Meinungen

Kräftemessen auf dem Dach der Welt

Der indisch-chinesische Grenzkonflikt wird zwar im Himalaja ausgetragen, doch er ist ein Teil ­geopolitischer Umgestaltung im indopazifischen Raum. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli, Tokio
«Wird sich Indien stärker als bisher in Richtung USA orientieren?»

Die Welt hat in jüngster Zeit wieder einmal Kenntnis genommen von dem seit dem 19. Jahrhundert andauernden Grenzkonflikt zwischen Indien und China. Es geht um unwirtliche Terrains entlang des Himalajas, deren einzige materielle Reize vermutete Rohstoffe sein können. Doch so abgelegen die umstrittenen Grenzen von jeder Zivilisation auch sein mögen, stehen sie doch im weiteren Kontext im Gang befindlicher geopolitischer Umschichtungen im indopazifischen Raum. Es geht, mit anderen Worten, bei den Spannungen um und an der indisch-chinesischen Grenze um erheblich mehr als bloss um ­strittige Gebietsansprüche zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt.   

Der grosse chinesische Reformer Deng Xiaoping hatte seine Landsleute ermahnt, auf der Weltbühne nicht allzu grosssprecherisch aufzutreten und die eigene Macht bedeckt zu ­halten. Bis 2012 Xi Jinping die Parteiführung übernahm, wurde diese Devise eingehalten. In jüngster Zeit hat sich das Klima in Chinas näherer und fernerer Nachbarschaft indessen drastisch verändert.

Es war stets zu erwarten, dass der eindrückliche Aufstieg der Volksrepublik China zur zweitgrössten und bald grössten Volkswirtschaft der Welt über kurz oder lang auch sicherheitspolitische ­Folgen haben würde. In den vergangenen acht Jahren von Xi Jinpings Herrschaft hat das hegemoniale Antlitz von China konkretere Gestalt angenommen.  Erst stiegen die Spannungen im Südchinesischen Meer, wo China mit mehreren Anrainerstaaten im Streit um Inseln und Territorialgewässer steht. Danach verschärfte Peking die Tonlage gegenüber Taiwan, das als «abtrünnige Provinz» geächtet wird.

Quartett der Besorgten

In den vergangenen Wochen nahm die Gefahr des ­Ausbruchs eines offenen indisch-chinesischen Grenzkriegs zu. Im Ostchinesischen Meer geraten sich Japaner und Chinesen immer häufiger in die Haare. Die Beziehungen zwischen China und Australien haben einen neuen Tiefpunkt erreicht, und seit Donald Trumps Einzug ins Weisse Haus streiten sich die USA und China gleich an mehreren Fronten.

In Indien bleibt die Schmach der Niederlage im indisch-chinesischen Grenzkrieg von 1962 unvergessen. Damals wurden schlecht trainierte und schlecht ausgerüstete indische Truppen von Maos Volksbefreiungs­armee schwer geschlagen. In der Not musste der seinerzeitige indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru, der sich sonst gerne an der Seite des Chinesen Chou ­En-lai und des Indonesiers Sukarno als Anführer der ­sogenannten Bewegung der blockfreien Staaten zeigte, die Hilfe der Amerikaner anfordern.

Neu-Delhi behauptet zwar, die indischen Streitkräfte zu Land, in der Luft und zur See seien heute viel besser ausgerüstet als je zuvor und könnten es mit den Chinesen aufnehmen. An solchem nationalistischen Überschwang sind jedoch Zweifel angebracht. Die Zahlen zeigen ein Bild, wonach China in jeder Hinsicht im Vorteil ist. Gemäss dem Internationalen Währungsfonds ist Chinas kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandprodukt 2,5-mal grösser als dasjenige Indiens. Laut dem International Institute for Strategic Studies gibt China mit 180 Mrd. $ jährlich für die Verteidigung das Dreifache des entsprechenden indischen Budgets aus.

Indien befindet sich seit der Teilung des Subkontinents beim Abzug der Briten 1947 in einer Zweifrontenstellung. Gegen das ebenfalls über Atomwaffen verfügende Pakistan hat es mehrere Kriege geführt, und auch in scheinbar ruhigeren Zeiten ist das Verhältnis zum Erbfeind stets krisenanfällig. In den vergangenen Jahren hat Peking die Beziehungen zu Islamabad kräftig ausgebaut. Erhebliche chinesische Mittel sind in die Modernisierung der pakistanischen Infrastruktur geflossen, wobei der Ausbau des Hafens von Gwadar am Eingang zum Persischen Golf, die Errichtung von Pipelines und Überlandstrassen wie des Karakorum Highway zu den Projekten mit militärischer und ziviler Doppelnutzung gehören.

Seit Narendra Modi 2014 in Neu-Delhi die Regierungsführung übernommen hat, baut Indien seine Verteidigungskapazitäten aus und verstärkt vor allem im Raum des Indischen Ozeans die Flottenpräsenz. Doch auf sich allein gestellt kann es sich, besonders im Fall eines Mehrfrontenkriegs, nicht behaupten. Ins Blickfeld als mögliche sicherheitspolitische Partner rücken die Länder, die wie Indien über eine aggressivere, reichere und militärisch stärkere Volksrepublik China besorgt sein müssen. Es sind dies in erster Linie die USA, Japan und Australien. Dieses Quartett der Besorgten hat in den vergangenen Jahren den Rahmen der militärischen Kooperation schrittweise ausgebaut, ohne dass es bisher zu einer förmlichen Allianz (ALV 177.9 -1.54%) gekommen ist.

Obwohl die erratische Aussenpolitik der Trump-Regierung viel dazu beigetragen hat, die Furcht vor einem ersatzlosen Ende der Pax Americana in Ostasien zu ­nähren, sieht es in der Region etwas günstiger aus. Japan hat unter Ministerpräsident Shinzo Abe seine Überseepräsenz stärker profiliert. Indien und Australien haben für ihre Kriegsschiffe gegenseitige Hafenrechte vereinbart und die USA haben ihre Flottenpräsenz im indopazifischen Raum kräftig ausgebaut. Neu-Delhi wird sich überlegen, wie es zu den Problemen an seinen Landgrenzen ein strategisches Gegengewicht durch eine verstärkte Präsenz in Südostasien aufbauen kann. Es gibt in dieser Region mehrere Länder, die eine Alternative zum Hegemon China wünschen.

Das jüngste Kräftemessen auf dem Dach der Welt, das weiterhin ein substanzielles Kriegspotenzial birgt, hat Indiens Diplomatie auf Hochtouren gebracht. Die Frage steht im Raum, ob Neu-Delhi sich stärker als ­bisher in Richtung Washington orientieren wird. Präsident Trump und Premier Modi pflegen anscheinend eine gute persönliche Beziehung, doch gibt es in Indien auch grosse Vorbehalte dagegen, sich von den USA für ein Containment von China einspannen zu lassen. Inzwischen sind auch die Russen auf dem diplomatischen Parkett erschienen und nehmen wohl hinter den Kulissen Vermittlerdienste wahr. Indiens Arsenale sind zum grössten Teil mit russischen Waffen bestückt, und unter Putin hat Moskau ein solides Verhältnis zu Chinas Staatsführung aufgebaut.

Gefahr eines Atomkriegs

So weit entfernt die ganzen Machtspiele aus euro­päischer Sicht erscheinen mögen, so weitreichend können die Implikationen von Krieg oder Frieden auch für die westlichen Industriestaaten sein. Die Dynamos der Weltwirtschaft befinden sich im indopazifischen Raum. Durch den Indischen Ozean und das Südchinesische Meer führen lebenswichtige Handelsrouten, die für den Wohlstand auch der Schweiz von Bedeutung sind.

Nicht zuletzt muss es zudem Sorgen bereiten, dass sich mit Indien und China zwei Atommächte streiten. Die Eskalation der Rangeleien an der indisch-chine­sische Grenze in einen vollwertigen Krieg würde notwendigerweise auch die Option eines atomaren Schlagabtauschs enthalten, mit allen Folgen für die Region wie für die Welt insgesamt. Während des Kalten Kriegs bestanden die akutesten Kriegsrisiken im Raum des Nordatlantiks. Im asiatischen Jahrhundert sind sie dagegen im indopazifischen Raum. Die Argumentation, dass angesichts der wirtschaftlichen Verflechtungen und der gegenseitigen Interessen ein grossflächiger Krieg purer Wahnsinn wäre und dass es schon deshalb nicht zum Äussersten kommen werde, war in der Vergangenheit mehrfach zu vernehmen. Als eine his­torische Warnung davor, die Kriegstöne vom Dach der Welt nicht ernst zu nehmen, mag der Ausbruch des ­Ersten Weltkriegs dienen.