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Spitzenköche verstehen süss und sauer so zu kombinieren, dass das Resultat dem Gaumen schmeichelt. Ähnliches geschieht in der Markttechnik, wobei die Schmeicheleinheit hier dem Portemonnaie gilt, was indirekt dem Palat durch Zugriff auf die Gourmetküche zugutekommen kann.

Süss ist im Falle der Markttechnik die Homogenität der Erwartungen, sauer die Heterogenität. Zu viel Süsse ist an der Börse ebenso unverdaulich wie in der Spitzengastronomie, und so ist es auch mit der Säure. Warum Heterogenität der Naturzustand an der Börse ist, was die Erwartungen homogenisiert, damit überhaupt geordnete Marktprozesse möglich sind und wodurch sie zu schädlichen Exzessen getrieben wird, ist Gegenstand vor allem des zweiten Teils der Serie in der FuW von Heinz-Werner Rapp und mir. Der erste Teil erschien am vergangenen Samstag, das zweite Stück ist für diesen Samstag vorgesehen.

Gift

Die Marktbreite ist ein in mehreren Spielarten anerkannter Indikator der Bewegungen zwischen Homogenität und Heterogenität. Jedoch konzentrieren sich alle auf lokale Gegebenheiten.

Weniger populär ist die Ermittlung der Marktbreite anhand von Präferenzverschiebungen zwischen den elf Sektoren des MSCI Welt. In der Hierarchie der Messmethoden nimmt dieser Ansatz bei mir den mit Abstand ersten Rang ein, denn spekulative Blasen sind meistens zuerst über diesen Ansatz erkennbar. Die Geschichte lehrt, dass es zwei Voraussetzungen für deren Entwicklung braucht: billigen, leicht verfügbaren Kredit und Fantasie, dass es dieses Mal etwas gibt, was alles Bisherige aushebelt.

Gehen wir kurz durch die Geschichte: Eisenbahnen, Telefon, Radio, Automobile, Kegelbahnen, Musikautomaten, Konglomerate, Computer, Biotechnologie, Internet: Sie und noch einige mehr haben Blasen ausgelöst. In solchen steigt die Kapitalisierung von ein bis maximal drei Sektoren durch eine Kombination von Kurssteigerungen und Neuemissionen, während alle anderen Sektoren an Gewicht verlieren.

Und Gegengift

Seit Juli 2015 geschieht das Gegenteil: Alle paar Monate ändern sich die meisten Favoriten. Ein gutes Beispiel sind nichtzyklische Konsumwerte. Ein paar Zahlen, jeweils für Consumer Staples gefolgt vom MSCI Welt: Juli 2015 bis Februar 2016 –0,1/–13,8, bis Januar 2017 +1,5/+20,2, bis Juni 2017 +15,4/+8,0, bis Oktober 2017 –4,7/+4,3. Von Juli 2015 bis Oktober 2017 legte Consumer Staples 11,5% zu, der MSCI Welt 16,8%. In dieser Zeit hat nur Energy deutlich an Gewicht verloren, von 7,3% mit 108 Aktien im Juli 2015 auf 5,9% mit 89 Aktien aktuell. Doch gerade dieser Sektor war von Januar 2016 bis Dezember 2016 mit einem Zuwachs von 37% gegenüber +12% für den MSCI Welt der stärkste.

Was bedeuten häufige Präferenzverschiebungen in reifen Märkten? Dass es alle paar Monate neue Gewinner und neue Verlierer gibt. Die Durchlässigkeit der Erfolge unterschiedlicher Argumente steht sehr wahrscheinlich hinter der Beobachtung, dass vor Ausbruch von Bärenmärkten Präferenzverschiebungen nicht zu beobachten waren.

Präferenzverschiebungen stellen meiner Meinung nach ein Gegengift zu spekulativen Blasen dar. Sie sind Ausdruck eines insgesamt recht orientierungslosen Marktes, der immer wieder neue Informationen absaugt, um eine neue Richtung zu suchen. Spekulative Blasen sind das Gegenteil von orientierungslos.