Meinungen

Kommerzialisierung – grenzenlos?

Sehr vieles ist heutzutage käuflich – vielleicht zu vieles. Doch Handelbarkeit heisst auch Effizienz. Wo allenfalls Grenzen zu ziehen sind, sollte direktdemokratisch entschieden werden. Ein Kommentar von Bruno S. Frey.

«Man kann Wetten darauf abschliessen, wie lange eine bekannte Persönlichkeit noch leben wird. Diese ­sogenannten Celebrity Death Pools setzen nicht weniger als 30 Mrd. $ pro Jahr um.»

Eine indische Leihmutter kostet etwas über 6000 $; wenn sich drogenabhängige Mütter sterilisieren lassen, erhalten sie 300 $; wer in vier Monaten vierzehn Pfund abnimmt, wird mit 378 $ belohnt; wer im Santa Ana County in Kalifornien eine bequemere Gefängniszelle haben möchte, bezahlt dafür 82 $ pro Nacht.

Man kann auch Wetten darauf abschliessen, wie lange eine bekannte Persönlichkeit noch leben wird. Diese ­sogenannten Celebrity Death Pools setzen nicht weniger als 30 Mrd. $ pro Jahr um. Dies sind nur einige Beispiele für Aspekte des Lebens, die bisher dem Markt entzogen waren, nun aber kommerzialisiert sind.

In den vergangenen Wochen ist von den Medien ausführlich aufgezeigt worden, dass sich eine Staatsangehörigkeit faktisch kaufen lässt. Malta verlangt dafür 650 000 €. Portugal ist mit 500 000 € bereits günstiger. ­Besonders billig ist es mit etwa 360 000 € in den USA. Selbstverständlich wird die Möglichkeit des Kaufs der Staatsbürgerschaft nicht offen kommuniziert, sondern hübsch verpackt: Diese Summen seien so zu entrichten, dass sie der Allgemeinheit zugutekämen, also beispielsweise zusätzliche Arbeitsplätze schüfen.

Gegen derartige Kommerzialisierung lassen sich viele Einwände erheben. Im Vordergrund stehen moralische Bedenken. So bringt der Kauf von Leihmüttern eine völlig neue Dimension in die Familie ein. Auch Wetten auf den Tod prominenter Personen sind aus ähnlichen Gründen umstritten. Als Unethisch gilt auch das Ausnützen von Zwangslagen. Dazu zählen Frauen, die für ihre Drogensucht unbedingt Geld benötigen und nur deshalb ­bereit sind, sich gegen Bezahlung sterilisieren zu lassen.

Moralisch und ökonomisch fragwürdig

In manchen Fällen wird auch die Vorstellung der Gleichheit von Menschen eklatant verletzt. Sich gegen Geld eine angenehmere Gefängniszelle sichern zu können, ist mit dem Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz unvereinbar. Schliesslich werden auch fundamentale staatsbürgerliche Werte in Mitleidenschaft gezogen, wenn die Staatsangehörigkeit einfach gekauft werden kann. Von Angehörigen einer Nation wird erwartet, dass sie sich mit dem Staat und seinen Institutionen in einem bestimmten Ausmass identifizieren und bereit sind, Lasten zu tragen, um sein Überleben und seine Prosperität zu sichern. Dazu dient besonders der Militärdienst der ­Bürger. Ein derartiges Engagement wird grundlegend in Frage gestellt, wenn die Nationalität einfach durch Geld erworben werden kann.

Die aufgeführten Fälle von Kommerzialisierung lassen sich auch aus ökonomischer Sicht kritisieren. Wenn explizite Preise entstehen, verändern sich sowohl das Angebot wie auch die Nachfrage, was als unerwünscht angesehen werden kann. Da der Preis, ein Baby von einer anderen Frau austragen zu lassen, niedrig ist, werden sich zumindest in reichen Ländern vermehrt Ehepaare oder einzelne Frauen dafür entscheiden. Die Trennung zwischen genetischer und faktischer Elternschaft wird dadurch begünstigt. Vielleicht ist das eine mögliche Zukunft, aber es dürfte Konsens darüber bestehen, dass eine solche Entwicklung wohlüberlegt und auch politisch diskutiert werden sollte.

Wer sich eine bessere Gefängniszelle leisten kann, wird mehr illegale Akte begehen, weil die Kosten für ­solche Handlungen sinken. Ein Gefängnisaufenthalt ist nicht mehr so unangenehm. Für die Celebrity Death Pools liesse sich sogar ein besonders schlimmes Szenario ausmalen. Wer auf den Tod einer jungen und gesunden Berühmtheit wettet, wird viel Geld erhalten, wenn diese Person früh stirbt. Wegen der hohen Lebenserwartung ist dies ein unwahrscheinliches Ereignis, auf das zu wetten sich gut auszahlt. Ein ruchloser Wetter hat deshalb einen Anreiz, indirekt oder vielleicht sogar direkt dafür zu sorgen, dass diese Celebrity in der Tat früh stirbt. Geschieht dies geschickt genug und wird die Tat nicht aufgedeckt oder ist nicht strafbar, erreicht der ­Wetter einen grossen Gewinn. Celebrity Death Pools bewirken damit für Celebrities eine Unsicherheit, die nicht existieren würde, wenn es diese spezielle Art der Kommerzialisierung nicht gäbe.

Nun fragt sich allerdings, ob insgesamt die Kommerzialisierung zugenommen hat. Einige unerwünschte oder fragwürdige Tätigkeiten wurden ja schon seit jeher bezahlt. Dazu zählt die Kinderarbeit, die bis vor kurzem auch in unseren Breitengraden weit verbreitet war und in den armen Ländern nach wie vor die Regel ist. Ebenso hat es immer Söldner gegeben. In der Geschichte waren wir Schweizer in dieser Hinsicht sogar führend. Eine derartige Beschäftigung kann durchaus als moralisch verwerflich angesehen werden.

In zwei zentralen Bereichen unseres Lebens hat die Kommerzialisierung drastisch abgenommen und wird heute – zumindest in den wirtschaftlich entwickelten Ländern – von Aspekten geleitet, die nichts mit Geld zu tun haben. Noch im 18. Jahrhundert wurden Ehen weitgehend aus Geldgründen geschlossen. Gerade Frauen konnten es sich nicht leisten, einen Mann mit geringen Mitteln und unter ihrem Stand zu heiraten. Heute können Frauen wie Männer unabhängig von der finanziellen Lage des Partners heiraten. Der Grund ist offensichtlich: Wenn beide Partner berufstätig sind, können sie sich die angestrebte wirtschaftliche Situation selbst erarbeiten. Selbstverständlich gibt es auch heute noch Heiraten aus materiellen Gründen. Sie sind jedoch so selten geworden, dass sie Aufsehen erregen und geradezu auf Unverständnis stossen.

Ein zweiter Bereich, in dem die Kommerzialisierung weitgehend verschwunden ist, betrifft die Kinder. Früher war eine grosse Kinderzahl unumgänglich, um Hilfskräfte für die eigene Arbeit zu haben und v. a. um im ­Alter unterstützt zu werden. Kinderarbeit gibt es nur noch in Bauernbetrieben, in aller Regel bloss in harm­loser Form. Die staatliche Altersversicherung hat dazu geführt, dass keine eigenen Kinder mehr notwendig sind, um im Alter zu überleben. Kinder werden heute aufgezogen, weil die Eltern sich davon viel Freude versprechen. In ökonomischer Terminologie haben sich Kinder vom Investitions- zum Konsumgut gewandelt.

«Le doux commerce»

Noch weitergehend stellt sich die Frage, ob zumindest einige der Formen der Kommerzialisierung nicht auch positiv bewertet werden können. Der bedeutende Philosoph Montesquieu hat marktliche Transaktionen als ­zivilisierend gekennzeichnet. Nur wer sich anständig verhält und an Abmachungen hält, kann längerfristig Geschäfte machen. Betrügt ein Geschäftsmann, oder zieht er die Geschäftspartner über den Tisch, ist niemand mehr bereit, mit ihm zu verkehren. In diesem Sinne kann von einem «doux commerce» und einem ­gesellschaftlichen Fortschritt gesprochen werden.

Das Preissystem oder der Markt ist eine enorm produktive Einrichtung und anderen Systemen wie der Planwirtschaft weit überlegen. Wenn ein Bereich oder eine Aktivität kommerzialisiert wird, sollte dies deshalb nicht von vornherein moralisch verurteilt oder aus ­anderen Gründen verboten werden. Märkte können durchaus zerstörende Eigenschaften haben, doch ist entscheidend, ob unter den gegebenen Bedingungen ein alternativer Beschlussmechanismus wie zentrale Planung, Bürokratie oder Aushandlungen zwischen Interessengruppen vorteilhafter wären.

Über die für eine Gesellschaft günstige Kombination dieser Verfahren ist politisch zu befinden. Da jedes Entscheidungssystem die verschiedenen Mitglieder einer Gesellschaft unterschiedlich trifft, sind dem Volk umfassende Mitwirkungsmöglichkeiten einzuräumen, damit es das Ausmass an Kommerzialisierung in verschiedenen Bereichen bestimmen kann. Direktdemokratische Verfahren mit Volksinitiativen und Referenden erfüllen diese Bedingung besonders gut.

 

 

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