Unternehmen / Schweiz

KPMG im Bann der Postauto-Affäre

Die Revisorin verliert das Mandat. Abklärungen der Aufsichtsbehörde laufen noch.

Der am Montag veröffentlichte Untersuchungsbericht über die PostAuto Schweiz AG hat ein präzedenzloses System illegaler Buchhaltungspraktiken zutage gefördert. Die Mitglieder der Konzernleitung von PostAuto wurden freigestellt, Post-Chefin Susanne Ruoff ist zurückgetreten. Eine zentrale Rolle spielte die Revisionsgesellschaft KPMG. Sie war die einzige, die von aussen hineinsah. Hätte sie Alarm schlagen können?

KPMG prüfte im untersuchten Zeitraum von 2007 bis 2015 die Konzernrechnung der Post und war Revisionsstelle der PostAuto seit deren Gründung vor zwanzig Jahren. Nach Mandaten ist die KPMG hinter EY (ehemals Ernst & Young), BDO und Marktführer PwC viertgrösste Wirtschaftsprüfungsgesellschaft der Schweiz.

Zu wenig hinterfragt?

Die Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard (KC), mit sechs Standorten und 160 Juristinnen/Steuerberatern eine der grössten Kanzleien der Schweiz, hat seit Weihnachten drei Millionen Dokumente gesichtet. Persönliche Befragungen durfte sie keine durchführen.

In der Betriebsbuchhaltung von Post Auto wurden mit 200 000 Buchungen fiktive Kosten bzw. Erlösminderungen ausgewiesen und so höhere Subventionen kassiert. KC kommt zum Schluss, dass KPMG «keine Pflichtverletzungen nachgewiesen werden können». Im Kapitel «Recht und Pflichten der KPMG» hält die Anwaltskanzlei fest, gemäss internationalem Konsens sei es nicht Aufgabe der ­Revisionsstelle, systematisch nach deliktischen Handlungen zu suchen. Die Prüfung soll so erfolgen, dass ein Jahresabschluss keine wesentlichen Fehlaussagen enthält, und zwar mit «angemessener ­Sicherheit» – also keiner Garantie, dass sämtliche falschen Angaben in der Jahresrechnung aufgedeckt werden. In der Lehre sei anerkannt, betont KC, dass die Revisionsstelle im zweiten Glied stehe.

Indessen müsse die Revisionsstelle eine «kritisch hinterfragende Grundhaltung einnehmen». Das war in diesem Fall nicht immer so, wie im Bericht erläutert wird. KC hebt hervor, dass KPMG sowohl als Revisionsstelle als auch in ihrer Beratungstätigkeit «den Durchblick über die Buchhaltungspraxis gehabt haben muss».

Auf Anfrage hält das Wirtschaftsprüfungsunternehmen fest, dass diese Textstelle «spekulativ» sei und nicht den Tatsachen entspreche: «Uns liegen keine Hinweise vor, dass KPMG-Mitarbeitende von bewusst irreführenden buchhaltungstechnischen Manipulationen in der subventionsrechtlichen Berichterstattung Kenntnis hatten. Wir weisen erneut darauf hin, dass die subventionsrecht­liche Berichterstattung der PostAuto Schweiz AG nicht Bestandteil der von uns geprüften Finanzbuchhaltung bildete.» KPMG hatte nicht die Aufgabe, die Leistungsverrechnungen innerhalb der Post-Tochter und die Wirksamkeit interner Kontrollsysteme zu prüfen.

Noch nicht gegessen

Trotzdem hat der Verwaltungsrat der Post als eine der vertrauensbildenden Massnahmen entschieden, KPMG das Mandat zu entziehen. KPMG zeigt «Verständnis dafür, dass die Post einen umfassenden Neuanfang anstrebt». In der Schweiz gibt es übrigens im Unterschied zur EU, wo der Prüfauftrag nach zehn Jahren neu auszuschreiben ist, keine zeitliche Begrenzung für die Mandatsdauer.

Mit dem Untersuchungsbericht von Kellerhals Carrard ist das Kapitel Post Auto für KPMG noch nicht abgeschlossen. Auch die eidg. Revisionsaufsichts­behörde RAB hat Abklärungen eingeleitet. Die RAB, eine unabhängige Einheit der Bundesverwaltung, nahm ihre Tätigkeit 2007 auf, nachdem Bilanzskandale den Bedarf aufzeigten. Die Abklärungen zur Rolle von KPMG laufen noch, erklärt Direktor Frank Schneider auf Anfrage. Weitere Informationen könne er zum heutigen Zeitpunkt nicht geben.

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