Meinungen

Klima und Energie: drei Herausforderungen für den Industriestandort Schweiz

Gegen eine Stromlücke im Winter muss vorgesorgt werden, es braucht bessere Anreize, und überschüssiger Sommerstrom ist umzuwandeln. Ein Kommentar von Heinz M. Buhofer.

Heinz M. Buhofer
«Die Energieversorgung müssen wir immer mehr als ein Gefüge kleinzelliger Gesamtsysteme verstehen.»

In den letzten Monaten ist in der Schweizer Wirtschaft ein eigentlicher Klimahype auszumachen. Nicht wenige Unternehmen und Klimaintermediäre versuchen, mit marketingmässig erstklassig präsentierten Aktivitäten und plakativ aufgesetzten «Bekenntnissen» zum Klimaschutz zu brillieren. Doch Window Dressing ist der falsche Ansatz. Das Bestreben, aus dem Klimaproblem Profit zu schlagen, lenkt von der primären Aufgabe ab, vor der die Wirtschaft steht: Wie kann das angestammte Geschäft klimagerecht betrieben werden? Diese Aufgabe steht im Zentrum für alle, die anständig wirtschaften wollen, unabhängig davon, was davon ins Schaufenster gestellt werden kann und inwieweit sich daraus neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben.

Wie weit und wie schnell ein einzelnes kotiertes Unternehmen aus eigener Kraft emissionsfrei oder zumindest emissionsneutral wird, hängt massgeblich auch von den staatlichen Rahmenbedingungen sowie Regulierungen der Energiemärkte, der Stromnetze und neuen Formen der Zusammenarbeit mit den Energieversorgungsunternehmen ab. In der aktuellen politischen Diskussion werden zwar verschiedene Herausforderungen und Themen in den Bereichen Energie sowie Klima angesprochen, doch werden wenig konkrete Lösungen gesucht und umgesetzt. Aus meiner Sicht sind aktuell drei Bereiche vertieft zu beleuchten.

Reserven gegen Strommangel

Erstens wird im Umbau hin zu erneuerbaren Energien deutlich, dass in der Schweiz eine Winterstromlücke entsteht. Die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens dieser Mangellage hat mit dem Abbruch der Verhandlungen über ein institutionelles Abkommen zwischen der Schweiz und der EU deutlich zugenommen. Die EU wird schon bald einen Grossteil der Kapazitäten für den EU-internen Bedarf und die Versorgungssicherheit nutzen wollen. Deshalb sollte die Schweiz befristet und dezentral als Reserve den Einsatz von Gas für die Strom- und Wärmeproduktion nicht ausschliessen. Mittelfristig soll dabei klimafreundlicheres Gas zum Einsatz kommen, sei dies, soweit verfügbar, über Biogas, aber auch über Wasserstoff oder synthetisches Gas.

Die aktuellen Vorschläge des Bundesrats sehen konkrete Massnahmen wie den Zubau von Speicherseen und die Reservehaltung zur Verbesserung der Versorgungssicherheit im Winter vor. Ein wesentlicher Treiber für mehr Winterproduktion ist aber bei einem Teil in der Stromwirtschaft noch nicht angekommen: der Übergang zu «zeitnahen» Herkunftsnachweisen. Solange in der Schweiz im Winter konsumierter importierter Kohlestrom mit im Sommer generierten erneuerbaren Herkunftsnachweisen als CO2-neutral bilanziert werden kann, fehlen wichtige Anreize für – das ist die zweite Herausforderung – Investitionen in Anlagen zur Erzeugung und zur Speicherung erneuerbarer Energie, vorzugsweise auch an Orten mit grosser Sonneneinstrahlung im Winter. Herkunftsnachweise können sich zu einem neuen Markt entwickeln, auf dem die unterschiedliche Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie preislich realistisch abgebildet wird und damit zu entsprechenden grünen Investitionen animiert.

Die Produktions- und Abnahmebedingungen für Solarenergie müssen so ausgestaltet sein, dass die vorhandenen Flächen maximal genutzt und nicht nur die Eigenverbrauchsmöglichkeiten optimiert werden: Da ist speziell bei den Energieversorgungsunternehmen eine Umorientierung nötig. Statt in einer Optimierung auf den Eigenverbrauch, um überteuerten Netzabgaben zu entgehen, liegt die Lösung in einer neuen Netztarifierung, die statt über theoretische Kapitalkosten über den individuellen Nutzwert (Versicherungslösung) und die realen Kosten berechnet wird.

Saisonspeicher fördern

Wenn die Solarproduktion wie geplant bald gegen 40% des gesamten Stromkonsums decken soll, werden im Sommer gewaltige Überschussmengen produziert, die im Winter einen erheblichen Teil des Bedarfs decken können. Die Frage, was mit diesem Überschussstrom Sinnvolles gemacht werden kann, wird bisher kaum ernsthaft angegangen. Diskussionen enden oft mit dem häufig zitierten Heizen der Weichen an heissen Sommertagen. Die saisonale Speicherung, als dritter Punkt, muss sich rechnen und nicht als Randerscheinung abgetan werden. Die Umwandlung des Stromüberschusses in Wasserstoff oder andere synthetische Gase sowie ihre Lagerung sollten deshalb mit klugen Regulierungen gefördert werden. Der Wasserstoff kann, je nach Bedarf, im Winter wieder in Strom umgewandelt oder in der Mobilität (Flugverkehr, Schwerverkehr) oder auch für Hochtemperaturverfahren in der Industrie eingesetzt werden.

Die Energieversorgung müssen wir immer mehr als ein Gefüge kleinzelliger Gesamtsysteme verstehen, in dem kommunizierende Röhren zwischen Betriebsenergie für Industrie und Immobilien (Strom, Gas, Wärme) und Betriebsenergie für die Mobilität (Strom, Gas) eine immer wichtigere Rolle spielen. Pragmatische Schritte hin zum Ziel «netto null» unter möglichst optimaler Nutzung von marktwirtschaftlichen Anreizen sowie Preisen als echten Steuerungsmechanismen müssen in unserer Klima- und Energiepolitik vermehrt ins Zentrum rücken.