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Noch vor kurzem galten die Lehren von John Maynard Keynes als überholt, doch seit der Finanzkrise dominieren sie wieder im ökonomischen Richtungsstreit.

Noch vor wenigen Jahren galten seine Einsichten als überholt und widerlegt. Mit der Finanzkrise hat der Ökonom John Maynard Keynes jedoch eine Art Wiedergeburt erlebt. Die Debatten über ihn und den nach ihm benannten Keynesianismus werden aber auch 67 Jahre nach seinem Tod noch immer heftig geführt – innerhalb wie auch ausserhalb der Ökonomenzunft.

Die Vorstellung ist weit verbreitet, Keynes habe für jedes ökonomische Problem auf den Staat und staatliche Mehr­ausgaben gesetzt. Nicht wenige glauben sogar, er sei ein Sozialist gewesen. Doch Keynes war kein Gegner freier Märkte, ein Systemveränderer schon gar nicht. Im Gegenteil: Sein grösstes Anliegen war die Bewahrung der Ordnung, in der er lebte.

John Maynard Keynes gehörte der ­britischen Oberschicht an, schon sein Vater Neville war zu seiner Zeit ein bekannter Ökonom. Gesellschaftlichen Umgang pflegte Keynes in Künstler- und Philo­sophenkreisen, die sich mehr mit kontemplativen Themen von Lebensgenuss, Ästhetik und Logik befassten als mit Systemfragen. Seine Freunde sammelten sich im sogenannten Bloomsbury-Kreis, dem Literaten wie Lytton Strachey, das Ehepaar Virginia und Leonard Woolf oder Kunstmaler wie Duncan Grant und Vanessa Bell angehörten.

Und John Maynard Keynes war Investor an den Devisen- und den Kapitalmärkten – einer der aktivsten und erfolgreichsten seiner Zeit. Sein Vorgehen glich dem eines modernen Hedge Fund, weshalb er für diese Branche auch als Pionier gilt. Nicht nur auf eigene Kasse, sondern auch für seine Freunde und seine Universität hat er so viel Geld verdient.

Beruflich war Keynes als Universitätsdozent wie auch immer wieder für die britische Regierung als Ökonom, Berater und Unterhändler tätig. So gehörte er bei der Aushandlung des Versailler Vertrags nach dem Ersten Weltkrieg zur britischen Delegation. Empört über das Ergebnis, das er als Grundlage für künftige neue Span­nungen in Europa erkannte, quittierte er damals seinen Dienst und verfasste den damaligen Bestseller «The Economic Consequences of the Peace», in dem er mit dem Egoismus der Siegermächte abrechnete. Eine entscheidende Rolle nahm Keynes auch an der Konferenz von Bretton Woods gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ein, als die wirtschaftliche Nachkriegs­ordnung begründet wurde.

Retter des Kapitalismus

Um die Bedeutung von Keynes für die ökonomische Wissenschaft zu verstehen, muss man sich den Hintergrund der Dreissigerjahre vergegenwärtigen, das heisst die Zeit der grossen Weltwirtschaftskrise. Damals war die Vorstellung weit verbreitet, dass der Kapitalismus versagt habe. Ideologien wie der Faschismus, der ­Nationalsozialismus oder der Bolschewismus hatten starken Zulauf. Keynes, der diese Bewegungen für gefährlich und fehlgeleitet hielt, war überzeugt, dass keine fundamentale Systemveränderung notwendig ist, um die Krise zu meistern.

Der Kern seiner Analyse erscheint aus heutiger Sicht denkbar einfach und selbstverständlich: Woran es einzig mangelte, war eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Seiner Ansicht nach war es möglich, dass zu wenig konsumiert, ­investiert oder exportiert wird, um die vorhandenen Kapazitäten einer Volkswirtschaft auszulasten und so Vollbeschäftigung zu gewährleisten.

Doch das war ein Bruch mit dem vorherrschenden (neo-)klassischen ökonomischen Dogma seiner Zeit, wonach Märkte immer zu einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung tendieren sollten. Angesichts der Heere von Arbeitslosen weltweit und des damit verbundenen Elends hatten die Ökonomen damals ­wenig zur Erklärung der Lage bereit und konnten kaum etwas dazu sagen, wie sie zu verbessern wäre. Als John Maynard Keynes 1936 sein Hauptwerk «The General Theory of Employment, Interest and Money» veröffentlichte, schlug es in der Ökonomenzunft ein wie eine Bombe. Mit seinem Fokus auf aggregierte Grössen wie die gesamte Nachfrage einer Volkswirtschaft oder die gesamte Produktion begründete er ein neues Fachgebiet: die Makroökonomie.

Keynes schlug zur Bewältigung von Wirtschaftskrisen etwa das vor, was wir heute unter antizyklischer Konjunkturpolitik verstehen. Wenn die Wirtschaft in eine Rezession rutscht, sind Massnahmen zur Stimulierung der Gesamtnachfrage notwendig: niedrigere Leitzinsen, um Investitionen zu befeuern und den Aussenwert der Währung zu senken, geringere Steuern oder Mehrausgaben des Staates. Die Einsicht, dass zumindest langfristig die Märkte zu einem Ausgleich tendieren, hat Keynes mit dem berühmten Satz quittiert, dass wir langfristig alle tot sind.

Heute sind sich die Ökonomen weit­gehend darin einig, dass man die anti­zyklische Konjunkturpolitik am besten den Notenbanken überlässt, die über ihre Geldmenge den Leitzins steuern können. Geldpolitik war auch ein zentrales Thema bei Keynes. ­Berühmt geworden ist zum Beispiel seine Kritik an der Wiedereinführung des Goldstandards in Grossbritannien 1925 zu einem deutlich überbewerteten Kurs des Pfunds. Damit wurde die bri­tische Geldpolitik viel zu restriktiv und trug dem Land erhebliche Wettbewerbsnachteile ein.

Sonderfall Liquiditätsfalle

Dennoch hat Keynes in seinem Hauptwerk den Fokus auf die Fiskalpolitik gelegt. Das heisst, als Rezept bei einer fehlenden Gesamtnachfrage setzte er auf staatlich finanzierte Stimulierungsmassnahmen. In der Weltwirtschaftskrise hielt er die Geldpolitik für wirkungslos.

Laut Keynes herrschte das vor, was wir heute als Liquiditätsfalle bezeichnen: Die trüben Aussichten hemmten die Investitionsbereitschaft der Unternehmen und die Kauflust der Konsumenten. Die Wirtschaftssubjekte wollten aus Vorsicht lieber das Geld horten, und die Leitzinsen befanden sich bereits auf Niedrigstständen. Bargeld zu horten, war daher nicht mit Nachteilen durch entgangene Zinsen verbunden. Im Gegenteil: Weil das Preisniveau insgesamt fortwährend zurückging – man spricht dann von Deflation –, wuchs die Kaufkraft des gehorteten Bargelds ­laufend. Die Konsequenz war, dass die Gesamtnachfrage damit weiter einbrach.

Keynes ging beim Verfassen seines Hauptwerks noch von einer anhaltenden Wirkungslosigkeit der Geldpolitik aus, weshalb er auch für die Zukunft der Fiskalpolitik die Hauptrolle bei der Stabilisierung der Wirtschaft zuwies.

Tatsächlich erwies sich die Geldpolitik in den meisten Krisen seit der Grossen ­Depression bis 2008 wieder als äusserst wirkungsvoll. Keynes war aber – anders, als viele heute glauben – keinesfalls Anhänger der Vorstellung, dass staatliche Mehrausgaben jederzeit zu begrüssen sind. Während des Zweiten Weltkriegs hat er ausdrücklich vor der Inflationsgefahr durch zu hohe Staatsausgaben gewarnt.

Dass die Gesamtnachfrage durch staatliche Massnahmen stabilisiert werden kann und soll, gilt als Keynes’ Hauptbotschaft. Doch die Ökonomen haben bis heute Schwierigkeiten, diese Theorie mit den Annahmen vom berechnenden, nutzenmaximierenden Verhalten von Menschen auf Märkten in Einklang zu bringen, wie sie in der Mikroökonomie vorherrschen. Keynes’ Theorie fehlte daher die «Mikrofundierung».

Keynes hat seine Theorien auch nicht in Form stringenter Modelle präsentiert, wie sie in dieser ­Wissenschaft sonst üblich sind. So überrascht es wenig, dass die keynesianischen Modelle, wie Wirtschaftsstudenten sie heute lernen müssen, nicht von ihm stammen, sondern v. a. von John Hicks und Paul Samuelson, die beide später mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurden. Von Hicks stammt das bekannte IS-LM-Modell, von Samuelson das sogenannte keynesianische Kreuz. Allerdings waren auch diese Modelle nicht «mikrofundiert», auch sie liessen sich nicht mit den Annahmen in Übereinstimmung bringen, wie sie in der Mikroökonomie vorherrschen.

Als ab den Siebzigerjahren im Zug der sogenannten Rational-Expectations-Theorien die Vorstellung die ökonomische Zunft vollends durchdrang, nach der alle Subjekte nach Massgabe allen vorhandenen Wissens ihre Erwartungen für die Zukunft hochrational berechnen, blieb für die überlieferten keynesianischen Modelle kein Platz mehr übrig. Sie galten als widerlegt und verschwanden aus den Lehrplänen der Ökonomen.

Zwar begründeten Ökonomen wie Gregory Mankiw, David Romer, John Taylor oder der heutige IWF-Chefökonom Olivier Blanchard mit dem New Keynesianism erneut eine einflussreiche Denk­richtung mit Verweis auf Keynes, doch mit Keynes hat diese «Schule» nur gemeinsam, dass hier ebenfalls bezweifelt wird, dass eine Volkswirtschaft jederzeit zu einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung tendiert. Auch die New Keynesians gehen von «rationalen Erwartungen» der Wirtschaftssubjekte aus.

Ab- und Wiederaufstieg

Dass die Menschen rational berechnend ihre Zukunftserwartungen bilden und sich entsprechend bei Investitionsentscheidungen ausrichten, stellte Keynes’ eigene Ansichten allerdings auf den Kopf. Im ­berühmten 12. Kapitel seiner «General Theory» wies er auf die Bedeutung weit verbreiteter spontaner Stimmungen («Ani­mal Spirits») hin, die letztlich das Handeln und das Investitionsverhalten mehr bestimmen als eine rational berechenbare Einschätzung der Zukunft. Für eine solche Berechnung sah Keynes keine Grundlage. Treiber der Gesamtnachfrage sind laut Keynes massenpsychologische Phänomene, wie verbreiteter, ansteckender Pessimismus, der zu einer Wirtschaftskrise führen kann. Umgekehrt kann eine sich selbst nährende Euphorie gefährliche Übertreibungen auf Märkten und letztlich einer ganzen Volkswirtschaft hervorbringen.

Wie Keynes ein Jahr nach Veröffentlichung seines Hauptwerks klarmachte, lag ihm die Bedeutung dieser massenpsychologischen Wirtschaftsphänomene sehr viel mehr am Herzen als die wirtschaftspolitischen Handlungsanweisungen, die meist unter dem Begriff des Keynesianismus verstanden werden. Erst mit den Erkenntnissen der Behavioural Economics ab den Siebzigerjahren fanden solche psychologischen Betrachtungen den Weg zurück in die Wirtschaftswissenschaften. Auch der Ökonom Hyman Minsky entwickelte aufbauend auf diesen Einsichten Keynes’ seine Untersuchung der Instabilität der Finanzbranche.
Die dominierenden «keynesianischen» Modelle verleiteten Wirtschaftspolitiker weltweit nach dem Zweiten Weltkrieg zum Fehlglauben, mit einer stimulierenden Konjunkturpolitik lasse sich Wirtschaftspolitik praktisch nach Belieben steuern. Eine Ansicht, die Keynes nicht teilte. Diese Wirtschaftspolitik scheiterte in den Siebzigerjahren dramatisch, als die Inflation in vielen Ländern zweistellige Raten erreichte. Das trug damals wesentlich zum Durchbruch der erwähnten Rational-Expectations-Theorien bei.
Während die Karikaturvariante des Keynesianismus damit diskreditiert war, erlebten zentrale Einsichten von Keynes mit der Deflationskrise Japans seit den Neunzigerjahren und erst recht mit der Finanzkrise seit 2008 eine Wiedergeburt. Als damals die Weltwirtschaft drastisch einbrach, wurde überall auf Keynes’ Stimulierungsrezepte zurückgegriffen und damit ein Totalabsturz wie in den Dreissigerjahren verhindert. Wie nach der Analyse einer Liquiditätsfalle prognostiziert, führten die massiven Geldspritzen der Notenbanken in beiden Krisen nicht zu erhöhter Inflation, wie das in normalen Zeiten zu erwarten gewesen wäre.
Keynes’ Analyse der Krise ist dennoch nicht unumstritten, und sie erfasst bei weitem nicht alle ihre Aspekte. Konkurrierende Sichtweisen und weitere Facetten gehen auf die Ansichten anderer grosser Ökonomen zurück, die wir in der Fortsetzung dieser Serie porträtieren werden.