Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Jahresendausgabe 2021
Unternehmen / Energie

Kommt nun die Wende in der Energiewende?

Nach einem Jahrzehnt der Aufbruchstimmung bei erneuerbaren Energien finden Forderungen nach Atom- und Gaskraftwerken wieder Gehör.

SYLVIANE CHASSOT UND RAINER WEIHOFEN

Erneuerbare Energien sollen Strom aus fossilen und Atomkraftwerken ersetzen sowie zur Dekarbonisierung des Verkehrs und der Wärmeversorgung beitragen. Fossile Energiequellen decken weltweit noch immer über 80% des gesamten Energiebedarfs ab, Erneuerbare kamen 2019 gemäss Bloomberg New Energy Finance auf 12%. Bis 2050 soll sich dieses Verhältnis umkehren – zumindest im «grünen Szenario» von Bloomberg.

Was sich auf dem Papier schön darstellen lässt, gerät in der Realität ins Stocken. In der Schweiz haben sich zwar Zigtausende Hauseigentümer eine Photovoltaikanlage aufs Dach gebaut. Für einen nennenswerten Beitrag zur nationalen Stromproduktion braucht es aber auch grössere Anlagen. Und hier harzt es. Bei der Photovoltaik weisen Energieversorger auf die mangelnde Rendite hin, Windkraftwerke bleiben aufgrund zahlreicher Einsprachen in den Beamtenstuben stecken. Ähnlich ergeht es der Wasserkraft. Die Produktion der Atomkraftwerke nimmt ab, und die Stromimporte der Schweiz stehen aufgrund der ungewissen Beziehung zur EU auf der Kippe.

Der Bund warnt vor einer Stromlücke im Jahr 2025. Dann tritt in der EU das sogenannte Clean Energy Package in Kraft, womit die Importmöglichkeiten der Schweiz, so die Befürchtung, abnehmen werden. Im Herbst kippte die Stimmung auch im europäischen Ausland von punktueller Skepsis zu Ernüchterung. Hohe Gaspreise, aber auch ungünstige Windverhältnisse gingen in den Monaten des Wirtschaftsaufschwungs mit hohem Energiebedarf einher und trieben die Strompreise in teilweise absurde Höhen. Spätestens jetzt ist klar: Halbherziger Zubau bei Erneuerbaren plus Atomausstieg und Dekarbonisierung der Energieversorgung, in der Schweiz obendrein möglicherweise im Alleingang – das ist eine Sackgasse. Damit ist die Stunde der Lobbyisten derjenigen Technologien gekommen, für die vor zehn Jahren noch Grabreden gehalten worden waren. In der Schweiz will die SVP das 2017 an der Urne besiegelte Verbot für neue Atomkraftwerke aufheben. Derzeit häufen sich die Schlagzeilen von vielversprechenden neuen Technologien, etwa kleinen Reaktoren oder sogenannten schnellen Brütern, die das Risiko eines Super-GAU minimieren sollen. Kommerziell in Betrieb ist allerdings keiner dieser neuartigen Reaktoren.

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