Unternehmen / Schweiz

Krieg entlarvt Verlogenheit von ESG

Die Wendehals-Mentalität der Banken bei der Nachhaltigkeit wird offensichtlich. Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Sylviane Chassot

«Anleger müssen selbst sicherstellen, dass Finanzprodukte ihren Wertvorstellungen entsprechen.»

Mit der Eskalation des Kriegs in der ­Ukraine haben sich Prioritäten verschoben. Offensichtlich werden die Bruch­stellen in ESG-Finanzprodukten, die in Unternehmen investieren, die in den ­Bereichen Umwelt, Soziales und Governance gut abschneiden.

Auf der Suche nach Alternativen zu russischer Energie sind Öl- und Gasförderer wieder salonfähig geworden, selbst, wenn sie mit enorm schädlichem Fracking arbeiten. Im S&P 500 ESG rangiert der US-Ölförderer Exxon bei der Gewichtung auf Position neun, der Elektroautohersteller Tesla hingegen ist seit kurzem nicht mehr in einem der wichtigsten ESG-Indizes der USA.

Wer den Nachhaltigkeitsboom der vergangenen Jahre als Schönwettermode kritisierte, fühlt sich jetzt bestätigt. Grundsatzdiskussionen zermürben die Branche und drücken auf Neugeldzuflüsse.

Rüstungsgüter in ESG-Fonds

Auch in Europa vollziehen sich erstaun­liche Wendungen. Möglich ist das, weil es auf die Frage, was eigentlich nachhaltig ist, keine klare und allgemein gültige Antwort gibt. Im Versuch, den Spielraum ­einzugrenzen, kreiert die Europäische Union eine EU-Taxonomie, die sämtliche Wirtschaftsaktivitäten in nachhaltig oder nicht nachhaltig unterteilt. Seit Ende 2021 haben auch Gas und Atomenergie den grünen Stempel.

Nun fordert die Rüstungsindustrie, ebenfalls in die Taxo­nomie aufgenommen zu werden. Mit der Lieferung von Waffen – etwa in die Ukraine – trage sie zu den Nachhaltigkeitszielen von Frieden, Gerechtigkeit und starken Institutionen bei. Würde das nicht anerkannt, bekämen Rüstungskonzerne von Banken, die sich an die EU-Taxonomie halten, kein Geld mehr, argumentiert die Rüstungslobby. Die steigenden staatlichen Militärausgaben zeigen den Ausweg aus diesem vermeintlichen Dilemma: Für Unternehmen, die den Anforderungen an nachhaltige Investments nicht genügen, aber dennoch für ein Land unverzichtbare Leistungen erbringen, kann der Staat die Finanzierung übernehmen.

Doch vereinzelte ESG-Fonds warten angesichts der Renditechancen im ­Rüstungsbereich nicht auf regulatorische Grundsatzentscheide und haben ihre Richtlinien bereits so angepasst, dass sie auch in Rüstungsgüter investieren können. Andere schliessen diesen Schritt entschieden aus. Die Spannbreite spiegelt die geteilten Meinungen der Investoren. Die deutsche Finanzmarktaufsicht Bafin zog aus dem fehlenden Konsens, was Nachhaltigkeit bedeutet, Konsequenzen und legte die geplante ESG-Richtlinie auf Eis. Ihr Präsident Mark Branson sagte jüngst vor Journalisten: «Es ist schwierig zu ­wissen, ob wir wirklich Anlegerbedürfnisse abbilden.»

Ausschluss vom Ausschluss

Anleger müssen selbst sicherstellen, dass Finanzprodukte ihren individuellen Wertvorstellungen entsprechen, und können sich dabei weniger denn je auf ESG-­Bewertungen verlassen. Eine Regulierung, die die Wirtschaft in Gut und Böse unterteilt, ist zum Scheitern verurteilt. Sie ist nicht sinnvoll, und wird Finanzinstitute auch nicht so schnell davon abbringen, in «Böses» zu investieren.

Aktuelles Anschauungsmaterial für die Wendehals-Mentalität in der Finanzbranche liefert der US-Bundesstaat Texas. Dort gilt seit Kurzem ein Gesetz, wonach der Staat nicht mehr in Fonds von Banken ­investieren darf, die ihrerseits Öl- und Gasunternehmen von ihren Fonds ausschliessen. Texas stellt derzeit eine Liste von Banken mit solchen Ausschlusskriterien zusammen. Das Nachrichtenportal Bloomberg hat Antworten von JP Morgan, HSBC und Co. publiziert. Bis auf zwei ­Institute beeilten sich alle, ihre Investitionen in Öl und Gas zu betonen.

Angesichts des Wachstums von ESG-Produkten vermuteten viele Anleger, dass hinter dem Boom auch Etikettenschwindel steckt. Jetzt ist klar: Sie hatten recht.