Meinungen

Krise ist nicht ausgestanden

Mehr Arbeitslose in der Schweiz in den kommenden Monaten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«In Sport und Kultur könnten schlimmstenfalls mehrere tausend Arbeitsplätze zur Disposition gestellt werden.»

Die Schweizer Wirtschaft scheint sich nach dem Lockdown zunächst gut zu ­erholen: Der private Konsum zieht wieder an, in vielen Industriebetrieben sind die Auftragsbücher gut gefüllt, und in Restaurants werden die Plätze wieder besetzt. Auch die Arbeitslosigkeit hat sich zunächst nicht so dramatisch entwickelt wie befürchtet. Die Arbeitslosenquote ist im Juni gar leicht gesunken, und die Kurzarbeit wurde nicht ganz so extensiv in ­Anspruch genommen, wie ursprünglich befürchtet werden musste.

Allerdings ist Vorsicht am Platz, die ­Bewährungsprobe steht noch bevor. ­Darauf weist unter anderem die neueste Ausgabe des Beschäftigungsindikators der Konjunkturforschungsstelle Kof der ETH hin. Der auf dem Umfrageweg erhobene, vorausschauende Indikator ist in den ­vergangenen Wochen zwar wieder leicht gestiegen, liegt allerdings noch immer tief im negativen Bereich.

Insgesamt überwiegt die Zahl derjenigen Unternehmen, die in unmittelbarer Zukunft einen Beschäftigungsabbau planen gegenüber denjenigen, die die Lage positiv beurteilen. Für die kommenden Monate rechnet die Kof entsprechend mit einem weiteren Stellenabbau. In ers­ter ­Linie betroffen sind das Gastgewerbe, die Industrie und auch der Grosshandel.

Doch damit ist es nicht getan, es könnte noch deutlich schlimmer  kommen. Dann nämlich, wenn der Bundesrat die Obergrenze für Veranstaltungen von 1000 Personen über den September hinaus beibehält oder gar auf 100 senkt, wie von gewissen Epidemiologen angeregt wird. In Vorwegnahme des bundesrät­lichen Entscheids hat der Direktor des Bundesamts für Gesundheit in der vergangenen Woche einer Lockerung dieser Limite eine klare Absage erteilt – ob er ­damit seine Kompetenzen überschritten hat, kann vorerst offen bleiben.

Die empirische Evidenz für eine Verlängerung oder gar Verschärfung des Grenzwerts ist dürftig. Die Modelle und Prognosen der Bundesepidemiologen ­haben sich in der Vergangenheit nicht ­gerade als treffsicher erwiesen, und das ­Bundesamt für Gesundheit hat seine Glaubwürdigkeit mit den Falschinformationen betreffend die Ansteckungsorte gleich selbst ruiniert.

Sollte die Begrenzung für Grossveranstaltungen nicht gelockert oder im Gegenteil sogar noch verschärft werden, hätte das weitreichende Konsequenzen. Den Sportbetrieben wie auch den kulturellen Institutionen und Veranstaltern würde der Boden vollends unter den Füssen weg­gezogen. Es ist kaum vorstellbar, dass der Bundesrat für diese Branchen noch ­einmal in die Schatulle greifen und ­mehrere hundert Millionen Franken ­locker machen würde.

In Sport und Kultur könnten schlimmstenfalls mehrere tausend Arbeitsplätze ­gefährdet sein. Hinzu kämen erhebliche und womöglich dauerhafte gesellschaft­liche Schäden. Der Bundesrat wird sich vor seinem Entscheid, den er vermutlich Mitte August fällen wird, sehr gut überlegen müssen, ob er für derartige Verheerungen wirklich die Verantwortung übernehmen will – und kann.

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