Meinungen

Kleines Katar in grosser Krise

Die Blockade der arabischen Anrainerstaaten gegen Katar wird das Land kurzfristig nicht destabilisieren, doch die Versorgung wird sehr viel teurer werden. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

«Katars Nachbarn finden, dass das Land in einer zu hohen Liga spielt und das zu lautstark kundtut.»

Am vergangenen Montag, in den frühen Morgenstunden, brachen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain und Ägypten die diplomatischen Beziehungen zu Katar ab. Zur selben Zeit wurden die Land- und die Seegrenzen sowie der Luftraum gesperrt. Katarische Staatsbürger haben zwei Wochen Zeit, um diese Länder zu verlassen. Am selben Tag schlossen sich die Malediven sowie Jemen und Libyen dem Boykott an. Die Kreditagentur Standard & Poor’s hat das Kreditrating auf AA– heruntergesetzt, Ausblick negativ.

Begründet wurde die Aktion damit, dass Katar den Terrorismus finanziere. Katar steht in der Tat Hamas, Hisbollah und der Bewegung der Muslimbruderschaft nahe. Während des Arabischen Frühlings betrachteten die übrigen Golfstaaten Katars Unterstützung für die Regierung von Mohamed Mursi und die Bewegung der Muslimbruderschaft in Ägypten mit Argwohn.

Zwietracht kam auch auf, da sich Katar über die Kluft zwischen dem Golf-Kooperationsrat (GCC)und dem Iran hinweggesetzt hat. Der Kleinstaat unterhielt vergleichsweise freundschaftliche Beziehungen zu Teheran. Einerseits kann man ein gewisses Mass an Verständnis für Katars Position aufbringen: Katar und der Iran teilen sich dasselbe Gasfeld; Katars Reichtum beruht zu 100% darauf, dass es mit fast 28 Bio. Kubikmetern die drittgrössten Gasreserven der Welt besitzt.

Reich, doch importabhängig

Andererseits wurde diese «Neutralität» oft so prominent publiziert, dass Saudi-Arabien daran Anstoss nahm. Auch sonst schauten die übrigen GCC-Länder misstrauisch auf die kleine Nation. Mit dem Televisionskanal Al Jazeera hat Katar medial weitestreichenden Einfluss. Oft werden dort auch Meinungen ausgestrahlt, die vom politischen Konsens im GCC-Raum abweichen. Es dürfte auch bei den grösseren Nachbarn Missmut erregt haben, dass gerade Katar der Fussball-Weltcup 2022 zugesprochen wurde. Katars Nachbarn finden wohl, dass das Land in einer unangemessen hohen Liga spielt und das dann zu lautstark kundtut.

Katar ist der weltweit grösste Exporteur von Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG). Die staatliche Qatar Airways ist eine der renommiertesten internationalen Fluggesellschaften mit einer jungen Flotte und exzellentem Service. Die Öl- und Gaseinnahmen erlaubten es dem Land, einen mit 335 Mrd. $ dotierten Staatsfonds – die Qatar Investment Authority (QIA) – aufzubauen. Die QIA investiert weltweit. Ihr Einfluss erstreckt sich bis in die Schweiz, mit einem Anteil von insgesamt 18% an Credit Suisse (CSGN 12.165 -0.73%). Der Fonds besitzt hierzulande auch die Hotels Schweizerhof in Bern, Royal Savoy in Lausanne sowie Bürgenstock.

Die Halbinsel Katar, mit nicht einmal einem Drittel der Fläche der Schweiz, ist für nahezu alles von Importen abhängig. 40% der Nahrungsmittel werden über den Landweg aus Saudi-Arabien eingeführt, der Rest kommt per Schiff.

Die Krise schlug in Katar riesige Wellen. Die Börse büsste 10% ein. Der katarische Riyal ist auf den niedrigsten Stand seit elf Jahren abgestürzt. Es gab Panikkäufe in den Warenhäusern der Hauptstadt Doha. Die Szenen an den Flughäfen in den GCC-Ländern waren nicht minder chaotisch, da viele Menschen sich auf den Weg in ihre Heimatländer machten.

Weil das Land sehr reich ist, wird es sich kurzfristig halten können. Es wird jedoch sehr teuer werden: Alle Lebensmittel und Konsumgüter müssen nun über den Luftweg importiert werden. Da Qatar Airways den Luftraum der boykottierenden Nachbarn nicht mehr überfliegen darf, werden die langen Umwege die Treibstoffkosten erhöhen. Die LNG-Schiffe können weiterhin internationale Seewege befahren, nur dürfen sie nicht mehr wie bislang in Dschabal Ali (VAE) auftanken. Qatar Petroleum und Qatargas haben Ausweichmöglichkeiten in Europa und Asien gefunden. Solange der Suez-Kanal offen bleibt, ist die Situation für die beiden Staatsunternehmen erträglich, wenn auch kostspielig.

Ägypten dürfte zögern, bevor es den Kanal schliesst, weil es damit nicht nur Katar, sondern auch europäische Importeure sowie die Ölmultis ExxonMobil (XOM 67.61 -0.78%) und Shell vor den Kopf stossen würde. Beide haben eine riesige Präsenz in Katar. Bevor er sein aktuelles Amt antrat, war US-Aussenminister Rex Tillerson übrigens mehr als ein Jahrzehnt CEO von Exxon. In Ostasien dürfte die gegenwärtige Situation wohl kritisch betrachtet werden, da Japan, Korea und China grosse Importeure von katarischem LNG sind.

Das Herunterstufen der Kreditwürdigkeit ist kurzfristig ein überwindbares Problem, weil Katar relativ geringe Staatsschulden hat. Sollte die Krise jedoch andauern, würde es teurer werden, Kredite aufzunehmen. Gegenwärtig wird die Strategie wohl kaum die sein, Investitionen der QIA zu versilbern – schon gar nicht diejenigen in der als sicher geltenden Schweiz. Diese Frage würde sich erst stellen, wenn die Blockade von Dauer wäre.

Innerhalb des GCC-Verbunds haben sich Oman und Kuwait den Massnahmen gegen Katar nicht angeschlossen. Der Emir von Kuwait betreibt gegenwärtig «Shuttle-Diplomatie», um zu versuchen, die Krise zu entschärfen. Dies glückte Kuwait bereits 2014, als es letztmals Schwierigkeiten ähnlicher Art gab. Des Weiteren haben die Vereinigten Staaten alles Interesse an einer schnellen Beilegung der Krise, haben Sie doch 11 000 Mann des Regionalkommandos Centcom in Katar, und die Fünfte Flotte ist in Bahrain stationiert.

Prestigeverlust für die Region

Katar verliert sicherlich an internationalem Ansehen. Im Index der Wettbewerbsfähigkeit des World Economic Forum nimmt es Platz 18 von 138 ein. Die gegenwärtige Situation hat gezeigt, wie verwundbar der Kleinstaat ist.

Transportschwierigkeiten und die Importabhängigkeit für alle lebenswichtigen Güter sind kritisch. Das Tempo und die Schärfe der Sanktionen zeigen ferner auf, wie schnell gefühlte Stabilität einer realen Krise Platz machen kann.

Längerfristig dürfte jedoch nicht nur Katar an einem Prestigeverlust leiden. Der GCC-Raum gilt als stabiler Felsen in der Brandung geopolitischer Unsicherheiten, er wird als geschäftsfreundlich eingestuft, und man kann mit Leichtigkeit von Land zu Land reisen. Viele internationale Unternehmen führen deshalb regionale Zentren vor allem in den VAE und Bahrain. Die Krise dürfte dem langfristigen Ansehen der Region jedoch nicht zuträglich sein, vor allem weil die Schnelligkeit, mit der sie ausgebrochen ist, so unvorhersehbar war.

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