnte die Schweiz versorgungstechnisch in arge Nöte bringen.»

Vor zehn Jahren, am frühen Nachmittag des 11. März 2011, ereignete sich vor der Ostküste Japans eines der stärksten je registrierten Erdbeben. Es erreichte die Magnitude von 8,9. In der Folge rollte ein gewaltiger Tsunami auf die Küste zu. Er führte in drei der vier ­Reaktoren des Kraftwerks Fukushima Daiichi zur Kernschmelze.

In der Schweiz tagte damals das Parlament in der Frühjahrssession. Für Energieministerin Doris Leuthard war sofort klar, dass sich hier das «nicht kontrollierbare» Restrisiko der Kernenergie mani­festiert habe; eine genaue Analyse des Unfallhergangs lag damals noch nicht vor. Dennoch beschloss der Bundesrat im Mai darauf, aus der Kernenergie auszusteigen. Im Sommer und im Herbst folgten ihm dann beide Parlamentskammern.

Bald zeigte sich jedoch, dass die Reaktorkatastrophe keineswegs unvermeidbar gewesen war. Wie Horst-Michael Prasser, emeritierter Professor für Kernenergie­systeme an der ETH in Zürich, dieser Tage in einem Referat im Rahmen einer Ver­anstaltung des Nuklearforums Schweiz darlegte, bildete vor allem die mangelhafte Auslegung der Sicherheitssysteme die tiefere Ursache für die Kernschmelze.

Erdbeben überstanden

Wie Prasser ausführte, richtete das Erdbeben allein an den Kernkraftwerken keine Schäden an. Die für diese Situationen vorgesehenen Schnellabschaltungen funktionierten, und die Notstromaggregate sprangen rechtzeitig an. Die Katastrophe nahm erst knapp eine Stunde nach dem Erdbeben ihren verhängnisvollen Lauf, als der Tsunami auf die Küste traf.

In der Auslegung des Kraftwerks Dai­ichi wurde die mögliche Höhe von Tsu­namis unterschätzt. Zudem lagen im ­fraglichen Kraftwerk die Notstromgruppen direkt unter dem Kraftwerk. Der Tsunami führte zu einer Überflutung dieser Räumlichkeiten. Sechs von acht Diesel­generatoren fielen in der Folge aus.

Auch die Schaltanlagenräume der Notstromversorgung wurden geflutet, ebenso die Batterieräume der sicheren Gleichstromversorgung. Insgesamt fielen gemäss Prasser alle Notkühl- und Nachkühlsysteme aufgrund des Tsunami aus.

Weil der Kernbrennstoff nicht mehr ­gekühlt werden konnte, überhitzten die Brennstäbe, es kam zur Kernschmelze. In der Folge bildete sich im Reaktorbehältnis Wasserstoff. Der Druck stieg stetig, die vorgesehene Druckentlastung funktionierte nicht. Das löste heftige Explosionen aus, die die Gebäude zerstörten.

Diese Vorgänge waren seinerzeit im Detail noch nicht bekannt. Der Ausstiegsbeschluss von Bundesrat und Parlament erscheint daher im Rückblick überhastet und sachlich nicht hinreichend begründet. Die Schweiz war denn auch das ­einzige Land, das sich wegen der Katas­trophe von Fukushima von der Kernkraft verabschiedete. Deutschland hatte den Ausstiegsbeschluss schon zuvor gefällt. Venezuela und Italien wiederum kamen als Folge der Katastrophe auf ihren Einstiegsentscheid zurück.

Es trifft denn auch nicht zu, dass die Kernenergie gleichsam ein Auslaufmodell ist. Im vergangenen Jahr waren in 33 Ländern 442 Kernkraftwerke in Betrieb und 54 im Bau, allein zwölf davon in China. Weitere 119 Anlagen sind projektiert. Neben China setzt auch Indien verstärkt auf die Kernenergie. Das sind im Übrigen zwei der drei Länder, die weltweit am meisten CO2 ausstossen. Sie sind, zusammen mit den USA, für rund die Hälfte des globalen Ausstosses an CO2 verantwortlich.

Das Schweizer Stimmvolk bewilligte im Rahmen der Abstimmung zur Energiestrategie 2017 eine Änderung des Kernenergiegesetzes, wonach der Bau neuer Kernkraftwerke künftig verboten ist. Es folgte damit Bundesrat und Parlament.

In diesem Entscheid war es offenbar unerheblich, dass die Schweizer Kernkraftwerke sicherheitsmässig gemäss Prasser «sehr robust» sind. Sie wurden nach Fukushima – obwohl sie schon zuvor ein sehr hohes Sicherheitsniveau ­aufgewiesen hatten – alle noch nachgerüstet. Im Vordergrund standen die erhöhte Sicherheit in der Notstromversorgung sowie die Bereitstellung von gebunkerten Notstandssystemen.

Zudem wurden sie getestet, auch gegen sehr seltene Hochwasser. Kürzlich ist dazu eine neue Studie erschienen. Sie simuliert ein Hochwasser, wie es nur alle 100 000 Jahre zu erwarten ist. Abgesehen davon, wie wahrscheinlich ein derartiges Ereignis ist oder nicht, würden die an der Aare liegenden Kraftwerke auch ein derartiges Ereignis gemäss dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi ohne Havarie überstehen.

Die Kernkraft bleibt einstweilen trotz dem Ausstiegsbeschluss von grosser Bedeutung für die Schweizer Stromversorgung. Die vier Kraftwerke bleiben in Betrieb, solange sie sicher sind. Die Sicherheit wird vom Ensi permanent überprüft.

Nach der Abschaltung von Mühleberg vor etwas mehr als einem Jahr liefern die vier verbleibenden Kernkraftwerke rund ein Drittel der Schweizer Stromerzeugung, im Winter kann der Anteil auf bis zu 50% hochgehen. Mit Blick auf die Klimapolitik ist zu betonen, dass der Betrieb der Kernkraftwerke nahezu CO2-frei ist. Ein Ersatz der Erzeugung der bestehenden Kernkraftwerke durch Gaskraftwerke würde zu einem CO2-Austoss von rund 10 Mio. Tonnen pro Jahr führen.

Das Ziel, die Energieversorgung auf netto null CO2-Ausstoss umzustellen, wird ohne Kernkraft kaum möglich sein. Das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern auch international. Zu diesem Schluss kommen auch die Internationale Energieagentur sowie das International Panel on Climate Change (IPCC), das durch seine Klimamodelle berühmt geworden ist. Prasser schliesst sich diesem Befund an. Er hält den «Verzicht auf Kernenergie für riskanter als den Weiterbetrieb moderner Kernkraftwerke». Der Verzicht würde erhebliche Umweltrisiken mit sich bringen.

Passive Sicherheitssysteme

Der Ersatz der Stromversorgung der Kernkraftwerke allein durch Wind- und Sonnenstrom wird in der Schweiz nicht möglich sein. Die Regierung müsste sich eher früher als später überlegen, welche Alternativen zur Verfügung stehen. Da Gaskraftwerke das Klimaziel sabotieren und die Importsicherheit sehr bald gefährdet sein dürfte, stellt sich die Frage nach künftigen neuen Kernkraftwerken.

Prasser weist darauf hin, dass es in der Zwischenzeit sogenannte passive Sicherheitssysteme gibt. Das heisst, im Fall einer Havarie funktionieren diese Systeme auch ohne Notstromversorgung und können eine Kernschmelze verhindern.

Allerdings bräuchte es in der Schweiz dafür eine Gesetzesänderung, was viel Zeit erforderte und politisch heikel wäre. Das Verbot neuer Kernkraftwerke könnte die Schweiz versorgungstechnisch schon bald in arge Nöte bringen.

Leser-Kommentare

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Ivo Vögeli 27.02.2021 - 13:58
Sehr geehrter Herr Morf, es gibt meiner Meinung nach Themen mit Priorität und die Energieversorgung unseres Landes zähle ich dazu. In der Tat ist mit der (grünen) Energieversorgung mittels Fotovoltaik und Windenergie und damit verbunden die Stromversorgung langfristig nicht gedeckt. Und das europaweit. Wenn sie mit Ihren Berichten auf Versorgungs- Engpässe (Risiken) aufmerksam machen, so kann ich Ihnen nur meinen… Weiterlesen »
Urs Haeny 01.03.2021 - 18:47
Sehr geehrter Herr Vögeli Was den Abfall bei AKW angeht, gibt es in Deutschland seit Jahren (!) interessante Ergebnisse mit einem Dual-Fluid-Reaktor. Dieser verbrennt die Resten herkömmlicher Brennstäbe, sodass rund 80% des Abfalls innert 30 Jahren gefahrlos verwertet werden kann, der Rest benötige bis maximal 300 Jahren. Leider wird in der Schweiz wohl niemand Geld aufwenden wollen, um dieses Verfahren… Weiterlesen »
Ivo Vögeli 04.03.2021 - 12:36

Sehr geehrter Herr Haeny
Besten Dank für Ihre Info – es freut mich, in meiner Meinungsbildung eine weitere Perspektive hinzufügen zu können.
Gerne wünsche ich Ihnen noch einen schönen und angenehmen Tag
Mit freundlichen Grüssen
Ivo Vögeli