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Konkurrenz für den Dollar

Zum ersten Mal seit langer Zeit kommt Wettbewerb auf die Zentralbanken zu. Mit etwas Glück können sich die Konsumenten auf bessere Dienstleistungen freuen. Ein Kommentar von S. Johnson.

Simon Johnson, Washington
«Der wachsende potenzielle Wettbewerbsdruck – der Libra-Effekt – schafft einen Anreiz, die Funktionalität des bestehenden Systems zu verbessern.»

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist der amerikanische Dollar der Dreh- und Angelpunkt des internationalen Finanz- und Handelssystems. Im Laufe der Jahrzehnte und trotz der vielen Höhen und Tiefen der Weltwirtschaft behielt der Dollar seine Rolle als die weltweit führende Reservewährung.

In schwierigen Zeiten, oder sobald Unsicherheit aufkommt, suchen Investoren in Dollar denominierte Vermögenswerte, besonders US-Staatsanleihen – ironischerweise selbst dann, wenn es in den USA eine Finanzkrise gibt. Infolgedessen hat das Federal Reserve Board, das den Dollarleitzins festlegt, einen enormen Einfluss auf die wirtschaftlichen Bedingungen auf der ganzen Welt.

Trotz allen damit verbundenen Innovationen, die seit der Einführung der dezentralen, auf Blockchain basierten Währung Bitcoin im Jahr 2009 zu beobachten sind, hat die Einführung moderner Kryptowährungen bislang nahezu keinen Einfluss auf den globalen Appetit auf Dollar.

Die Förderer dieser neuen Geldformen hegen natürlich immer noch die Hoffnung, das bestehende Finanzsystem aufzumischen, doch die Auswirkungen auf die globalen Portfolios erweisen sich einstweilen als minimal. Die mächtigsten Notenbanken (v. a. Fed, EZB) bestimmen nach wie vor die globale Geld-Show.

Unterdessen gibt es jedoch einen neuen, potenziell ernsthaften Akteur auf der Szene: die Libra-Initiative von Facebook. Facebook und eine sich derzeit verändernde Koalition von Unternehmen planen, ihre eigene private Form von Geld zu lancieren, das in gewissem Sinne durch Bestände an Hauptwährungen besichert wäre.

Gegenwärtiges Zahlungssystem ist teuer

Libra könnte fraglos zu einer weit verbreiteten Zahlungsform werden – zum einen, weil Facebook monatlich über 2 Mrd. aktive Nutzer hat, zum anderen, weil das bestehende Finanzsystem voller Ineffizienzen ist. Wenn privates Geld es billiger, einfacher und sicherer machen könnte, Zahlungen vorzunehmen, dann würden die Konsumenten das gerne nutzen. Nur wenige Leute kümmern sich darum, was unter der Motorhaube der monetären Maschine ist; die meisten wollen bloss wasserdichte Transaktionen.

Leider ist es so, dass unser gegenwärtiges Zahlungssystem teuer zu betreiben ist, auch für Geldtransfers nach Übersee etwa in Form von Überweisungen von Arbeitskräften in ihre Heimatländer. Wenn Libra es den Leuten erlauben könnte, Geld so einfach (und so billig) zu senden, wie sie Updates auf Facebook posten, würde die Währung viele «Likes» erhalten.

Wir haben immer wieder erlebt, wie schnell eine disruptive neue digitale Technologie die wirtschaftliche Landschaft verändern kann, so wie etwa das Taxigewerbe von Uber und Lyft unter Druck gesetzt wurde.

Staaten können privates Geld verbieten

Bitcoin und andere Kryptowährungen wurden entwickelt, um Finanzintermediäre wie Banken zu ersetzen. Theoretisch wäre es möglich, einen Grossteil der Finanzdienstleistungen ohne die Art von Banken und anderen Vermittlern zu organisieren, die es derzeit gibt. Doch die sich entwickelnde Kryptomarktinfrastruktur kann noch kaum als verbraucherfreundlich bezeichnet werden. Es ist zu einfach, sein Geld zu verlieren oder auf vielfältige Weise bestohlen zu werden.

Im Gegensatz dazu ist Facebook ein Unternehmen der Digitaltechnik, das es versteht, Kunden zufriedenzustellen. Sicher, viele Kunden beschweren sich zunehmend über Facebooks Datenschutzrichtlinien oder die Einstellung zu politischen Aussagen, doch sie nutzen den Service weiterhin. Darin steckt eine potenziell starke Kombination: die schnelle Ausweitung der digitalen Technologie, die Konzentration auf billigere, sichere Finanztransaktionen und Sorglosigkeit gegenüber angestammten Systemen.

Natürlich hat Libra einige offensichtliche Nachteile, darunter die derzeitige Reputation von Facebook, nicht im öffentlichen Interesse zu handeln; es ist schwer vorstellbar, wie das vergangene Jahr für die Aussichten von Libra hätte schlechter ausfallen können. Es ist auch immer möglich, dass wichtige Länder eine private Form von Geld blockieren, indem sie befinden, dass sie nicht den Vorschriften entspricht, wie z.B. der Geldwäschebekämpfung und den Anforderungen an den Umgang mit Kunden (Know Your Customer).

Wenn nicht Libra, dann etwas anderes

Aber wenn Libra nicht vorankommen sollte, würde das einfach mehr Raum eröffnen für ein anderes, sorgfältigeres, von Unternehmen unterstütztes Projekt. Oder vielleicht kommt die Herausforderung von einer Währung, die von einem souveränen Staat ausgegeben wird – von denen jeder berechtigt ist, seine eigene Form von Geld zu entwickeln und zu emittieren.

Seit einiger Zeit wird spekuliert, dass der chinesische Renminbi den Dollar als wichtigste Reservewährung der Welt in Frage stellen oder sogar eines Tages verdrängen könnte. Vielleicht, aber es steht keinesfalls fest, dass wir uns diesem Tag nähern, denn es ist nicht klar, dass ausländische Investoren dem politischen System Chinas ihre Notgroschen anvertrauen werden.

Fed reagiert

Dennoch hat das Fed recht, besorgt zu sein. Der wachsende potenzielle Wettbewerbsdruck – der Libra-Effekt – schafft einen Anreiz, die Funktionalität des bestehenden Systems zu verbessern. Zum Beispiel durch das neue FedNow-System, das die Zahlungen beschleunigen wird.

Fed-Gouverneurin Lael Brainard erklärte neulich, das Fed werde moderat innovativ und der Dollar damit sicher sein. Vielleicht hat sie recht. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit kommt Wettbewerb auf die Zentralbanken zu. Mit etwas Glück können sich die Konsumenten auf ein besseres Dienstleistungsangebot freuen.

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