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Kim ruft sich in Erinnerung

Nordkorea droht den USA, Trump beschwichtigt. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«Die waffenstarrende koreanische Halbinsel bleibt einer der weltweit heissesten Gefahrenherde.»

Nordkorea hat seit zwei Jahren keine Atombomben und keine Interkontinentalraketen getestet. Doch das international isolierte Regime von Kim Jong-un hat in den vergangenen Monaten die Spannungen im Verhältnis zu den USA zumindest verbal erneut eskalieren lassen. Das ist sicherlich auch eine Reaktion auf die infolge einschneidender Wirtschaftssanktionen erneut massiv verschlechterte Binnenwirtschaft.

Die Verantwortung dafür schiebt der an der Heimfront offensichtlich unter Druck gekommene Kim Washington zu. Ende des vergangenen Jahres hat er den USA in einer Rede denn auch ein «Weihnachtsgeschenk» angedroht. Doch die in seiner Neujahrsansprache wiederholte ominöse Drohung erneuter Tests von Massenvernichtungswaffen oder sogar eines militärischen Schlages ist bisher lediglich eine Warnung geblieben.

US-Präsident Donald Trump, der seinerseits mit zwei umstrittenen Treffen mit Kim viel innenpolitisches Kapital in die Lösung des weit über ein halbes Jahrhundert andauernden amerikanisch-nordkoreanischen Streits investiert hatte, hat Kims Provokation heruntergespielt. «Er mag mich, und ich mag ihn», und dies sei ein Garant dafür, dass Nordkorea die versprochene nukleare Abrüstung durchführen werde, sagte ein sich bereits jetzt im Wahlkampf befindender Trump. Gleichzeitig halten die USA unabänderlich an den gegen Nordkorea verhängten Wirtschaftssanktionen fest.

Das bedeutet auch, dass vorderhand keine Entwarnung gegeben werden kann, obwohl die internationalen Finanzmärkte und selbst die Börse Seoul die erneut erhöhten geopolitischen Spannungen bisher mit einem Schulterzucken weggesteckt haben.

Die waffenstarrende koreanische Halbinsel bleibt denn auch einer der weltweit heissesten Gefahrenherde. Dabei ist das grösste Risiko vorderhand nicht einmal ein von der einen oder der anderen Seite willentlich ausgelöster Krieg. Gegen ein solches Szenario spricht schon einmal die Tatsache, dass Nordkorea bereits jetzt über einsatzfähige Nuklearwaffen verfügt. Ihr Einsatz etwa gegen in Südkorea stationierte US-Truppen würde mit grösster Wahrscheinlichkeit einen vernichtenden Gegenschlag auslösen.

Das grösste Risiko ist vielmehr eine durch eine waffentechnische Panne oder durch menschliches Versagen ausgelöste unkontrollierbare Kettenreaktion. Auf Dauer kann eine solche Katastrophe wohl nur ausgeschlossen werden, wenn auf der koreanischen Halbinsel eine politische Normalisierung eintritt. Der Verzicht Pjöngjangs auf Massenvernichtungswaffen und die Aufhebung der gegen Nordkorea verhängten Wirtschaftssanktionen dürften dafür lediglich erste Schritte sein.

Beide Seiten scheinen derzeit jedoch nicht bereit zu sein, diesen Forderungen nachzukommen. Längerfristig kann die Koreafrage ohnehin nur durch eine politische Öffnung Pjöngjangs gelöst werden. Ein solches Szenario scheint zumindest vorderhand so oder so in unerreichbarer Ferne zu liegen.

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