Meinungen

Kulissenschieben bei Credit Suisse

Die Schweizer Bank hat den Präsidenten ausgetauscht. Damit ist noch keines der vielen Probleme gelöst.

«Die finanziellen Probleme der CS sind enorm und ungelöst. »

António Horta-Osório ist als Verwaltungsratspräsident der CS zurückgetreten. Der Banker mit dem britischen Adelstitel hat sich in wenigen Monaten unmöglich gemacht. Wer lügt, kann kein Vorbild sein und kann somit keine neue Kultur der Verantwortung begründen. Ob dem VRP ausser Quarantänevergehen weiteres unstatthaftes Verhalten nachgewiesen wurde, wissen wir nicht. Gerüchte über einen Verkauf der CS könnten den Rücktritt aber auch beschleunigt haben.

Horta-Osório hat sich nicht nur aus moralischer Sicht als unfähig erwiesen, CS zu führen, auch aus Business-Perspektive war er nicht mehr haltbar. Eine Bank, die mit Nachhaltigkeit Geschäfte machen will, muss sich selbst an höchste Standards halten. Sie kann sich keinen Jetset-VRP leisten, weil sie sonst als Gegenpartei unglaubwürdig wird.

Die finanziellen Probleme der CS sind enorm und ungelöst. Ohne Glaubwürdigkeit sind sie nicht zu lösen. Glaubwürdigkeit allein genügt aber auch nicht. Der Verwaltungsrat der Credit Suisse hat per sofort Axel Lehmann zum Nachfolger von Horta-Osório ernannt. Der ehemalige Manager bei der Zürich-Versicherungsgruppe und bei UBS hat es nie ganz nach oben geschafft und ist sozusagen «zweite Wahl». Der zurückhaltende Lehmann wirkt etwas grau im Vergleich zu Horta-Osório. Doch jetzt sind Verbindlichkeit, Ernsthaftigkeit und Know-how gefragt.

Wieso Schwamm drüber?

So weit die erste Beurteilung. Auf den zweiten Blick fragt sich, ob wir nun einer Götterdämmerung beiwohnen oder einem blossen Verschieben der Kulissen, das Verantwortlichkeiten verdecken soll. Severin Schwan, der Roche-CEO und als Lead Independent Director der starke Mann im CS-Verwaltungsrat, ist die Schlüsselfigur beim Machtwechsel. Lange war ihm Untätigkeit vorgeworfen worden, nun hat er doch gehandelt. Es stellen sich einige Fragen.

Erstens: Wieso Schwamm drüber? Wenn der VRP einer Grossbank nach acht Monaten gehen muss, ruft das nach mehr Erklärung als «eine Untersuchung des Verwaltungsrats». Wen will Schwan schützen – Horta-Osório oder sich selbst? Schwan trägt als langjähriges Mitglied des Nominationskomitees des Verwaltungsrats der Credit Suisse mit Verantwortung für personelle (Fehl-)Entscheide.

Voreiliger Verzicht

Zweitens: Wieso wurde der VR-Posten sofort neu besetzt? Man hätte sich durchaus mehr Zeit lassen und nochmals eine saubere Suche aufgleisen können. Lehmann ist ein anerkannter Experte für Versicherungsrisiken. Zum VRP einer Grossbank hat es ihm bisher aber nie gereicht. Wieso reicht es jetzt? Nun verstehen weder der CEO noch der neue VRP der Credit Suisse das risikobehaftete Handelsgeschäft, das auch nach dem Ende der Hedge-Fund-Sparte einen bedeutenden Teil der CS darstellt. Auch im Private Banking hat der Neue keine Erfahrung.

Drittens: Wieso kettet sich Lehmann an die Strategie und an CEO Thomas Gottstein? Es ist richtig, dass man CS gerne ungestörtes Arbeiten verordnen würde. Die CS-Strategie ist aber weder ganz neu noch ganz überzeugend. Und kein ernstzunehmender VRP verzichtet von vornherein auf die Möglichkeit, strategisch und personell Veränderungen vorzunehmen.

Viertens: Wann kommt der Greensill-Bericht? Die Bank leidet operativ und wegen Rückforderungen von Kunden unter dem Skandal um die zusammengebrochenen Greensill-Lieferkettenfonds. Einige Verantwortliche mussten gehen, andere werden vermutlich durch die Geheimhaltung des Berichts geschützt. Glaubwürdigkeit und Transparenz gehören zusammen. Der Greensill-Bericht, der Auskunft gibt über die Zusammenhänge, die zum Zusammenbruch der Lieferkettenfonds geführt haben, muss deshalb schnell und umfassend publiziert werden.