Märkte / Makro

Konjunkturwende in der Schweiz

Im dritten Quartal ist das Bruttoinlandprodukt geschrumpft. Vor allem die Breite des Nachfrageabschwungs überrascht.

Das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) ist überraschend gesunken. Im dritten Quartal lag es zwar nominal um 0,1% höher als im zweiten, bereinigt um die Inflation resultiert indes ein um 0,2% tieferer Wert. Es handelt sich um den ersten realen BIP-Rückgang seit Ende 2016 (–0,1%) und dem Frankenschock Anfang 2015 (–0,3%). Der Einbruch hat alle Konjunkturforscher überrascht.

Selbst wer auf einen Rückschlag in der Industrie setzte, angesichts der Produktionsdrosselung in der deutschen, der französischen und der italienischen Autoindustrie, reibt sich die Augen. Die Wertschöpfung der Schweizer Industrie hat zum Vorquartal real 0,6% abgenommen, und zwar weit über den Autosektor hinaus. «Es handelt sich um eine breite Abschwächung über fast alle Industriesektoren hinweg», erläutert Ronald Indergand, verantwortlich für die BIP-Quartalsschätzung des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco.

Exporte brechen ein

Offenbar hat sich das Exportumfeld plötzlich verschlechtert und vielen Unternehmen das Ausfuhrgeschäft verhagelt. Die Exporte sind so stark gesunken wie seit Jahren nicht. Sie wurden Opfer des synchronen Konjunkturdämpfers, der sich im dritten Quartal durch sämtliche europäischen Handelspartner der Schweiz gezogen hat. In Deutschland, Italien und Schweden schrumpfte das BIP, in den Niederlanden schwächte sich das Wachstum markant ab. Dem kann sich die exportlastige Schweiz nicht entziehen.

Auch die Frankenaufwertung dürfte zum Ausfuhrminus beigetragen haben, vermutet Indergand. Die Währung hat wegen der politischen Unsicherheiten in der Türkei und Italien von April bis September gegenüber dem Euro fast 7% zugelegt.

Ein weiteres Schwächezeichen von der Industrie: Die Ausrüstungsinvestitionen wurden im dritten Quartal  um 2% zurückgefahren. Erfahrungsgemäss sind die Investitionsdatenreihen sehr volatil, weshalb dem aktuellen Rückgang nicht zu viel Beachtung geschenkt werden sollte. Gleichwohl unterstreicht er, dass die konjunkturelle Grosswetterlage gekehrt hat.

Nirgendwo wird das so deutlich wie bei den Konsumdaten. Die Binnennachfrage der Schweiz ist ungewöhnlich schlecht. Die privaten Konsumausgaben sind im dritten Quartal gegenüber dem zweiten real um nur noch 0,1% gestiegen. Das Wachstum hatte sich bereits in den Vorquartalen immer mehr verringert. Dafür sind zwei Ursachen verantwortlich. Erstens flacht sich die Zuwanderung ab, seit Europa aus der Eurokrise gefunden hat. Die Bevölkerung wächst langsamer als in den vergangenen Jahren. Daraufhin nimmt auch die Binnennachfrage bis hin zum Bedarf an Immobilien weniger stark zu als bisher. Auf dieses Phänomen weisen Ökonomen bereits seit längerem hin.

Gäbe es an anderer Stelle ausgleichende Kräfte, wäre das nicht schlimm. Aber das ist nicht der Fall. Denn die Reallohnlöhne entwickeln sich schlecht. Das ist die zweite Nachfragebremse für die Schweiz. Hinweise liefert die Konsumentenstimmung. Die Haushalte geben an, dass sie von der positiven Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage finanziell nicht profitieren. Die Aussichten für die eigene Budgetsituation bewerten sie gedämpft.

Künftig wird es schwieriger

Der BIP-Rückgang ist der erste Beleg dafür, dass die Konjunktur gedreht hat. Bisher deuteten nur Stimmungsindikatoren auf diese Möglichkeit hin. Zwar zogen die Exporte im Oktober erneut kräftig an, aber die Aussichten bleiben verhalten. Das Kof-Konjunkturbarometer der ETH Zürich, das den Gang des BIP um rund sechs Monaten vorwegnimmt, ist im November zum zweiten Mal in Folge gesunken. Erstmals liegt es wieder unter dem langfristigen Wachstumsdurchschnitt.

Die Zürcher Wissenschaftler sprechen von einem etwas schwierigeren Fahrwasser für die Schweizer Wirtschaft.  Die Auslandnachfrage werde in den nächsten Monaten noch Impulse verlieren. Immerhin komme eine leichte Unterstützung vom privaten Konsum und vom Bau. Konjunkturforscher müssen nun ihre Prognosen anpassen. Bisher erwartet der Consensus für 2019 1,7% BIP-Wachstum. Die meisten Vorhersagen dürften in den nächsten Wochen gesenkt werden.

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