Märkte

Konjunktur in der Eurozone auf Talfahrt

Die Coronakrise reisst ein Wachstumsloch in die Wirtschaft der EU-Länder. Der «Tiefpunkt» stehe aber noch bevor.

(Reuters) Die Corona-Krise schickt die Konjunktur in der Eurozone auf eine steile Talfahrt und bremst zugleich die Inflation. Kurz vor dem Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) flatterten den Währungshütern am Donnerstag aus deren Sicht schlechte Nachrichten auf den Tisch: Die Inflationsrate im Euroraum ist laut Daten des Europäischen Statistikamtes mit nur noch 0,4% im April weit von den knapp 2% entfernt, die der EZB als Idealmarke für die Konjunktur gelten.

Und die Wirtschaft geht unter der Wucht der Pandemie in die Knie: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Währungsraum verringerte sich im Zeitraum von Januar bis März zum Vorquartal um 3,8% – der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen 1995. Die Zahlen belegten «die Heftigkeit des wirtschaftlichen Einbruchs bereits in den ersten drei Monaten des Jahres», so Ökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank (VPBN 120.6 -0.49%): «Das gerissene Wachstumsloch dürfte so schnell nicht wieder kompensiert werden können.»

Die Wirtschaft in Frankreich und Spanien, aber auch in Italien wurde hart getroffen: Das italienische BIP brach um 4,7% ein. Volskwirte hatten jedoch einen noch etwas stärkeren Rückgang befürchtet. Für Deutschland, das seine an Eurostat übermittelte Schätzung nicht veröffentlicht, lässt sich aus den Zahlen ein Minus von rund 2,5% ableiten, wie Commerzbank-Experte Christoph Weil mitteilte.

Es kommt wohl noch schlimmer

Laut KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib kann man aus dem Rückgang des BIP in der Euro-Zone um 3,8% schliessen, dass die Eindämmungsmassnahmen die Wirtschaft der Eurostaaten in den letzten drei Märzwochen um durchschnittlich 17% abgewürgt haben: «Die Zahlen aus dem ersten Quartal sind damit nur ein Vorgeschmack auf das, was uns im zweiten Quartal erwartet. Wir rechnen mit einem Einbruch um rund 15% und einer langsamen Erholung nach diesem Tiefpunkt.»

Da das Infektionsrisiko ganzjährig hoch bleiben werde, erwartet Ökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe, dass es bis Ende 2021 dauern wird, bis der Konjunktureinbruch wettgemacht ist.

Wirtschaftlicher Flurschaden 

Doch die Eurozone steht mit diesem beispiellosen wirtschaftlichen Flurschaden in der Krise nicht allein da: Das Coronavirus stürzt fast die ganze Welt in eine Rezession. Das geht aus der neuesten Umfrage des ifo-Instituts hervor, an der 1000 Experten in 110 Ländern teilnahmen. Demnach wird die globale Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,9% schrumpfen. «Das ist eine beispiellos niedrige Zahl seit Beginn der Umfrage 1989», teilten die Forscher des Münchner Instituts mit.

Anders als beispielsweise in den USA war die Wirtschaft der Eurozone aber bereits angeschlagen in die Krise gegangen. Sie steuert nun auf eine tiefe Rezession zu: Angesichts der drastischen Folgen der Virus-Krise hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde einem Insider zufolge jüngst vor einem herben Einbruch der Wirtschaftsleistung gewarnt. Sie habe den EU-Staats- und Regierungschef auf einer Videokonferenz düstere Konjunkturprognosen vorgestellt, nach denen das Bruttoinlandsprodukt im Währungsraum 2020 um bis zu 15% schrumpfen könnte.

Viele Euro-Länder hatten mit umfangreichen Geschäftsschliessungen und Beschränkungen des öffentlichen Lebens auf den Virus-Ausbruch reagiert. Unter anderen wegen der nachlassenden Nachfrage sank der Ölpreis. Ingesamt verbilligte sich Energie im April um 9,6%. Die Preise für Lebensmittel, Alkohol und Tabak zogen dagegen um 3,6% an. Dienstleistungen verteuerten sich um 1,2%.

Arbeitslosigkeit steigt vorerst nur leicht

Auch die Arbeitslosigkeit im Euro-Raum ist mit den ersten Anzeichen der Coronavirus-Krise leicht gestiegen. Die bereinigte Arbeitslosenquote kletterte im März auf 7,4%. Im Februar hatte es mit 7,3% noch den tiefsten Stand seit März 2008 gegeben.

Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte den jüngsten Anstieg mit Sorge registrieren, auch wenn die Krise am Arbeitsmarkt wegen des stärker ausgebauten Sozialstaats auf dem alten Kontinent vorerst keine amerikanischen Dimensionen annehmen dürfte. Die Hüter des Euro entscheiden gegen Mittag über den Leitzins, bevor sich Lagarde in einer Videoschalte den Fragen der Journalisten stellt. Volkswirte erwarten, dass sie auf jeden Fall die Bereitschaft der Notenbank betonen wird, die Konjunkturhilfen notfalls auszuweiten. An ihrem Leitzins, der seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0% steht, wird der EZB-Rat dagegen wohl nicht rütteln.


Krise trifft Arbeitsmarkt im Euroraum 


Die Arbeitslosigkeit im Euro-Raum ist mit den ersten Anzeichen der Coronavirus-Krise leicht gestiegen. Die bereinigte Arbeitslosenquote kletterte im März auf 7,4%, wie das Statistikamt Eurostat am Donnerstag mitteilte. Im Februar hatte es mit 7,3% noch den tiefsten Stand seit März 2008 gegeben. Im vergangenen Monat waren 12’156 Millionen Männer und Frauen ohne Job – dies ist ein Anstieg zum Vormonat um fast 200’000. Im März begannen viele Länder mit einschneidenden Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie. Dies drosselte die Wirtschaftskraft und dürfte die Zahl der Erwerbslosen künftig hochschnellen lassen. Allein in Deutschland, wo bereits Zahlen für April vorliegen, gab es gut 300’000 Arbeitslose mehr als im März.

Den geringsten Wert bei der Arbeitslosenquote im März gab es EU-weit in Tschechien mit 2,0%, den Niederlanden (2,9%), Polen (3,0%) sowie Deutschland und Malta (je 3,5%). Die höchsten Werte verzeichneten Griechenland (16,4 Prozent im Januar) und Spanien (14,5%).