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Kommt jetzt der Trump-Boom?

In einer globalen Rezession würde das US-Wachstum leiden, doch viel wahrscheinlicher ist, dass die amerikanische Konjunktur jetzt endlich so weit ist, Fahrt aufzunehmen. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Es ist klug, sich daran zu erinnern, dass man kein netter Mensch sein muss, um die Konjunktur in Schwung zu bringen.»

Wird sich die US-Volkswirtschaft nach jahrelangem Winterschlaf zu einem grossen Comeback in den nächsten paar Jahren aufrappeln? Angesichts der nächsten republikanischen Regierung, die auf Teufel komm raus bestrebt ist, die Konjunktur anzukurbeln, die schon jetzt beinahe Vollbeschäftigung aufweist, versprochener Handelsbeschränkungen, die die Preise für mit Importen konkurrierende Waren in die Höhe treiben werden, sowie eines drohenden Angriffs auf die Unabhängigkeit der Notenbank ist eine höhere Inflation – von vermutlich zeitweise über 3% – so gut wie sicher. Und auch das Produktionswachstum könnte überraschen und möglicherweise zumindest zeitweilig 4% erreichen.

Sie sagen, das ist unmöglich? Ganz und gar nicht. Die Volkswirtschaft scheint schon jetzt mit einer Jahresrate von 3% zu wachsen. Und selbst überzeugte Gegner der Wirtschaftspolitik des gewählten Präsidenten Donald Trump müssen zugeben, dass sie konsequent unternehmensfreundlich ist (mit einer bemerkenswerten Ausnahme beim Handel).

Man betrachte die Regulierung. Unter Präsident Barack Obama wurden die Arbeitsschutzbestimmungen deutlich ausgeweitet, von der drastischen Zunahme bei der Umweltgesetzgebung gar nicht zu reden. Und damit wird der enorme Schatten, den Obamacare auf das Gesundheitssystem wirft, das allein 17% der Volkswirtschaft ausmacht, noch gar nicht berücksichtigt. Ich will damit sicher nicht sagen, die Aufhebung der Regulierungsmassnahmen der Obama-Ära werde dazu führen, dass es den Durchschnittsamerikanern besser geht. Ganz gewiss nicht. Doch die Unternehmen werden begeistert sein, und das möglicherweise in ausreichendem Masse, um wieder so richtig zu investieren. Der Optimismus ist schon jetzt spürbar.

Schulden werden steigen

Dann sind da die Aussichten auf massive Konjunkturimpulse, darunter eine enorme Ausweitung dringend erforderlicher Infrastrukturausgaben. (Trump wird die Opposition im Kongress vermutlich so weit unter Druck setzen, dass sie höheren Haushaltsdefiziten zustimmt.) Schon seit der Finanzkrise von 2008 sprechen sich Ökonomen aus dem gesamten politischen Spektrum dafür aus, die ultraniedrigen Zinsen zu nutzen, um produktive Investitionen in die Infrastruktur zu finanzieren, selbst auf Kosten einer höheren Staatsverschuldung. Projekte mit hoher Rendite bezahlen sich von selbst.

Deutlich kontroverser ist Trumps Plan einer massiven allgemeinen Einkommenssteuersenkung, von der überproportional die Reichen profitieren würden. Es stimmt, dass den reichen Sparern Geld zuschieben kaum so effektiv scheint, wie es den Armen zu geben, die von der Hand in den Mund leben. Trumps Gegenkandidatin, Hillary Clinton, sprach in einprägsamer Weise von «Trumped-up trickle-down economics» (fingierter Trickle-down-Ökonomie). Doch fingiert oder nicht: Steuersenkungen können den Konjunkturoptimismus beflügeln.

Es ist schwer zu sagen, um wie viel Trumps Konjunkturprogramm die Schulden erhöhen wird, doch Schätzungen von 5 Bio. $ über zehn Jahre – eine 25%ige Steigerung – scheinen vernünftig. Viele linksgerichtete Kommentatoren, die acht Jahre lang unter Obama darauf beharrten, dass von weiterer US-Kreditaufnahme kein Risiko ausgehe, warnen jetzt, dass eine höhere Kreditaufnahme durch die Regierung Trump dem finanziellen Weltuntergang den Weg bereiten würde. Ihre Scheinheiligkeit ist atemberaubend, selbst wenn sie jetzt näher an der Wahrheit liegen.

Normalisierung könnte bevorstehen

Um wie viel genau Trumps Politik Produktionsleistung und Inflation steigern wird, ist schwer einschätzbar. Je eher die US-Volkswirtschaft auf vollen Touren läuft, desto höher wird die Inflation ausfallen. Wenn die US-Produktivität wirklich eingebrochen ist, wie das viele Ökonomen glauben, werden zusätzliche Konjunkturimpulse die Preise sehr viel stärker steigen lassen als die Produktionsleistung; die Nachfrage wird dann kein neues Angebot anregen.

Falls die US-Wirtschaft andererseits wirklich enorme Mengen an nicht ausgelasteten und unbeschäftigten Ressourcen aufweist, wären die Auswirkungen der Trump’schen Politik auf das Wachstum beträchtlich. Im Jargon der Keynesianer ausgedrückt, ginge von der Fiskalpolitik noch immer ein grosser Multiplikatoreffekt aus. Man vergisst leicht, dass das grösste fehlende Puzzleteil für eine globale Erholung die Unternehmensinvestitionen sind, und wenn sie sich endlich einstellen, könnten sowohl Produktionsleistung als auch Produktivität sehr steil steigen.

Diejenigen, die fest an die Vorstellung von der säkularen Stagnation glauben, würden sagen, dass ein starkes Wachstum unter Trump so gut wie unmöglich ist. Aber wenn man wie ich glaubt, dass das langsame Wachstum der vergangenen acht Jahre weitgehend durch den Überhang an Schulden und Ängsten aus der Krise von 2008 bedingt war, dann ist es nicht so schwer vorstellbar, dass eine Normalisierung sehr viel näher liegen könnte, als uns bewusst ist. Schliesslich ist bisher nahezu jede Finanzkrise irgendwann einmal zu Ende gegangen.

Krugman hat sich geirrt

Natürlich ist all dies eine optimistische Sicht einer Wirtschaft unter Trump. Falls sich die neue Regierung als erratisch und inkompetent erweist (eine echte Möglichkeit), wird der Optimismus schell der Niedergeschlagenheit Platz machen. Doch man sollte sich vor Kommentatoren hüten, die sich sicher sind, dass Trump eine wirtschaftliche Katastrophe bringen wird. So beharrte am Vorabend der Wahl der Kolumnist der «New York Times» Paul Krugman unmissverständlich darauf, dass ein Wahlsieg Trumps einen Börsenzusammenbruch auslösen werde, bei dem eine Erholung nicht absehbar sei. Anleger, die sich auf seine Erkenntnisse verliessen, haben viel Geld verloren.

Auch auf die Gefahr hin, in Übertreibung zu verfallen: Es ist klug, sich daran zu erinnern, dass man kein netter Mensch sein muss, um die Konjunktur in Schwung zu bringen. In vieler Hinsicht war Deutschland genauso erfolgreich wie Amerika dabei, Impulse zu setzen, um die Wirtschaft aus der Grossen Depression zu heben.

Es stimmt schon, das Ganze könnte noch böse enden. Die Welt ist ein riskanter Ort. Bei einem globalen Wachstumseinbruch könnte das Wachstum in den USA schwer leiden. Trotzdem ist es deutlich wahrscheinlicher, dass die US-Konjunktur nach jahrelanger schwacher Erholung jetzt endlich so weit ist, erheblich an Fahrt aufzunehmen, zumindest für eine Weile.

Copyright: Project Syndicate.