Meinungen

Konkurrenz kontra Korruption

Bestechlichkeit wirkt wie eine schädliche Zusatzsteuer. Diese «Steuer» zu streichen, würde die Weltkonjunktur elektrisieren. Doch Korruption ist eine Sumpfblüte rückständiger Politik. Ein Kommentar von Manfred Rösch.

«Korruption ist kein Marktversagen, sondern spiegelt die gesellschaftliche Organisation.»

Aus ökonomischer Sicht lässt sich Korruption als eine Sondersteuer übler Art begreifen. Eine Studie des National Bureau of Economic Research (einer privaten amerikanischen Denkfabrik) aus den Neunziger­jahren stellt zum Beispiel fest, dass eine Verschlimmerung von Singapurs Korruptionsgrad auf denjenigen von Mexikos gleichzusetzen wäre mit einer Steuererhöhung für Multis um zwanzig Prozentpunkte. Der Befund ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, doch in der Kernaussage und zur Illustration kaum überholt. Vergangenes Jahr figurierte Mexiko auf Rang 105 des Index der Korruptionswahrnehmung von Transparency International, Singapur auf Rang fünf. Vor fünfzehn Jahren zählte Singapur auch bereits zu den Spitzenländern, Mexiko war noch etwas ehrenhafter eingestuft als heute.

Die angesprochene Grössenordnung ist nicht übertrieben. Der Ökonom Paul Romer von der New York University zitiert in einem Aufsatz («Cutting the corruption tax», 2010) einen jungen Griechen, der zu Hause ein Unternehmen aufbauen möchte: Der Mann nähme liebend gerne eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um fünfzehn Prozentpunkte hin, sofern dafür Regierung und Verwaltung so sauber und effizient wären wie in Hongkong.

Korruption und ineffiziente Verwaltung sind siamesische Zwillinge, und sie wirken gemäss Romer wie eine ganz besonders schädliche Steuer: Diese belastet die ­wirtschaftliche Aktivität, ohne jedoch Steueraufkommen für die Allgemeinheit einzuholen – im Gegenteil, sie verfälscht und verringert somit, wie gerade in Griechenland, das an sich vorhandene Steuersubstrat.

Korruption schreckt ausländische Direktinvestitionen mehr ab als hohe Steuersätze, schreibt das National Bureau of Economic Research, weil sie ihrer Natur nach intransparent ist, sich nicht verlässlich vorausberechnen lässt und weil sich Arrangements zwischen informell «Steuerpflichtigen» und frivolen «Rentnern» rechtlich nicht durchsetzen lassen: Korruption steht für Willkür und Unsicherheit.

Weniger Investitionen, grössere Defizite

Das stört (westliche) Investoren mehr als die geforderten Beträge an den neuralgischen Schnittstellen von Staat und Privatwirtschaft. Die sind, wenn es beispielsweise ums Einholen von Bewilligungen geht, etwa eines simplen Nummernschilds für ein Geschäftsauto, ohnehin geringfügig. Wochenlanges Warten kann sich keiner leisten, also werden ein paar Real, Renminbi, Rubel, Rupien oder was auch immer als «Speed Money» für etwas ausgegeben, das dem Unternehmen ohnehin zustünde. Dergleichen ist lästig, aber gängige Praxis, und es verhagelt die Marge in den etwas schmuddeligeren Märkten nicht.

Geht’s jedoch um Substanzielleres als um kleine Trinkgelder für träge Bürokraten, dann wird die Korruptionssteuer wegen ihrer «Tarife», Risiken und wettbewerbsverzerrenden Auswirkungen prohibitiv. Der Standort gerät in Verruf. Was zu vermuten ist, hat die Wissenschaft mehrfach bestätigt: Es gibt eine erhebliche negative Korrelation von Korruption und Kapitalzufluss.

Wo Beamte mehr durch Beutedrang statt durch Dienstethos glänzen, schwinden die Investitionsanreize für ausländische Unternehmen, und für grössere einheimische steigen die Anreize, ihr Kapital an solidere Standorte zu verlagern; junge «Talente» versuchen es eh gar nicht in der Heimat. Die Wirtschaft wächst unter solchen Rahmenbedingungen, wenn überhaupt, klar unter ihrem Potenzial. So gesehen ist Korruption auch eine Steuer auf dem Wachstum des Bruttoinlandprodukts, letztlich ein unrechtmässiger Tribut, den alle bezahlen.

Der liberale Moskauer Ökonom Sergei Guriev sagte dazu 2012, die russische Wirtschaft könnte ohne ihren Hang zu Schmiergeld mit einer Rate von 6% wachsen statt der damals erwarteten 4%. Der italienische Rechnungshof schätzte vor Jahresfrist, dass Korruption die Volkswirtschaft rund 60 Mrd. € p. a. kostet, gut 3,5% des BIP.

Verbreitete Korruption korreliert, fast zwangsläufig, mit ungenügendem Steueraufkommen und in der Folge mit Schuldenwirtschaft der öffentlichen Hand. Eine Untersuchung von Daniel Kaufmann (vom Washingtoner Think Tank Brookings) zeigt, dass die griechischen Haushaltsfehlbeträge nicht einmal halb so gross wären, wenn das Land «nur» so korrupt wäre wie das nicht eben blütenweisse Spanien. Auch der durch Korruption beschleunigte Aufbau öffentlicher Schulden lässt sich als eine Steuer begreifen, die allen – besonders den Kindern und Kindeskindern – aufgebürdet wird.

En passant: Demzufolge müssten westliche Wohlfahrtsstaaten, die auf Pump umverteilen, als Wählerbestechungsdemokratien bezeichnet werden, denn an Wiederwahlzwang leidende Berufspolitiker «schmieren» ihre Klientel mit Geschenkzusagen auf Kosten anderer, vor ­allem Nachgeborener. So was tut nicht nur Berlusconi.

Ferner ist die Korruption vielleicht nicht gerade die Mutter aller Spekulationsblasen, doch sie kann einen ­wesentlichen Beitrag leisten. So geschehen in Irland: Dort produzierten lokale Politiker über das Baubewilligungswesen in Kumpanei mit Banken einen Immobilienboom. Die Zeche dafür zahlen die Bürger, quasi als Nachsteuer.

Die Korruptionssteuer im engeren Sinn – wahrhaft eine «Taxe occulte» – in allen Ausprägungen streichen: Ein wirksameres Stimulusprogramm für die Weltwirtschaft, eine erfrischendere Wellnesskur für zahllose Staatshaushalte lässt sich kaum vorstellen. Das ist zwar Wunschdenken, doch nicht restlos weltfremd. Hongkong, heutzutage nahezu vorbildlich, galt noch in den Siebzigerjahren als heillos korrupt, wie Costas Bakouris schreibt: Der Leiter von Transparency International Greece will seinen Landsleuten zeigen, dass nichts unmöglich ist. Hongkong hatte seinerzeit eine zupackende Antikorruptionsbehörde eingesetzt und liegt nun im oben angeführten Index auf Rang vierzehn, damit achtzig Plätze vor Griechenland.

«It’s the politics, stupid»

Gerade das Beispiel Hongkong zeigt, dass Korruption ursächlich nichts zu tun hat mit kulturellen Unterschieden. Der grosse Bruder China ist schliesslich ähnlich hochgradig korrupt wie Hellas, zum erklärten Leidwesen der (wie sauberen?) Spitze der Kommunistischen Partei, die in der Korruption eine enorme Gefahr sieht. Trotz der offenkundig hohen Korruptionssteuer in der Volksrepublik boomt dort die Wirtschaft, eine Knacknuss für die Hypothese von der Bremswirkung – wie hoch wären Chinas Zuwachs­raten ohne den Schmierzuschlag? –, doch nicht für die­jenige, wonach der Korruptionsgrad umgekehrt proportional ist zum Pluralismus in Wirtschaft und Politik.

Korruption ist kein Marktversagen, sondern spiegelt die Qualität der gesellschaftlichen Organisation, mithin ihrer Institutionen. «It’s the politics, stupid», lässt sich in Anlehnung an Bill Clinton sagen. Ein Blick auf den Korruptionsglobus zeigt: Je stabiler der Staat, desto kleiner der Schmierkoeffizient. Je offener die Institutionen sind, wirtschaftliche (Eigentumsrecht, Marktzutritt) und politische, je breiter verteilt und entsprechend verantwortlicher wirtschaftliche und politische Macht ist, desto seltener ist Bestechung. Oder, ein solider Ordnungsrahmen vorausgesetzt: Konkurrenz auf allen Märkten, auch auf den politischen, konterkariert die Korruption.

In Anwendung des Modells der Ökonomen Daron Acemoglu und James A. Robinson, die untersucht haben, weshalb Nationen scheitern («Why nations fail» ist ein Bestseller), stehen diejenigen Länder am besten da – auch in puncto Korruption –, die «Inclusive» statt «Extractive Institutions» haben, ein möglichst allen zur Teilhabe offenes System statt die Herrschaft ausbeuterischer Cliquen.

Wenn für darbende, in der Regel zugleich stark korrupte Länder Solidarität, d. h. Transfer verlangt wird, dann sollte folglich nicht primär an Geld gedacht werden. Bloss lassen sich Institutionen nicht per Knopfdruck überweisen. Doch fähige, untadelige Verwaltungsfachkräfte liessen sich entsenden. Der Ökonom Reiner Eichenberger (Freiburg i. Üe.) schlägt – nicht primär im Zusammenhang mit der Korruptionsbekämpfung – vor, innerhalb der EU den Markt für Bürgermeisterkandidaturen zu öffnen. Ein Deutscher als Sindaco, ein Finne als Dimarchos – das ­wären kleine, doch vielleicht richtige Rettungsschirme.

Leser-Kommentare

Martin Sinzig 12.02.2013 - 15:31

Es ist wohltuend, eine solche Herleitung zu lesen, die nüchtern analysiert und einmal mehr bestätigt, dass eben die Welt nicht einfach zu erklären ist, dass es meist eben mehr als nur ein paar populistische Schlagworte braucht, um den Kern einer Sache zu erfassen. Solche Kommentare sind einer der Gründe für mich, warum ich gerne FUW lese. Herzlichen Dank.