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Khalil Radi und Anna Herbst, Gründer von Buy Food with Plastic

Überall wo wir hingehen, begegnen wir ihm oder haben ihn meist selbst dabei. Eine Welt ohne diesen treuen Begleiter? Kaum vorstellbar. Die Rede ist von nichts geringerem als Plastik. Wurde dieses Material früher hochgelobt, hat es seit einigen Jahren einen miesen Ruf und wird inzwischen von vielen scharf kritisiert. Khalil Radi (26) und Anna Herbst (25), Gründer der Organisation Buy Food with Plastic, sehen das anders: «Plastik ist eine grossartige Erfindung. Das Problem ist, wie wir damit umgehen.»

Die beiden Stadtzürcher beschäftigen sich seit zwei Jahren mit dem Material, das die Welt verändert hat. Angefangen hat alles während einem einmonatigen Surftrip von Radi in Nicaragua – einem Kindheitstraum – im Juli 2018. «Als ich dort ankam, stach mir sofort der herumliegende Plastik ins Auge. Auf dem Weg zu meinem Surfspot musste ich über leere Plastikflaschen, gebrauchte Windeln und sonstigen Abfall gehen.» Dies beschäftigte den Sechsundzwanzigjährigen so stark, dass er umgehend zu überlegen begann, wie er diese eigentlich paradiesischen Strände vom Plastikmüll befreien könnte.

«Ich fing an, mich bei den Bewohnern umzuhören. Die einen fragte ich: ‹Was würdet ihr tun, wenn ich euch 100 $ gebe?› Unisono sagten sie mir, dass sie für ihre Kinder Essen kaufen würden.» Eine Antwort, die Radi zunächst nicht begriff. Nicaragua gilt eigentlich als Agrarland. Doch seit einigen Jahren steckt das zentralamerikanische Land unter dem Präsidentenpaar Daniel Ortega und Rosario Murillo in der Krise. Der Tourismusboom ist vorbei. Die Arbeitslosigkeit ist in die Höhe geschnellt und viele können kaum noch eine Mahlzeit bezahlen. Als wäre das nicht genug, hat ein Grossteil der Bevölkerung während den goldenen Jahren in die Tourismusbranche gewechselt und so vergessen, wie die Vorfahren das Land kultivierten.

Noch während den ersten zwei Wochen in Nicaragua kam Radi die zündende Idee: «Die Menschen haben genügend Zeit und sind gesund – haben allerdings Hunger. Warum nicht einen Event auf die Beine stellen, an welchem Plastik gesammelt wird und an der Abgabestelle gegen eine Mahlzeit eingetauscht werden kann?» Aus der Idee, Plastik zur Währung zu machen, entstand ein erfolgreiches Projekt.

Kinder bringen ihre Tüten mit den gesammelten Plastikflaschen zur Abgabestelle, wo sie eine Mahlzeit erwartet. (Bilder: ZVG)

In der Schweiz fand das Vorhaben grossen Anklang. «Ich kenne Khalil aus unserer gemeinsamen Schulzeit und bekam in den sozialen Medien vom Vorhaben mit. Ich war begeistert und setzte mich umgehend mit ihm in Kontakt», sagt Herbst. Heute gehört sie zur fünfköpfigen Geschäftsleitung. Ab diesem Spätsommer wird sie hauptberuflich für die Organisation tätig sein. Radi ist das schon – seit Anfang Juli. Doch wie er sagt: «Ohne die Mithilfe von Anna und den weiteren Geschäftsmitgliedern wäre es bei einem einzigen Event geblieben und Buy Food with Plastic wäre nie gegründet worden. Stattdessen kommen unzählige Freunde, Bekannte und andere auf uns zu und wollen uns finanziell unterstützen. Wir mussten deshalb bisher noch nie auf jemanden zugehen, um nach Spenden zu fragen.»

Bis heute hat Buy Food with Plastic an mehreren Events rund 40’000 Flaschen zusammengetragen. «Inzwischen wissen wir auch, was wir mit dem gesammelten Plastik machen können», sagt Herbst. Den grössten Wow-Effekt erzielte ein Haus aus Plastik. Selbst die Klimaanlage ist daraus hergestellt. 5500 Flaschen waren dafür nötig. Mit Müll und Schlamm gefüllt fungieren sie als Backsteine. Den Raum zwischen den Flaschen wurde wie bei einem gewöhnlichen Haus mit Zement gefüllt. Heute lebt in diesem Plastikhaus eine Familie, die ihr Dach über dem Kopf bei einem Sturm verloren hat. Gemäss einem Bauingenieur sind solche Plastikhäuser resistenter gegen Stürme und isolieren besser.

Das Plastikhaus in Nicaragua.

«In Nicaragua ist die Arbeit längst noch nicht getan, doch nun wollen wir auch auf zu neuen Ufern. Denn diese Sammelevents können überall auf der Welt durchgeführt werden», betont Radi. Im Gespräch sind Ghana und Indien, «wobei wir im afrikanischen Staat schon wesentlich weiter sind», verraten die beiden Gründer. «Im Gegensatz zu Nicaragua müssen wir in diesen beiden Ländern nicht alles von Grund auf neu aufbauen. Denn sowohl in Ghana als auch in Indien sind bereits andere Organisationen tätig, von denen wir lernen und profitieren können.»

Auch in der Schweiz setzt Buy Food with Plastic immer wieder Akzente. So zum Beispiel an einem Wohltätigkeitsanlass im ausverkauften Bernhard Theater in Zürich im vergangenen Jahr. In wenigen Wochen eröffnet sie zudem eine Galerie im Kreis 4, wo das Projekt zur Schau gestellt wird. Die Erlöse der ausgestellten Kunstwerke werden vollumfänglich gespendet. Dabei versucht die Organisation die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. «In erster Linie braucht es Plastik in der Medizin – wie in der gegenwärtigen Krisensituation. Ansonsten kommt der Mensch gut ohne klar. Das hat er lange genug bewiesen. Doch damit wir weiter so leben können wie heute, braucht es eine ähnlich bequeme Alternative, die hierzulande noch zu wenig gefördert wird», so Radi. Bis dahin setzen sich die beiden Gründer von Buy Food with Plastic für plastikfreie Strände und weniger Hunger in armen Regionen ein.

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