Meinungen

Künstliche Intelligenz beseitigt menschliche Dummheit

Corona und KI erwirken das Ende der Massenuniversität, die mit unzähligen Lehrkräften an vielen Schulen fast dasselbe unterrichtet. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Die enormen Skaleneffekte der digitalen Lehre provozieren eine Standardisierung und erlauben eine Optimierung.»

Wer eine führende Finanzzeitung liest, kann mit Formeln umgehen. Eine Ungleichung dürfte deshalb niemanden von der weiteren Lektüre abschrecken. Zwar klingt gMv > KI > mD zugegebenermassen etwas sperrig, doch die durch das Grösserzeichen (>) getrennten wenigen Buchstaben veranschaulichen in einfachster Weise, wie fundamental sich künstliche Intelligenz (KI) zwischen den gesunden Menschenverstand (gMv) und menschliche Dummheit (mD) schiebt, und wie sich dadurch die zentrale Aufgabe von Bildung künftig verändern wird.

Künstliche Intelligenz ist ein schillernder Begriff. Noch bleibt für Laien vieles eine Blackbox. Der Einfachheit halber soll hier KI lediglich die Fähigkeit von Apparaten meinen, Informationen (wie Daten, Fakten, Zahlen, bisheriges Wissen) eigenständig zu nutzen. Wichtig ist dabei die KI-Eigenschaft, alle verfügbaren Informationen mehr oder weniger stets und immer zu verarbeiten und weiterzuentwickeln – rasant schnell, rund um die Uhr und fehlerfrei. Nebensächlicher kann vorerst bleiben, ob es selbstdenkende Roboter, selbstlernende Maschinen, selbstrechnende Netzwerke, selbstfahrende Transportmittel oder selbstentscheidende Automaten sind, die von allein und ohne menschliches Dazutun eigenmächtig Entscheidungen treffen und selbständig Probleme lösen.

Für die Praxis ist entscheidend, dass KI aus «dummen» Apparaten «kluge» Geräte macht. Das selbständige Lernen ermöglicht es, mit rasender Geschwindigkeit aus unstrukturierter und sogar unvollständiger Information Muster zu erkennen. Prozesse lassen sich von selbstlernenden Maschinen eigendynamisch anschieben, steuern, überwachen, korrigieren und dadurch stetig verbessern. Zusammenhänge zwischen Aktion und Reaktion oder Ursache und Wirkung können präzise festgestellt und danach optimiert werden. Fehler werden erkannt und automatisch bereinigt. Erwartungen und Folgerungen oder Entscheidungen und Verhaltensweisen sind laufend überprüfbar, bewertbar und anpassbar.

Radikale Neuorientierung

Künstliche Intelligenz (KI) wird menschliche Dummheit (mD) aufdecken und beseitigen. Sie übernimmt damit eine Funktion, die in den vergangenen Jahrhunderten dem Bildungswesen oblag. Da galt lange, dass in jungen Jahren zunächst die Sozialisation im Vordergrund der Schulbildung zu stehen habe. Es ging um die Vermittlung grundsätzlicher Kenntnisse (wie Lesen, Schreiben oder Rechnen). Danach müssten sich mit fortschreitendem Alter die Gewichte verlagern. Mehr und mehr würden in weiterführenden Bildungsgängen spezielle Fähigkeiten und Fertigkeiten wichtiger. Sobald und soweit es dabei um Wissensvermittlung geht, verlangt nun KI eine radikale Neuorientierung.

Das Bildungswesen darf nicht mehr primär darauf ausgerichtet sein, durch Wissensvermittlung menschliche Dummheit (mD) zu überwinden. Es muss Fähigkeiten vermitteln, die jenseits von KI liegen. Dazu gehört eine Schulung des gesunden Menschenverstands (gMv). Damit ist zunächst die Urteilskraft angesprochen. Was ist möglich, was ist erlaubt? Was ist sinnvoll, was unsinnig und unvernünftig? Die Antworten folgen moralischen Wertvorstellungen, sozialen Normen und persönlichen Gefühlen. Damit wird offensichtlich, dass es bei Bildung jenseits von Sozialisation und Qualifikation, Fähigkeiten (Skills) und Kenntnissen (Knowledge) mehr und mehr darum geht, all das zu fordern, was KI eben (noch nicht annähernd) kann. Dazu gehören Kreativität und Fantasie, Neugier und Motivation, Teamgeist und Empathie, Kritikfähigkeit und wohl auch «Resilienz», eine während der Coronapandemie populär gewordene Eigenschaft, die Adaption und Adoption anspricht, also die Bereitschaft, sich neuen Umständen geschickt anzupassen.

Was gMv > KI > mD bedeutet, lässt sich am Beispiel der (Fach-)Hochschulen und Universitäten konkretisieren. Das während der Coronapandemie erst behelfsmässige, mittlerweile aber zum Normalfall gewordene Fernstudium zeigt, was sich da gerade verändert. Sobald Lehre digitalisiert wird, betritt sie das Spielfeld, auf dem Algorithmen und KI das Sagen haben. Ob ein Zoom-Angebot oder ein Video von zehn, hundert oder (zehn)tausend Studierenden genutzt wird, spielt in der Herstellung keine Rolle. Die Fixkosten bleiben gleich. Aber die Durchschnittskosten sinken mit zunehmender Studentenzahl.

Unglaubliche Möglichkeiten

Die enormen Skaleneffekte der digitalen Lehre provozieren eine Standardisierung und erlauben eine Optimierung. Was sich an einer Stelle bewährt hat, kann andernorts mit wenig zusätzlichem Aufwand und Kosten mitgenutzt werden. Gute Lehrangebote dürften sich somit durchsetzen. Sie verdrängen landes-, vielleicht sogar weltweit die schlechten. Wieso sollten sich Studierende mit dilettantisch in Eigenregie produzierten Amateurvideos zufriedengeben, wenn hochprofessionelle, von den Besten des Fachs angebotene Online-Lehre nur ein Mausklick entfernt ist?

Heute schon scheuen in vielen Grundlagenfächern grosse Lehrbuchverlage weder Kosten noch Mühen für ein sowohl inhaltlich wie didaktisch hochwertiges digitales Angebot. Exzellent geschulte, bestens vorbereitete und enorm motivierte Dozenten tragen das Basiswissen vor, unterstützt mit professioneller Bild- und Tonqualität, Erklärvideos, Animationsfilmen, Dokumentationen und Grafiken. Cross- und multimediale Zusatzangebote aus Mediatheken, Hintergrundmaterialien, Zugriff auf Datenbanken, Quellen und weiterführende Literatur gehören genauso dazu wie Fallstudien aus der Praxis, Anwendungsbeispiele, Chatrooms, Netzwerke, interaktive Foren, Seminare und Tutorien. Foliensätze und Übungsaufgaben, laufende Besprechungen und (Selbst-)Kontrolle der Lernfortschritte sowie Probeklausuren mit Musterantworten und individualisierter Nachbearbeitung ergänzen das Spektrum standardisierter Digitallehre.

Digitalisierung und KI bieten unvorstellbare Möglichkeiten, orts- und zeitunabhängig universitäre Studiengänge und akademische Bildungsprogramme zu nutzen. Fernstudium ermöglicht jederzeit, rund um die Uhr, einen massgeschneiderten Zugang zum Wissen der klügsten Gelehrten und deren feinsten und besten Ideen. Wer braucht bei so exzellenten digitalen Studienbedingungen überhaupt noch Lehrangebote, die zu fixen Zeiten an festen Orten vorgetragen oder im schlechtesten Fall vorgelesen werden – von Professoren, deren Interesse an der Lehre nachrangig ist oder deren pädagogische Fähigkeiten in der Berufung kein wirklich wichtiges Kriterium waren?

Lokale Angebote für das Spezifische

Erst Corona und künftig KI erwirken das Ende der Massenuniversität, die mit Tausenden von Lehrkräften an Hunderten Hochschulen in den Grundlagenfächern mehr oder weniger dasselbe unterrichtet. Das bedeutet in keiner Weise, dass lokale (Fach-)Hochschulen überflüssig werden. Aber sie müssen sich um den gesunden Menschenverstand kümmern, das gMV jenseits von KI. Sie müssen der durch KI vorangetriebenen (globalen) Standardisierung eine (lokale) Spezifizierung gegenüberstellen. Sie sollen aus Einheitsangeboten Vielfalt erzeugen. Es gilt, von Kultur zu Kultur und Ort zu Ort individuell unterschiedlichen Ansprüchen von Studierenden gerecht zu werden.

Für lokale Lehre geht es nicht mehr so sehr ums Wissen als um dessen Anwendung und Bewertung sowie ein kritisches Hinterfragen von Ergebnissen und Folgerungen. Dafür sind kleine Lehrgruppen gut geeignet, die von Persönlichkeiten betreut werden, die sich als Mentoren oder Motivatoren, Coach oder Trainer und weniger als autoritäre Respektsperson mit Wissensvorsprung verstehen. Sie erlauben, mit interdisziplinärer Teamfähigkeit, emotionaler und sozialer Intelligenz die für Menschen gegenüber der KI so wichtigen Vorteile zu erhalten und zu stärken.

Standardisierte Modularisierung im orts- und zeitungebundenen digitalen Fernstudium, gepaart mit spezifiziertem, massgeschneidertem Training des gesunden Menschenverstands in Präsenz vor Ort, sollten nach Corona zur Grobstruktur des (Fach-)Hochschulwesens werden. Damit wird besser als mit jeder Alternative auch gleich das Fundament für eine hochwertige akademische Weiterbildung für Erwachsene gelegt. Denn universitäre Mediatheken mit digitalen Lehrmodulen lassen sich auch von Personen mit Beruf oder Familie von zu Hause aus abrufen. Genauso wie Blockveranstaltungen lokal altersunabhängig und berufsbegleitend besucht werden können. Der gesunde Menschenverstand muss eben auch hier dafür sorgen, dass KI menschliche Dummheit zu überwinden hilft.